Der Anfang dieses Jahrhunderts war geprägt von bahnbrechenden
Polbegehungen, sowohl zum Nord- als auch zum Südpol. Auf
verschiedenen Routen bahnten sich Menschen einen Weg zum "Ende der
Welt". Auch China leistete Großes, als man Mitte des Jahrhunderts
den Gipfel des Himalaya-Gebirges, den Qomolangma, vom Nordhang her
erstieg. Doch es dauerte bis zum Ende unseres Jahrhunderts, bevor
Wissenschaftler im Südosten des Himalaya, an der Verbindungsstelle
der eurasischen mit der indischen Festlandplatte, dort, wo der Fluß
Yarlung Zangbo eine Biegung nach Süden einschlägt, um das
Namjagbarwa-Massiv zu umgehen, das sagenhafte Flußtal des Yarlung
Zangbo entdeckte, das größte Flußtal der Welt.
Das Qinghai-Tibet-Plateau rühmt sich nicht nur mit dem höchsten
Gipfel der Welt, dem Qomolangma, sondern auch mit der größten
Schlucht der Welt, der Großen Yarlong-Zangbo-Schlucht. Zwischen dem
schneebedeckten Himalaya im Osten hat der Yarlong Zangbo-Fluß eine
gerade Nische gegraben, um plötzlich am hohen Namjagbarwa-Berg
abzubiegen und leztendlich in den Indischen Ozean zu münden. Er hat
damit die größte, tiefste und gefährlichste Schlucht der Welt
geschaffen, die über ein Gefälle von mehr als 2000 Metern innerhalb
von 200km im mittleren Bereich verfügt. Wie und Wann wurde diese
Schlucht entdeckt?
Am
17. April 1994 gab die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua
bekannt: Das tiefste Flußtal der Welt wurde entdeckt! Mit einer
Tiefe von 5382 Metern und einer Länge von 496,3 Kilometern ist das
Flußtal des Yarlung Zangbo das größte seiner Art in der Welt. Es
ist größer und tiefer als der Grand Canyon in den USA und Colca in
Peru. Diese Schlagzeile erweckte damals weltweit
Aufmerksamkeit.
Wo
die größte Schlucht der Welt liegt, darüber gab es über
Jahrhunderte hinweg keine Zweifel. Der Grand Canyon in Amerika galt
neben der Colca-Schulucht in Peru als die größte Schlucht der Welt.
Auch in Nepal befindet sich eine 4403 Meter tiefe Schlucht namens
Kali Gandaki. Obschon dies sehr tiefe Schluchten sind, können sie
doch von der Gesamtstruktur nicht mit dem Grand Canyon mithalten.
Einzig das Große Flußtal des Yarlong Zangbo läßt einen Vergleich
zum Grand Canyon in Colorado zu.
Die Chinesische Akademie der Wissenschaften stellte ab 1973 eine
Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen des
Qinghai-Tibet-Plateaus an. In den Jahren 1973 und 1974 sammelten
Wissenschaftler die ersten verläßlichen Daten und Zahlen über das
Flußtal des Yarlung Zangbo. Doch für eine Durchquerung der nicht
besiedelten, zentralen Flußgebiete reichte es zu jener Zeit noch
nicht. Zwischen 1982 und 1984 erstieg eine Bergsteigerexpedition
aus Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften das
Namjagbarwa-Massiv und führte dabei umfassende wissenschaftliche
Studien des Flußtals durch. Sie fanden 6 Zugänge zum Flußtal, doch
blieb auch dieses Mal eine Durchquerung der unbesiedelten Gebiete
unmöglich. Es dauerte bis zum Jahr 1994, bevor die renommierten
Wissenschaftler Yang Yizhou, Gao Dengyi und Li Bosheng
zusammenfanden und eine letzte Beratung zur Yarlung
Zangbo-Expedition vornahmen. Folgendes hielten sie damals fest:
Höhe: die tiefste Stelle zwischen den Gipfeln Namjagbarwa und
Jialabailei beträgt 5382 Meter. Die durchschnittliche Tiefe des
Flußkerngebietes um den Namjagbarwa beträgt 5000 Meter. Somit
übertrifft das Flußtal des Yarlung Zangbo schlängelt sich um das
Kerngebiet des Namjagbawa-Gipfels und erreicht eine Gesamtlänge von
496,3km. Damit ist es 50km länger als der Grand Canyon.
Das Flußtal des Yarlung Zangbo ist ein bedeutender Meilenstein
innerhalb grographisch bedeutsamer Entdeckungen in China zum Ende
des 20. Jahrhunderts. Aus wissenschaftlicher Sicht gesehen ist
diese geologische Formation von größter Bedeutung. Im Sept. 1998
wurde ihm vom Staatsrat der VR China offiziell der Name "Das Große
Flußtal des Yarlung Zangbo" verliehen. Es bildet mit dem Qomolangma
(8848 Meter) als höchstem Berg der Welt ein Glied in der Kette
außengewöhnlicher geographischer Strukturen.
Im
Oktober 1998 unternahm eine chinesische Untersuchungsgruppe,
bestehend aus 57 Wissenschaftlern und Reportern, die erste
wegbereitende Expedition durch die Schlucht. Die 39tägige
Forschungstour erstreckte sich auf etwa 600km.
Die Expedition belegte die neue Theorie von Wissenschftlern über
"Wasserfall-Gruppen". Es handelt sich dabei um eine Reihe von
kleinen Wasserfällen, die mit dem Hauptwasserfall innerhalb einer
kurzen Distanz verbunden sind. Die Wassefall-Gruppen eröffnen eine
unglaubliche Aussicht für die Schlucht und sind von unschätzbarem
Wert für die Entwicklung der Wasserwirtschaft und des
Tourismus.
Beim Flug über die Schlucht läßt sich erkennen, wie der Yarlung
Zangbo im Laufe der Zeit ein Bett in das Massiv geschnitten hat.
Hier, zwischen den gewaltigen, von ewigem Schnee bedeckten Massiven
im Ost-Himalaya bildet die tiefe Schulucth einen gewaltigen
Kontrast zur Höhe der Berge.
Die Schlucht des Yarlung Zangbo ist nicht nur von ihrem
geographischen Erscheinungsbild her etwas Besonderes. Sie ist im
gesamten Qinghai-Tibet-Plateau das größte wassserführende Gebilde.
Durch den Einfluß des feuchtmilden Klimas des Indischen Ozeans
weist dieses Gebiet eine ungewöhnlich hohe Feuchtigkeit auf. Dies
ist auch der Grund für die außergewöhnlich reiche Fauna und Flora
in der Schlucht. Eine dünne Besiedlung und eine reiche Pflanzenwelt
sind charakteristisch für diese Schlucht. Die vorherrschenden Nebel
verstärken das Bild vom "letzten Mysterium der Erde", als das das
Yarlung Zangbo-Tal gilt. Jeder, der einmal eine Expedition durch
dieses einmalige Gebiet gemacht hat, wird von seinem Zauber nicht
unberührt bleiben. Wasserfälle, Bäche, Gletscher und schneebedeckte
Gipfel sind hier zu sehen.
Aufgrund der steil aufragenden Felsen zu beiden Seiten der Schlucht
ist es so gut wie unmöglich, sich an ihr entlang fortzubewegen. Was
das Wasser angeht, so werden im Fluß 4425 Kubikmeter pro Sekunde
bei einer Geschwindigkeit von 16 Metern pro Sekunde bewegt. Während
der Expedition lebten die Wissenschaftler unter harten Bedingungen.
Täglich galt es aufs neue, den widrigen Naturbedingungen zu trotzen
und die Herausforderungen der Natur anzunehmen. Es wurden Bergpfade
erschlossen und Brücken geschlagen. Die Wissenschaftler kämpften
mit Hunger, Kälter, Sauerstoffmangel, Hitze, Wind und Regen, mit
Mosquitos und wilden Tieren, mit Steinschlägen, Lawinen und
Erdrutschen, mit Fieber, Hautschlägen und Erschöpfung. Trotz dieser
Qualen erhielt das Expeditionsteam mit der Unterstützung des
tibetischen Bergsteiger-Teams, der lokalen Regierungsstellen und
den Einwohnern Datenmaterialien aus erster Hand.
Die Ergebnisse dieser Forschungsreise lassenjedoch alle Mühsal wert
erscheinen. Zum ersten Mal gelang es nämlich, die gesamte Yarlung
Zangbo-Schlucht zu durchqueren. Vier große Wasserfälle wurden
entdeckt. Zum ersten Mal wurde das Satellitenortungssystem GPS
erfolgreich zum Orten von Höhen und Tiefen eingesetzt. Zahlreiche
seltene Pflanzen wurden entdeckt wie die Rote Bohnen-Tanne und
seltene Insekten. 4000 Insektenproben und über 1000 Pflanzenproben
wurden genommen, dazu 100 Gesteinproben und 50 Wasserproben. Spuren
äußerst seltener Tiere wie tibetische Gazelle, Steinbock und Takin
wurden entdeckt.