Dies ist der vierte Teil einer Reihe über die Pekingoper und andere
Opernformen in China. Wir möchten mit dieser Reihe einen
collagenhaften Eindruck von der Vielfalt und der gegenwärtigen
Situation der Oper in China vermitteln.
Die Grundlagen der Pekingoper
Gesungen wird in der Peking-Oper nach festgelegten Melodien, die
aber im Rhythmus variieren und gut die Gefühle und die seelische
Verfassung der verschiedenen Charaktere in unterschiedlichen
Situationen ausdrücken. Die Peking-Oper weist Dialoge und Monologe
auf. Rezitiert wird in Beijing-Dialekt mit und ohne Reim.
Jede Bewegung, wie sich am Bart zupfen, sich den Hut zurechtrücken,
die Ärmel schütteln oder den Fuß heben, folgt stilisierten Mustern,
hat symbolischen Gehalt und ist genau festgelegt. Feine
Veränderungen bringen hier die unterschiedliche emotionale
Intensität der verschiedenen Charaktere zum Ausdruck.
Typisch für die Peking-Oper ist, dass sie keinen Beschränkungen von
Zeit und Raum unterliegt. Es handelt sich bei ihren
darstellerischen Formen um Konzentrate und Überhöhungen von
Vorgängen des wirklichen Lebens. Alles, was man auf der Bühne
schwer darstellen kann, wird symbolisch vorgeführt. Im allgemeinen
gibt es als Requisiten nur einen Tisch und zwei Stühle. Viele
Vorgänge werden pantomimisch dargestellt: Imaginäre Türen werden
geöffnet geschlossen, Pferde werden bestiegen, indem man sich eine
mit Quasten geschmückte Peitsche reichen läßt und genau
vorgeschriebene Bein- und Armbewegungen vollzieht. Ein Ruder
symbolisiert ein Boot, zwei Fahnen mit Rädern stellen einen Wagen
dar usw. Gehen Darsteller auf der Bühne eine Runde, heißt das, sie
haben einen langen Weg zurückgelegt. Vier Generäle und vier
Soldaten bedeuten eine Armee von tausend Mann… Mit Hilfe von
Pantomime und Akrobatik wird auf hell erleuchteter Bühne ein Kampf
in tiefer Nacht dargestellt.
Zum Orchester gehören neben Streich- Blas- und Schlaginstrumenten
hauptsächlich verschiedenartige unterschiedlich große Trommeln und
Gongs sowie Taktschlegel aus Holz oder Bambus.
Bei den Rollen unterscheidet man "Dan" (weibliche Rollen), "Sheng"
(männliche Rollen), "Chou" (Spaßmacher) und "Jing" (bemalte
Gesichter). Bei den "Jing" kann man von den Farben der Masken her
negative und positive Charaktere sofort unterscheiden. Rot zeigt
treue und tapfere, Gelb grobe und starke Charaktere an. Weiß steht
meistens für listige und Schwarz oft für grobe, aber aufrichtige
Menschen. Gold und Silber zeigen an, dass es sich um Geister
handelt.
Bei den Peking-Opern-Kostümen orientiert man sich hauptsächlich an
der Kleidung der Ming-Dynastie (etwa 15. Jahrhundert). Alle Kostüme
entsprechen der Stellung und dem Charakter der jeweiligen
Rolle.
Manche Leute meinen, die Peking-Oper entspreche nicht dem normalen
Prinzip einer Oper, da der Kampf zwischen dem positiven und dem
negativen Element sich nicht schrittweise entwickelt. Denn bei der
Peking-Oper weiß man, ob es sich um einen guten oder schlechten
Charakter handelt, sobald ein Darsteller die Bühne betritt. Die
Peking-Opern-Fans kennen den Hergang der Geschichte der einzelnen
Opern sehr gut. Sie kommen nicht ins Theater, um neue Geschichten
zu hören und zu sehen, sondern hauptsächlich um einen Darsteller zu
sehen, der für seine Darstellungskunst bekannt ist. Bestimmte
Melodien oder Szenen mit besonderer Pantomime oder Akrobatik
bereiten ihnen großen Genuß, und so können sie sich die gleiche
Szene immer wieder ansehen.
Mei Lanfang, ein bekannter Peking-Opern-Darsteller, war der erste,
der die Peking-Opern-Kunst auf Tourneen (1919: Japan, 1929: USA,
1935: Sowjetunion) ins Ausland brachte. Ein anderer bekannter
Peking-Opern-Schauspieler, Cheng Yanqiu, machte im Jahre 1932 einen
Europabesuch, der Anlaß zu weiterem kulturellem Austausch gab. Er
hielt während seines Besuchs in der Schweiz auch eine Reihe von
Vorlesungen über die Peking-Oper.
Nach der Gründung des Neuen China 1949 waren chinesische
Peking-Opern-Truppen in Japan, Europa, Lateinamerika, den USA und
Afrika auf Tourneen. Und heute ist diese Opernart nicht nur die
Lieblingsoper der Chinesen, sondern wird auch von vielen
ausländischen Künstlern hochgeschätzt.
(Der fünfte Teil unserer Reihe zu Opern in China, „Piaoyou“, stellt
eine besondere Form von Anhängern der Peking-Oper vor. Der Beitrag
erscheint am Donnerstag.)
(China Heute/4. Juni 2001)