Home Aktuelles
Multimedia
Service
Themenarchiv
Community
Home>Kultur Schriftgröße: klein mittel groß
28. 07. 2009 Druckversion | Artikel versenden| Kontakt

Chinesische SNS: Schaufeln sich selbst das Online-Grab?

Soziale Netzwerkseiten (SNS) finden immer mehr Zulauf unter den chinesischen Internetnutzern. Experten sehen jedoch geringe Chancen für diese Seiten, wenn sie weiterhin den Fokus eher auf Spiele als auf Serviceangebote für das wahre Leben legen.

He Di macht den Alarm seines Handys aus und isst schnell sein Essen auf. Er steht vom Abendbrottisch seiner Freunde auf und hechtet nach Hause. Es ist Zeit, das "Gemüse" in seinem Online-Garten zu ernten, wie der Handyalarm angeordnet hat. He ist einer von 42 Millionen Nutzern der Sozialen Netzwerkseite (SNS) kaixin001.com.

iResearch, eine IT-Beratungsfirma, erklärte diese Woche gegenüber Xinhua, dass die monatliche Zahl an Nutzern von Kaixin001 im Juni 42 Millionen überstiegen habe – das ist über ein Zehntel der Gesamtzahl der chinesischen Internetnutzer. Die Kaixin-Nutzer, oder nennen wir sie die Kaixiner, sind verrückt nach Spielen von Kaixin001, beispielsweise "Gemüseanbau", "Parkplätze ergattern" und "Freunde kaufen", selbst auf Kosten von freier Zeit, die sie sonst zum Ausruhen oder mit Freunden verbringen könnten. "Ein solches Fieber kann nicht ewig anhalten", meint Zhao Fujun, ein IT-Beobachter. Er macht den einseitigen Fokus von chinesischen SNS auf Spiele gegenüber Serviceangeboten für das wahre Leben in seinem Artikel für seine negative Prognose verantwortlich.

Liu Xingliang, Geschäftsführer von Chinalabs, einer in Beijing ansässigen Internet-Forschungsfirma, unterteilt die chinesischen SNS in drei Kategorien: einerseits Seiten für Netzwerke unter Fremden wie 51.com und QQ, so genannte Myspace-ähnliche Seiten. Zweitens Seiten für Netzwerke unter Freunden, wie etwa Kaixin001 und Xiaonei, so genannte Facebook-ähnliche Seiten. Und drittens Seiten zur Informationsverbreitung wie fanfou.com, so genannte Twitter-ähnliche Seiten.

Jedoch seien, meint Liu, keine der Seiten eigentlich für ihr ursprüngliches Ziel da, sondern voll von Spielen. Insbesondere Kaixin001 sehe mehr und mehr aus wie eine Firma für Onlinespiele. "Kaixin001 hat nur gelangweilte Büroangestellte angezogen, die nach Zeitvertreib im Büro suchten, so dass sie diesen kostengünstigen und idiotensicheren Spielen auf der Seite verfielen", erklärt er, "doch sie werden eines Tages keinen Reiz mehr an den Spielen finden."

Diesen Monat hat der "alteingesessene" Kaixiner Wang Ping versucht, seinen Kaixin-Account auf der Online-Auktionsseite Taobao für 8.000 Yuan, umgerechnet rund 800 Euro, zu verkaufen. Mit neun Monaten im Spiel hatte er einen "Parkplatz" im Wert von 250 Millionen Dollar in der Währung der Webseite und "Eigentum" im Wert von 300 Millionen Dollar gewonnen. Wang erklärt, er sei nicht länger interessiert an diesen Spielen. Die Myspace-Nutzerin Jenny Townsend, eine amerikanische Journalistin in China, erzählt: "Ich habe Myspace verlassen, weil ich es eigentlich als soziales Netzwerk genutzt hatte, aber ständig zu Spielen eingeladen wurde. Das hat mich genervt."

Eine Umfrage von comScore, einer internationalen IT-Marktforschungsfirma, besagt, dass Myspace, die weltgrößte SNS, im Juni knapp vier Millionen Nutzer verloren hat. Werden chinesische SNS Myspace folgen? Zhao Fujun meint, die meisten frühen Registrierten von Kaixin001, darunter auch er, hätten aufgehört, es zu nutzen. Doch da es immer viele Newcomer gebe, habe sich die Zahl der Registrierten im Juni laut iResearch von 36 Millionen im Mai auf 42 Millionen im Juni vergrößert.

"Ihre Kunden zu behalten sollte die oberste Priorität der SNS sein", meint Ruan Wenjing von iResearch. Doch er gesteht zu, dass die Strategie mit den Spielen gut war, um den Ball ins Rollen zu bringen, denn die chinesischen Internetuser nutzen das Internet hauptsächlich zur Freizeit. Der neueste Bericht des Chinesischen Internet-Netzwerk Informationszentrums (CNNIC) bestätigt, dass das Internet am häufigsten zum Entertainment genutzt wird. Doch für die Zukunft, meinen Zhao und Ruan, könne sich diese Geschäftsstrategie nicht halten.

Liu Xingliang, Chef von Chinalabs, meint: "SNS haben das Ziel, eine Plattform für Freunde zu bieten, damit sie Informationen und Gefühle austauschen können, zum Beispiel Buchempfehlungen, Songs zum Hören, persönliche Meinungen und so weiter. Man kann auf diesen Seiten sogar Rat in wichtigen Lebensfragen suchen. Doch leider ist das nicht, was chinesische SNS anbieten. SNS-Nutzer schwelgen hier nur in dem illusionären Vergnügen, Häuser, Limousinen und sogar Frauen kaufen zu können."

Zhao zeigt außerdem auf, dass SNS kein intaktes Gewinnmodel haben. "Zurzeit kann keines der SNS-Unternehmen Gewinne machen, sondern sie verpulvern nur das Geld der Kapitalisten." Er lobt das Gewinnmodel von QQ.com, einer Firma, die mit Serviceangeboten wie Sofortnachrichten angefangen hat. Mittlerweile hat sich ihr Service auf die Expansion von Suchmaschinen, QQ-Spielen, Portal-Webseiten, Onlineauktionen und Bezahlservice ausgeweitet. "Ziemlich viele dieser Serviceangebote sind profitable. Die Börsenbewertung der Firma beläuft sich auf 10 Milliarden Yuan", so Zhao. Ruan und Liu erwarten trotz allem eine aussichtreiche Zukunft für SNS in China, es hänge nur davon ab, "ob sie auf die richtige Bahn geleitet werden können", meint Zhao.

Quelle: Xinhua

Druckversion | Artikel versenden | Kommentar | Leserbrief | zu Favoriten hinzufügen | Korrektur

Kommentar schreiben
Kommentar
Ihr Name
 
Kommentare
Keine Kommentare.
mehr