Opern in China (Teil II): Yu Kuizhi, die führende Persönlichkeit in der Pekingoper (2)
Dies ist der zweite Teil einer Reihe über die Pekingoper und andere Opernformen in China. Wir möchten mit dieser Reihe einen collagenhaften Eindruck von der Vielfalt und der gegenwärtigen Situation der Oper in China vermitteln.


Das Werk Yu Kuizhis


Yu Kuizhi spielt den Rollentypus Laosheng (die männliche Heldenrolle). Seine Darbietung ist dadurch gekennzeichnet, dass er die Essenz der bekannten tradierten Schulen wie der von Yu Shuyan, Li Shaochun und Yang Baosen aufgenommen, andererseits aber einen eigenen Stil entwickelt hat, u.a. durch die angemessene Übernahme bestimmter Elemente des Gesangs der europäischen Opernkunst. So hat er traditionellen chinesischen Opernstücken eine neue künstlerische Darbietungsform gegeben. Das ist auch ein Grund, warum seine Aufführungen von traditionellen Stücken sowohl ältere als auch jüngere Zuschauer begeistert.

Ein repräsentatives Werk von Yu Kuizhi ist die „Geschichte einer leeren Stadt“. Darin verkörpert er den Militärstrategen Zhuge Liang, den weisesten Mann der chinesischen Geschichte. Durch seine Darbietung bringt er die Weisheit und den Mut Zhuge Liangs zur Anschauung.

In diesem Stück geht es, kurz zusammengefasst, um Folgendes: In der Periode der Drei Reiche (220–280) erlitten die Truppen des Staates Shu wegen der Unfähigkeit ihres Kommandanten Ma Su eine Reihe von Niederlagen. Der General des Staates Wei drang mit seinen Soldaten bis vor die Stadt Xi, wo keine Truppen stationiert waren. Zhuge Liang, dem Militärstrategen von Shu, blieb nichts anderes übrig, als sich für eine höchst riskante Lösung zu entscheiden. Er ließ das Stadttor öffnen, bestieg mit zwei jungen Dienern den Stadtturm und spielte gelassen die klassische Zither. Der General des Staates Wei war verblüfft, es fiel ihm außerordentlich schwer zu beurteilen, ob die Stadt Xi leer ist oder ob man einen Hinterhalt gelegt hatte. Er hörte die Musik und merkte nicht im geringsten Unsicherheit oder Angt. So schloss er, dass ein Hinterhalt gelegt wurde und die Musik nur ein Mittel war, um seine Truppen in die Falle zu locken. Daraufhin ließ er seine Truppen zurückziehen. So rettete Zhuge Liang sich und die Stadt vor einer Katastrophe. Eine bekannte Geschichte, ein altes Stück. Doch Yu Kuizhis Darbietung gibt neuen Aufschluss über den Charakter des Weisen Zhuge Liang, der in vollendeter Weise dargestellt wird.

Für Yu Kuizhi ist die Pekingoper eine künstlerische Schatzkammer. Darin sind die guten Tugenden der Chinesen und die kulturelle Tradition Chinas zu erkennen. Deshalb bemüht er sich auch um die Wiederaufführung alter Stücke. Es gelang ihm z. B., das alte Stück „Wildschweinewald“ wieder zur Aufführung zu bringen. Das Stück basiert auf dem klassischen Roman „Die Räuber vom Liangshan-Moor“. Es spielt in der ausgehenden Nördlichen Song-Dynastie (960–1127): der Sohn Gao Qius, des ranghöchsten Beamten am Hof, will die Frau Lin Chongs, des Exerziermeisters der in der Hauptstadt stationierten Truppen, in Besitz nehmen. Er intrigiert gegen den Exerziermeister, so dass dieser unschuldig verurteilt und nach Cangzhou strafversetzt wird. Der Intrigant besticht außerdem die Gerichtsdiener, damit diese Lin Chong im Wildschweinewald ermorden, doch im kritischen Moment wird Lin Chong von Lu Zhishen gerettet. In Cangzhou muss Lin Chong ein Futterlager bewachen. Gao Qiu versucht erneut ihn zu töten. Er schickt einen Brandstifter, der im Lager Feuer legen soll, doch Lin Chong deckt das Komplott rechtzeitig auf und tötet den Brandstifter. Daraufhin flieht Lin Chong zusammen mit einem Verbündeten zu den „Räubern vom Liangshan-Moor“.

Aufrichtigkeit und der Aufstand gegen das Böse bilden das Thema dieses Stücks. Yu Kuizhi verkörpert den Helden Lin Chong. Seine Darbietung verleiht dem Helden klare Charakterzüge, außerdem wird die Handlung durch die Neubearbeitung gestrafft. Die Wiederaufführung dieses Stücks war ein großer Erfolg und fand beim Fachpublikum und bei den Zuschauern ein positives Echo. Es gehört heute zum Repertoire des Ensembles.

(Der dritte Teil unserer Reihe zu Opern in China beschäftigt sich mit der Geschichte und den Grundlagen der Pekingoper. Der Beitrag erscheint am Mittwoch.)

(China Heute/2. Juni 2003)