Opern in China (Teil IX): Pekingoper- Sollen Männer weiter Frauen mimen?
In diesem und dem nächsten Beitrag stellen wir Ihnen die vermutlich bekannteste Rolle in der Pekingoper vor, die Dan-Rolle. Die Dan-Rolle ist eine von Männern gespielte weibliche Rolle. Sie ist mittlerweile sehr umstritten. In diesem Artikel werden wir Sie allgemein mit der Diskussion um die Dan-Rolle bekannt machen, um dann im folgenden Beitrag etwas näher auf die Dan-Rolle an sich einzugehen.

Männer spielen weibliche Rollen. Das ist Tradition in der Peking-Oper – doch die Tradition ist vom Aussterben bedroht.

Wen Ruhua, gehört zu den besten Schauspielern seines Genres. Allerdings bekam er in den letzten Jahren nur wenig Aufträge. Dabei, sagt er, fühle er sich als Sänger noch fit und wolle die Bühne nicht vorzeitig verlassen.

Wen Ruhua hat Jahrzehnte lang eine klassische weibliche Rolle gespielt. Er ist 55 Jahre alt, trotzdem gilt er als derzeit jüngster Peking-Opernsänger in einer weiblichen Rolle.

Die Peking-Oper entstand während der Zeit der Qing-Dynastie (1644-1911). Damals wurden fast alle Rollen, auch die weiblichen, von Männern gespielt. In feudalen Zeiten war es für chinesische Frauen ein Tabu, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Nach Gründung der Volksrepublik 1949 änderte sich diese Situation gründlich. Frauen arbeiten seitdem in den verschiedensten Berufen mit ihren männlichen Kollegen zusammen.

Inwieweit das auch auf die Dan-Rolle in der Peking-Oper zutrifft, ist unter den Experten umstritten. Fakt ist: Derzeit gibt es an der Beijinger Theaterhochschule und auch an der Chinesischen Theaterhochschule nicht einen einzigen männlichen Studenten, der die weibliche, die Dan-Rolle, studiert. Ausgebildete Sängerinnen haben auf der Bühne diese einst nur von Männern gespielte Rolle übernommen. Selbst viele alte Peking-Opernfans sehen mittlerweile gerne Frauen in der Dan-Rolle. Zhang Xuefeng, ein Peking-Opernliebhaber, meint, Männer in weiblichen Rollen seien unnatürlich. Deshalb sei es korrekt, wenn Frauen Frauen mimten.

Gegen Ende der Qing-Dynastie waren vier berühmte männliche Dan-Darsteller hervorgetreten, u.a. Mei Lanfang, Shang Xiaoyun, Cheng Yanqiu und Xun Huisheng. Mei Lanfang, der berühmteste unter den vier Künstlern, hat zahlreiche Frauenfiguren dargestellt. Sein Rollenspiel hat Personen wie Charlie Chaplin, Konstantin Sergejewitsch Stanislawskij und Bertold Brecht fasziniert.

Mei Baojiu, der Sohn von Mei Lanfang und ebenfalls ein sehr bekannter Dan-Darsteller, betonte, dass Männer in der Dan-Rolle im wahrsten Sinne des Wortes eine traditionelle Darstellungskunstform seien. Es gehe dabei nicht einfach nur um das Imitieren von Frauen. Es sei sehr bedauernswert, wenn dieser Beruf aufgrund mangelnden Nachwuchses aussterbe.

Meis Meinung nach können Frauen Männer, was die Dan-Rolle anbelangt, nicht ausreichend ersetzen. Denn sowohl von der Körperkraft, als auch von der Dynamik der Stimme und der kontinuierlichen Präsenz auf der Bühne her hätten Frauen Nachteile. Mei unterrichtet zu Hause seinen Neffen in der Dan-Rolle.

Manche Leute in China behaupten, die männlichen Dan-Darsteller seien auch im wirklichen Leben zu feminin. Mitunter werden sie sogar als „schwul“ beschimpft. Wen Ruha setzt dagegen, ein guter Schauspieler werde niemals Kunst und Leben verwechseln.

Anders argumentiert der Theaterforscher Huang Zaimin. Er sagt, die Ästhetik müsse mit der modernen Gesellschaftsentwicklung mithalten. Männer in männlicher Rolle und Frauen in weiblicher Rolle seien heute für die Zuschauer akzeptabel, Männer in weiblicher Rolle dagegen würden als anormal empfunden – sie symbolisierten einen längst vergangenen gesellschaftlichen Zeitgeist. Das Aussterben der männlichen Dan-Rolle spiegele die natürliche Entwicklung der Gesellschaft und den Respekt vor der menschlichen Natur wider.

Die Streitigkeiten über dieses Thema werden sicherlich noch länger andauern. Interessanterweise ist die männliche Dan-Rolle außerhalb des chinesischen Festlands und im Ausland bei den Zuschauern nach wie vor sehr beliebt. Aufführungen von männlichen Dan-Darstellern wie Wen Ruhua und Song Changrong finden dort viel Beifall. Bei einem Wettbewerb von Peking-Opern-Liebhabern trat sogar ein 32 Jahre alter britischer Ingenieur in einer Frauenrolle auf: Er spielte erfolgreich die Rolle Yang Guifei – einer Schönheit aus der Tang-Dynastie.

Ebenfalls interessant ist das Phänomen, daß Frauen in männlicher Rolle in der in Südostchina weit verbreiteten Yue-Oper bislang noch nie kritisiert worden sind. Dabei gab es auch männliche Darsteller, die diese Männer-Rolle zu spielen versuchten – doch die Zuschauer bevorzugen bis heute Frauen. Die Anzahl der männlichen Darsteller innerhalb der Yue-Oper ist deshalb wieder zurückgegangen.

Eine diplomatische Ansicht über den Peking-Oper-Streit vertritt der Leiter des Theaterforschungsinstituts beim Kulturministerium, Wang Ankui. Er sagt, es sei doch ein gutes Phänomen, wenn die Leute ihre Geschmacksunterschiede nicht verschwiegen und sich offen aussprächen. Ähnlicher Meinung ist sein Kollege Yin Xiaodong, der im Kulturministerium mit der Förderung der Peking-Oper betraut ist. Yin sagt, die Regierung bemühe sich sehr um die Rettung der Peking-Oper, wolle jedoch nicht mit konkreten Maßnahmen eingreifen. Das Schicksal der männlichen Dan-Rolle entscheide sich in einer offenen Gesellschaft von selbst, sagt Yin Xiaodong. Es solle daher auch bewußt offengelassen werden.

(Im nächsten Beitrag aus unserer Reihe zu Opern in China gehen wir, wie eingangs bereits angekündigt, etwas detaillierter auf die Dan-Rolle an sich ein. Der Beitrag erscheint am Donnerstag, den 19. Juni 2003.)

(China.org.cn, 17. Juni 2003)