Opern in China (Teil XVI): Die Magie der Chinesischen Oper (2)

Heute lesen Sie in unserer Reihe zu Opern in China den zweiten Teil eines Beitrags über den Ursprung und die Gemeinsamkeiten der Opern in China. Der erste Teil erschien am vergangenen Dienstag.

Die Bühne als kleine Welt, die Welt als große Bühne

Die Chinesische Oper hat in mehreren tausend Jahren ihrer Entwicklung ihre Besonderheiten entwickelt. Obwohl die verschiedenen Darstellungstechniken auf der Bühne voneinander abweichen, haben doch alle Opern aus den verschiedenen Landesteilen eines gemeinsam: Das Streben nach Abstraktion.

Beim westlichen Schauspiel, dass auf das Griechische Drama zurückgeht, sind mit dem Anheben des Vorhangs Ort, Zeit und Milieu des Stückes in der Regel klar definiert. Die Chinesische Oper ist zwar gleichfalls eine Bühnenkunst, ihre Darstellungsmethoden sind allerdings nicht so komprimiert wie die des westlichen Schauspiels. Vielmehr bedient sie sich fiktiver Ausdrucksmittel. Die lebendige Darstellung durch die Schauspieler und das Verständnis und die Vorstellungskraft des Publikums vervollständigen die Schilderung der Handlung. Aus diesem Grunde kann die Chinesische Oper bei hellem Licht die Illusion einer dunklen Nacht kreieren, kann auf einer kleinen Bühne die Illusion eines Pferderittes oder einer Bootsfahrt erzeugen.

Genau wie bei der Chinesischen Landschaftsmalerei, die eine bildhafte Darstellung präferiert, bemüht sie sich um abstrakte Darstellung eines Sinnes hinter den Dingen, im Gegensatz zum westlichen Realismus, der der Realität Farbe verleiht und sie durchleuchtet.

Gestaltung der Bühne

Das hervorstechendste Merkmal der traditionellen Bühnengestaltung der Chinesischen Oper ist ihre Einfachheit, es gibt keinerlei komplizierte Theaterkulissen und keine blendende Bühnenbeleuchtung - ein Tisch und zwei Stühle sind genug und manche Stücke benötigen selbst diese nicht, lediglich ein freier Platz reicht aus. Erst mit dem Auftritt der Schauspieler erfahren die Zuschauer durch deren Spiel allmählich, wo und wann die dargestellte Handlung spielt.

Je nach Intention haben Tisch und Stühle auf der Bühne unterschiedliche Bedeutungen. Der Tisch kann beispielsweise eine große Halle oder ein Arbeitszimmer verkörpern oder auch ein Bett oder einen Berg. Ein Stuhl kann eine Sänfte oder auch einen Brunnen darstellen. Was Tisch oder Stuhl bedeuten, erschließt sich erst aus dem Spiel der Schauspieler. In gewisser Weise könnte ein Stuhl das gesamte Universum darstellen.

Bedeutung der Theaterkulisse

In der Chinesischen Oper wird ein Szenenwechsel nicht durch Veränderungen der Bühnendekoration oder des Lichtes angekündigt sondern durch ganz konkrete Bewegungen der Schauspieler eingeleitet. Soll beispielsweise eine Nachtszene dargestellt werden, wird der Schauspieler trotz der hellerleuchteten Bühne eine unsichere, wachsame Haltung zeigen, wird mit den Augen blinzeln und dem Publikum mit seinen unsicheren Bewegungen den Eindruck vermitteln, dass die taghelle Bühne sich in tiefe Nacht verwandelt hat, in der man die Hand vor Augen nicht mehr sieht.

Masken

Die Masken der Figuren in der Chinesischen Oper sind ebenfalls abstrakt, besonders kommt dies in den Gesichtsmasken der einzelnen Charaktere heraus. In der traditionellen Chinesischen Oper hat jede Figur zur Unterstreichung ihrer besonderen Eigenschaften eine ganz bestimmte Maske in ganz bestimmten Farben.

Bei negativen Charakteren ist die Maske überwiegend in Weiß gestaltet, loyale und tapfere Charaktere wie Guan Yu, ein bekannter, dem Herrscher treu ergebener General aus der Zeit der Drei Reiche, haben schwerpunktmäßig rote Masken. Cholerische Figuren haben eine orchideenförmige Gesichtsform. Aufrechte, nicht egoistische Figuren weisen viel Schwarz in der Maske auf, glückliche Figuren haben ein lachendes Gesicht und kummervolle ein weinendes. Das Publikum kann also ganz einfach aus der Gestaltung der Gesichtsmaske Rückschlüsse auf die jeweilige Person ziehen. Das ist ein sehr praktischer und zugleich bildhafter Aspekt der Chinesischen Oper.

Bühnenverhalten der Figuren

Die auf der Bühne dargestellte Handlung ist recht frei und lebendig. Je nach Bedarf wird sehr viel oder sehr wenig gesprochen. Ein Kreis auf der Bühne kann einen endlos langen Weg symbolisieren, ein einziger Satz eine Zeitspanne von einigen Jahren umfassen. Auf der anderen Seite kann aber auch zum Ausdruck der inneren Gefühle der Charaktere ein langsam vorgetragener Singsang von 20 Minuten das reale Zeitgefühl verlängern. Die Länge des Bühnenauftritts der Figuren in der Chinesischen Oper ist nicht am wirklichen Leben sondern an den Bedürfnissen der Figurengestaltung und der Handlung orientiert.

Das Leben hinter der Bühne

Die Kunst der Chinesischen Oper kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Dies ist zum einen ihrer Umgestaltung durch viele berühmte Künstler und Literaten zu verdanken, doch ihre wahre Vitalität bezieht sie aus dem Volk selbst. Dies gilt für die Pekingoper genauso wie für die vielen anderen Lokalopern.

Im Gegensatz zu der ernsten Atmospäre beim westlichen Schauspiel und in der westlichen Oper ist die Chinesische Oper viel volksnäher und populärer. Egal ob in einem alten Schuppen an einem Dorfeingang, auf der Bühne eines alten Teehauses oder im Baumschatten einer alten Gasse - man braucht nur ein bisschen Platz, ein paar Volksschauspieler, die die Szenerie beleben und natürlich ein paar unermüdliche Zuschauer. Wenn auch die Theaterrequisiten schlicht sind, der Platz winzig klein und die sängerischen Fähigkeiten der Darsteller sich in Grenzen halten, ist es doch gerade diese erdverbundene Liebe des Volkes zu seiner Oper, die eine Entwicklung der Chinesischen Oper von der Basis her ermöglicht hat.

Die in Shanxi und Henan verbreitete Pu-Oper hat sich allein durch die Kraft des Volkes unablässig weiterentwickelt. Sie ist sehr einfach und urtümlich und ihre Masken, Personen und Phonetik weisen ganz bestimmte Besonderheiten auf. Außer von wenigen großen regulären Schauspielensembles in den Städten wird die Pu-Oper heutzutage hauptsächlich von Wanderschauspielern dargeboten.

Bei diesen volkstümlichen Darbietungen gibt es ein bestimmtes Repertoire an Stücken, für die dann die jeweiligen Ensembles gebildet werden. Es gibt wenige feste Hauptdarsteller, die anderen Rollen werden größtenteils aus der örtlichen Bevölkerung besetzt. Die Schauspieler der Gruppe sind in der Regel Allroundtalente. Ziehen sie zu einem neuen Ort, helfen alle bei allem mit.

Manchmal werden die Ensembles eingeladen bei der Eröffnung eines neuen Geschäftes ihre Künste darzubieten. Doch selbst dann hat ein Ensemble höchstens gut 100 Vorstellungen im Jahr. Den Rest der Zeit leben die Mitglieder des Ensembles genauso wie alle anderen Menschen im Dorf, arbeiten für ihren Lebensunterhalt auf den Feldern oder treiben Handel.

Mittlerweile hat die Chinesische Oper auch viele Ausländer in ihren Bann gezogen. In den großen Vorstellungen sieht man in den Zuschauerreihen immer häufiger ausländisches Publikum. Einige sind Opernsänger, die einen Austausch suchen, andere wiederum befassen sich mit chinesischer Volkskultur, doch die große Mehrheit sind einfach Touristen, die sich für die Chinesische Oper interessieren und hoffen, dadurch die Kunst der Chinesen besser verstehen zu können.

Sie sehen auf der abstrakt gestalteten Bühne wie sich Leid und Freud abwechseln, erleben die Melancholie einer Trennung auf ewig, schauen dem Glück einer Liebesaffäre zu, und obwohl es zahlreiche sprachliche und kulturelle Barrieren gibt sind sie mit ihrem so unterschiedlichen kulturellen Hintergrund beeindruckt von dieser so andersartigen Kunst des Ostens. Wenn sich zum Schluss der Vorhang senkt, sind sie es oft, die am lautesten klatschen.

(In den folgenden Beiträgen unserer Serie zu Opern in China werden wir Ihnen die „Ahnherrin der hundert Opern“, die Kunqu-Oper, vorstellen. Der erste Beitrag über die Kunqu-Oper erscheint am Dienstag den 15. Juli.)

(China im Bild/China.org.cn, 10. Juli 2003)