Alfons Labisch:Meine Geschichte mit China

20.05.2022

Meine Geschichte mit China ist eine lange Geschichte, eine Geschichte, die mein Leben tiefgreifend beeinflusst hat, die mein Leben weiterhin beeinflusst und die – hoffentlich – mein Leben noch lange beeinflussen wird. 

 

Als kleiner Junge – und das ist mehr als 65 Jahre her – habe ich viel gelesen, zumindest die Bilder angeschaut, darunter Reiseliteratur und darunter auch Werke von Ernst Haeckel über „Insulinde“ (lateinisch: „insula“ und „india“) für das heutige Indonesien. Ich war angetan von den Bildern der exotischen Orte, vor allem von den Vulkanen. Dorthin wollte ich gehen. Und ich wollte nicht nur nach Südostasien, sondern nach Ostasien im Allgemeinen: nach Japan und selbstverständlich nach China.  

 


Alfons Labisch hat Außergewöhnliches zum wissenschaftlichen und kulturellen Austausch mit China beigetragen. Er sagt: „Meine Geschichte mit China ist eine lange Geschichte, die mein Leben tiefgreifend beeinflusst hat.” 

  

Diese Kindheitsträume sind alle in Erfüllung gegangen. Nur China schien unerreichbar zu sein. Dazu ist zu sagen, dass ich der alten chinesischen Weisheit folge, nicht als Tourist um die Welt zu reisen, sondern dass ich es vorziehe, dorthin zu gehen, wo ich Einheimische kenne, die mir ihr Land aus eigener Erfahrung zeigen können. Und diese Gelegenheit ergab sich, als 2004 die Nachricht kam, dass die Volksrepublik China Konfuzius-Institute nach dem Vorbild der deutschen Goethe-Institute einrichten wolle. In Düsseldorf gab es damals schon eine große Gemeinde chinesischer Bürger. Schließlich waren und sind Düsseldorf und Nordrhein-Westfalen das Zentrum der wirtschaftlichen Aktivitäten chinesischer Unternehmen in Deutschland und inzwischen auch in Europa: Minmetals, ZTE, Huawei, Bank of China und viele andere globale Unternehmen haben ihren deutschen oder sogar europäischen Hauptsitz in Düsseldorf – mittlerweile gibt es über 1100 chinesische Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, davon über 600 in Düsseldorf. 

 

Im Jahr 2004 war ich Rektor der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Damals traten Werner Stüber, Peter Hachenberg und Li Xuetao an mich heran und fragten, ob ich generell Interesse daran hätte, ein Konfuzius-Institut an der Universität in Düsseldorf zu errichten. Ich habe diesem Plan sofort zugestimmt! Im Dezember 2006 wurde das Konfuzius-Institut an der Heinrich-Heine-Universität gegründet – gemeinsam getragen von der Universität, der Stadt Düsseldorf und Hanban (Chinas Zentrum für sprachliche Bildung und Zusammenarbeit). Damals war Werner Stüber Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Heinrich-Heine-Universität, Peter Hachenberg hatte fünf Jahre lang als Dozent an der Beijing Foreign Studies University (BSFU) gearbeitet und Li Xuetao hatte gerade seine Dissertation an der Universität Bonn bei Wolfgang Kubin abgeschlossen. 

 

Im Jahr 2006 übernahm ich den Vorsitz des Fördervereins des Konfuzius-Institut Düsseldorf. Über diese Funktion wurde ich 2007 in den Rat von Hanban berufen, 2009 zum Senior Consultant und schließlich 2011 zum Ehrenmitglied des Rates der Konfuzius-Instituts-Zentrale Hanban ernannt. Diese Aufgaben und Ehrungen – an denen ich unschuldig bin – waren der Grund dafür, dass ich seit 2007 mindestens einmal im Jahr in China war. Durch die von Hanban organisierten Jahreskongresse – die internationalsten Veranstaltungen, an denen ich je teilgenommen habe – und durch die von der Generalsekretärin von Hanban, Frau Xu Lin, organisierten Arbeitssitzungen des Rates im Sommer habe ich ein wenig von China, diesem riesigen Land, kennen gelernt.

 

  

Von der Beijing Foreign Studies University (BFSU) wurde Historiker und Mediziner Alfons Labisch zum Universitätsprofessor honoris causa ernannt. Unser Bild zeigt Labisch gemeinsam mit Peng Long, dem Rektor der Universität, bei der Überreichung der Auszeichnung am 5. Dezember 2016 in Beijing. 

 

Unsere Gastuniversität in China war und ist die Beijing Foreign Studies University. Wir sind jedes Jahr dorthin gefahren. Und es ist nicht verwunderlich, dass diese ständigen Besuche, die fast jedes Jahr in Deutschland erwidert wurden, zu weiteren und engeren Kontakten mit der BSFU führten. Diese Partnerschaft hat zu vielen gemeinsamen Reisen nach und in China geführt: nach Xi'an, Chengdu, Chengde, Wuhan, Qingdao, Zhengzhou, Wuhu, Yangzhou, Hongkong, Shanghai, Urumqi, Guiyang, Kunming, Xuzhou, Changchun und vielen anderen Orten. Und diese Aufenthalte und Reisen führten zu vielen unserer gemeinsamen Projekte, zu gemeinsamen Vorträgen und gemeinsamen Publikationen.

 

Was ist das Besondere, was ist anders an Ostasien im Allgemeinen und an China im Besonderen? Denn die Sehnsucht des kleinen Jungen nach exotischen Ländern und fernen Reisen hat sich selbstverständlich längst in geistige Reisen und spirituelle Abenteuer verwandelt. Um es in einem Satz zu sagen: Asien ist anders, jedenfalls anders als Europa. Und durch den Blick auf diese „Andersheiten“ Asiens lernen wir Europäer, unsere Kultur und unsere Geschichte besser zu verstehen. Selbstredend gilt dieser Satz auch umgekehrt: Je mehr die Asiaten, die Ostasiaten, die Chinesen über sich selbst lernen wollen, desto mehr setzen sie sich mit der Geschichte und Kultur anderer Länder auseinander. Wenn dieses gegenseitige Interesse zu gemeinsamer Arbeit, letztlich zu wechselseitigem Einvernehmen führt, kann das für beide Seiten nicht nur von Vorteil sein, sondern von tiefer Erkenntnis und letztlich von tiefer Freundschaft geprägt sein.

 

Was also ist dieses „Andere“? Darüber machen sich die Menschen Gedanken, seit der Westen und der Osten voneinander wissen. Ich kann hier nur meine Version anbieten, die sich – ich bin kein Sinologe, kann nur wenig Chinesisch und noch weniger Schriftzeichen – selbstverständlich auf die zum Teil lebenslange Arbeit vieler Vordenker, aber auch auf meine eigenen Arbeiten und Gespräche, vor allem mit chinesischen Wissenschaftlern und Studierenden, sowie auf viele Alltagserfahrungen stützt. Sobald wir zu den Ursprüngen des Denkens in Europa und Ostasien zurückgehen, bemerken wir eine völlig andere Sichtweise auf die Welt – ein Ergebnis eines Kurses mit Master- und Doktoranden an der BSFU. Schon die Vorsokratiker – jene europäischen Philosophen, die vor Sokrates und Platon lehrten – hatten ein Weltbild, in dem eine erkennbare Welt vom erkennenden Subjekt getrennt ist: Es geht darum, das Letzte zu finden, von dem aus sich alle Dinge erklären lassen. Die frühen ostasiatischen Quellen – das I-Ching und das Tao Te Ching – bieten ein dynamisches Weltbild, in dem sich die Dinge und Wesen im ständigen Ringen mit verschiedenen Wirkkräften immer wieder neu bilden: Es bedarf keiner dauerhaft gültigen Welt außerhalb der Welt – die Konstante ist der Wandel.

 

Aus diesen ersten Gedanken folgen völlig unterschiedliche Weltsichten, die zu völlig unterschiedlichen Menschenbildern führen. In China führen diese unterschiedlichen Menschenbilder – Individuum vs. Gemeinschaft – zu einem Leben in Gemeinschaft. In Europa führen griechische Philosophie und jüdisch-christliche Religion zu einer völlig anderen, auf das Individuum zentrierten Gesellschaft und Kultur. Selbstverständlich spielen auch geografische und biologische Gegebenheiten sowie historisch langfristige Entwicklungsmomente eine Rolle und sind Gegenstand der Geschichtsschreibung. China war in der Zeit der europäischen Aufklärung ein Vorbild – ein Riesenreich mit einer bis in die Urzeit zurückreichenden Geschichte, das ohne Staatsreligion auskam, ohne einen als einzig anerkannten Gott. Nur die Idee der Gemeinschaft, gelebt in festen Riten, hielt dieses Reich zusammen – trotz aller Naturkatastrophen und trotz aller geschichtlichen Wirren: Gottfried Wilhelm Leibniz bewunderte dies. In Europa ging die wissenschaftliche Revolution der frühen Neuzeit – (a) durch die atomistisch-mechanistische Sicht der Natur, (b) durch die Mathematisierung und (c) durch die Produktion von Fakten durch Experimente – letztlich auf die frühesten Gedanken der europäischen Philosophie zurück – auf Demokrit und Heraklit. Europa schuf die wissenschaftlich-technische Moderne und verbreitete sie über Kolonialismus und Imperialismus in der ganzen Welt. Aus europäischer Sicht galt China plötzlich als unzeitgemäß – historisch ein alter Mann, wie Hegel und andere diagnostizierten. Das änderte sich erst Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts. Heute ist China die Großmacht der Zukunft – viele Menschen im Westen haben dies noch nicht verstanden.

 

Um chinesische und westliche Kulturstudien zu ermöglichen, hat die BSFU das Institut für Globalgeschichte und die School of History eingerichtet. Dies geschah in enger Zusammenarbeit mit dem Konfuzius-Institut Düsseldorf, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Leopoldina, der Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften. Forschungsthema ist der Eurasische Wissensaustausch (欧亚知识交流). In diesem großen, ja überwältigenden Kosmos der Gelehrsamkeit versuchen wir in unseren Projekten, Workshops, Vorträgen und Lehrveranstaltungen, ausgewählte Themen besonders zu beleuchten und vielleicht sogar das eine oder andere Mosaiksteinchen zum Gesamtbild beizutragen. 

 

So fand im März 2011 das Internationale Symposium „Medizin als Medium multipler Modernen – Wissensaustausch und Modernisierungsprozesse zwischen China, Deutschland und Japan im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ im damaligen Studienzentrum Leopoldina der Deutschen Akademie der Wissenschaften statt. Der maßgebliche Wissenschaftler aus China – sowohl bei der Vorbereitung und den Vorträgen als auch schließlich beim Sammelband – war Li Xuetao. Ziel des internationalen Workshops war es, aus der Perspektive der Globalisierung durch den Fokus der Medizin zurückzublicken, um Prozesse der Modernisierung zu erfassen und zu untersuchen. So sollte Hintergrundwissen für aktuelle Fragen der Globalisierung geschaffen werden. Im Jahr 2013 präsentierte Li Xuetao seine Forschungen zur Weltkarte von Matteo Ricci auf dem Symposium „World Views. Vom Globus zur Globalisierung“ des Studienzentrums der Leopoldina.  2016 sprach er auf der Leopoldina-Jahrestagung „Wissenschaften im interkulturellen Dialog“ über die Frage „Berücksichtigen moderne Wissenschaften kulturelle Besonderheiten?“.  2017 hatte ich das Privileg, auf dem Jahreskongress der „Society for Cultural Interaction in East Asia“ in Beijing den Hauptvortrag zum Thema „Eurasian Transfer of Knowledge vs. Eurasian Interchange of Knowledge“ zu halten. 2018 haben wir in internationaler Runde in der „Confucius Academy“ in Guiyang über „Axial Age and China“ diskutiert. 

 


Das Buch „Pest und Corona“ wurde ins Chinesische übersetzt und wird im Juni 2022 in China veröffentlicht. 

  

Diese fünf Veranstaltungen können nur als herausragende Beispiele für unsere Zusammenarbeit genannt werden. Unsere zentrale Grundannahme ist: Seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte gibt es einen regen Wissensaustausch zwischen Ostasien und Europa. In diesem losen Forschungsverbund zwischen europäischen und asiatischen Wissenschaftlern sprechen wir daher nicht von Portugal, England oder Deutschland auf der einen und China, Japan oder Korea auf der anderen Seite, sondern von „Eur-Asien“. Das Thema „Wissensaustausch in Eurasien“ oder „Eurasian Interchange of Knowledge“ wird weltweit intensiv bearbeitet. In unserem Projektverbund geht es um Fragen wie: Wann hat sich Wissen in Eurasien verbreitet, teils implizit, teils explizit geplant, und auf welche Weise; was waren die beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen dieses Wissensaustauschs? Die Grundannahme ist, dass es zwar seit prähistorischen Zeiten immer einen Wissensaustausch gegeben hat, die Identität der verschiedenen Kulturen aber dennoch erhalten blieb und bis heute unmittelbar erkennbar ist. Diese Feststellung ist insbesondere unter dem Aspekt der Globalisierung von Bedeutung: Inwieweit wirkt sich der weltweite Austausch von Wissen, Techniken, Fertigkeiten, Produkten und Dienstleistungen auf lokale, regionale und nationale Kulturen aus? Dahinter steht die Erwartung und auch die Aufgabe, die „Andersartigkeit“ der verschiedenen Kulturen auch in einer globalen Welt zu bewahren und im Sinne einer sich gegenseitig befruchtenden kulturellen Vielfalt zu nutzen. 

 

Diese Themen- und Methodenvielfalt spiegelt sich in den Vorlesungen und Kursen wider, die ich bisher an der BSFU halten bzw. durchführen konnte. Geschichtstheorie und historiographische Methoden – wie z.B. Fernand Braudel – , die Anfänge des Wissens in Ost und West, Medizin in Ost und West, die Seidenstraße zu Lande, die Seidenstraße zu Wasser, Achsenzeit und China, Geschichte des und Geschichte im I-Ching und – selbstredend seit 2020 – Pest, Pestilenz und Corona sind nur einige der Themen. Das Buch „Pest und Corona“ ist inzwischen ins Chinesische übersetzt worden und wird 2022 in China erscheinen.  Künftige Veranstaltungen werden sich auf das Thema „Globale Plagen als globale Geschichte“ konzentrieren. Dabei wird es darum gehen, wie unterschiedlich Gesellschaften auf eine biologische Herausforderung wie „neu auftretende Krankheiten“, darunter SARS und COVID-19, reagieren. China hat der Welt ein Beispiel gegeben: Kein anderes Land dieser Größe und Bevölkerungszahl hat eine bessere Bilanz bei der Bekämpfung von COVID-19 vorzuweisen. Was waren die aktuellen Gründe dafür? Was sind die historischen, was die kulturellen Hintergründe?

 

Meine wissenschaftliche, meine offizielle „Geschichte“ mit der BSFU wäre nichts ohne meine persönliche „Geschichte“ mit der BSFU, mit Beijing, mit China. Das ist das Leben eines Forschers, wie ich es mir immer vorgestellt und ersehnt habe. Der Campus der BSFU ist tatsächlich zu meinem zweiten Zuhause geworden.  

 

*Alfons Labisch ist emeritierter Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Mitglied der Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und Ehrenprofessor der Beijing Foreign Studies University (BFSU). 

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Quelle: China Heute

Schlagworte: Alfons Labisch,China,COVID-19