share
Home> Interview

Direktor der Frankfurter Buchmesse

„Lesen lässt uns an anderen Kulturen teilhaben – auch auf emotionaler Ebene“ Exklusiv

german.china.org.cn  |  
22.04.2026

Anlässlich der Woche des landesweiten Lesens in China spricht Direktor der Frankfurter Buchmesse Jürgen Boos im Interview mit China.org.cn über das veränderte Leseverhalten, die Präsentation chinesischer Bücher auf der Buchmesse sowie die Chancen und Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz. Zugleich betont er die besondere Rolle des Lesens, das uns andere Kulturen nicht nur verstehen, sondern auf emotionaler Ebene erfahren lasse.

 Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse (Mit freundlicher Genehmigung von der Frankfurter Buchmesse)

China.org.cn: Hat sich die Art und Weise, wie chinesische Bücher auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden, in den vergangenen Jahren verändert? Welche neuen Merkmale oder Trends zeichnen sich in der Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland im Bereich des Buchverlags ab?

Jürgen Boos: Das Interesse an internationaler zeitgenössischer Literatur ist immer groß auf der Frankfurter Buchmesse. Aktuell stehen Romane und Genre-Literatur aus den Bereichen Science-Fiction, Romance und Romantasy hoch im Kurs.

Die Art und Weise, wie chinesische Bücher in Frankfurt präsentiert werden, hat sich aus meiner Sicht kaum verändert in den letzten Jahren. Gerne möchte ich die chinesischen Verlagskolleginnen und –kollegen dazu ermutigen, hier neue Formate auszuprobieren. Die Buchmesse bietet genau dafür viel Spielraum und damit auch ein großes Potenzial, um mit kreativen Events und Präsentationsmöglichkeiten Rechte- und Lizenzmanagerinnen und -manager auf aktuelle Titel aufmerksam zu machen und die deutschsprachige Leserschaft zu erreichen.

Was die Zusammenarbeit der deutschen und der chinesischen Buchbranche betrifft, würde ich mir tatsächlich noch mehr Austausch wünschen. Unser Büro in Beijing leistet in dieser Hinsicht bereits großartige Arbeit. Es bietet Informationen und Austauschmöglichkeiten an, aber das ersetzt natürlich nicht die persönliche Vernetzung vor Ort in Frankfurt. Die aktive Teilnahme chinesischer Verlagsvertreterinnen und -vertreter an Formaten, bei denen die internationale Buchbranche zusammenkommt, bietet hier aus meiner Sicht große Chancen. Ich denke da zum Beispiel an unser Frankfurt Rights Meeting am Dienstag vor dem Messestart. An den fünf Messetagen finden außerdem viele weitere wichtige Fachveranstaltungen statt, bei denen sich die chinesischen Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Teilnahme einbringen können und die internationalen Verlagsvertreterinnen und -vertreter noch mehr über den chinesischen Buchmarkt lernen können.

Die Frankfurter Buchmesse gilt seit jeher als Wegweiser der globalen Verlagsbranche. Für chinesische Verlage ist die Teilnahme an der Buchmesse nicht nur ein Instrument für Lizenzgeschäfte, sondern auch ein Fenster zur internationalen Positionierung ihrer Marke. Welche Brückenfunktion übernimmt die Frankfurter Buchmesse aus Ihrer Sicht, chinesische Verlage dabei zu unterstützen, nicht nur „ins Ausland zu gehen“, sondern dort auch „wirklich anzukommen“?

Die Kolleginnen unseres Büros in China, des Buchinformationszentrums in Beijing, unterstützen chinesische Verlage bei ihrem Auftritt in Frankfurt. Sie stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Damit schlagen wir eine Brücke zwischen den Verlagen und verschiedenen Literaturen und Kulturen. In Frankfurt selbst bietet, wie bereits erwähnt, die Teilnahme an Fach- und Networking-Veranstaltungen eine gute Möglichkeit, um im Netzwerk des internationalen Verlagswesens anzukommen. Ganzjährig verschafft unsere Online-Plattform Frankfurt Rights Sichtbarkeit. Und bei unserem informellen Networking-Format „The Hof“ können auch unterjährig online weltweit Kontakte geknüpft werden.

Anlässlich der Woche des landesweiten Lesens in China beschäftigt uns besonders das veränderte Leseverhalten. Sowohl in China als auch in Deutschland prägen Kurzvideos und soziale Medien zunehmend die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser. Welche Auswirkungen hat dieser Wandel der Medienumgebung Ihrer Meinung nach auf die Produktionsweisen von Büchern und auf ihre Vermarktung?

Wir leben in einer regelrechten Aufmerksamkeitsökonomie. In Deutschland beschäftigen sich Verlage und Buchhandlungen intensiv mit der Frage, wie sie vor dem Hintergrund der aktuellen Mediennutzungsgewohnheiten mit Büchern Menschen erreichen. Natürlich nutzen sie zu Marketing- und Vertriebszwecken auch seit vielen Jahren Social-Media-Plattformen, um ihre Zielgruppen anzusprechen. Trends auf TikTok und Instagram sind gerade bei jüngeren Leserinnen und Lesern wichtige Impulsgeber für Buchkäufe.

Auf der Buchmesse in Frankfurt werden selbstverständlich auch die durch den Medienkonsum geprägten Entwicklungen sichtbar. Durch das BookTok-Phänomen hat vor allem Genre-Literatur wie Romance, Romantasy und Dark College einen Boom erlebt. Dies spiegelt sich auch in den Verkaufszahlen und im Rechte- und Lizenzgeschäft wider. Im Audio-Bereich hält der Aufwärtstrend an. Hörbücher bieten weiterhin eine willkommene Abwechslung zur Zeit am Screen und können auch nebenher, beispielsweise auf dem Arbeitsweg, angehört werden.

Im Zuge der Digitalisierung verschwimmen die Grenzen der Verlagsbranche zunehmend – von E-Books und Hörbüchern bis hin zu KI-generierten Inhalten. In China und Deutschland wird derzeit intensiv über Urheberrechte, die Definition von Originalität und ethische Grenzen im Zusammenhang mit KI-generierten Inhalten diskutiert. Welche Herausforderungen und Chancen bringt KI Ihrer Ansicht nach für die Buchverlagsbranche mit sich? Wird die Frankfurter Buchmesse in Zukunft neue Zulassungskriterien, Kennzeichnungsregeln oder Präsentationsformate speziell für KI-generierte Werke in Betracht ziehen?

KI wird im Verlagswesen bereits genutzt, um Prozesse bei der Buchproduktion zu optimieren und so die Effizienz zu steigern sowie Kosten zu senken. Wenn es jedoch um die Inhalte geht, sind wir aus meiner Sicht aktuell in einer entscheidenden Phase. Die Buchbranche ist eine Branche, die von kreativen Geschichten und Illustrationen lebt. Das macht sie so besonders. Geistiges Eigentum ist gleichzeitig das Rückgrat und die Währung des Verlagsgeschäfts. Aktuell sehen wir bereits in einigen Ländern Klagen und Rechtsverfahren gegen die unrechtmäßige Nutzung von Inhalten durch KI-Tools.

Wir als Buchmesse bieten eine Plattform für das internationale Verlagswesen und unterliegen hier dem deutschen Recht. Jedoch sind wir keine staatliche Institution, die Regeln oder Kriterien für veröffentlichte Werke festlegt. Hier müssen zeitnah auf politischer Ebene zentrale Fragen zu Transparenz, Nutzungsrechten, Rechenschaftspflicht und Haftung im Zusammenhang mit KI-Nutzung geklärt werden.

In einer Zeit, in der Digitalisierung und KI das Ökosystem der Inhalte rasant verändern, mag sich die Form des „Buches“ wandeln, doch der geistige Kern des „Lesens“ bleibt unverändert. Welche besondere Rolle spielt das Lesen Ihrer Ansicht nach bei der Förderung des kulturellen Austauschs zwischen China und Deutschland und bei der Vertiefung des gegenseitigen Verständnisses der beiden Völker?

Lesen lässt uns an anderen Kulturen teilhaben. Und zwar auch auf emotionaler Ebene. Durch Bücher können wir uns in andere Kulturen vertiefen und nicht nur über sie lernen, sondern sie regelrecht erspüren. Das ist eine der herausragenden Eigenschaften von Literatur. Deshalb ist der uneingeschränkte Zugang zu Büchern so wichtig, um genau diese Erfahrbarkeit anderer Regionen und Kulturen zu ermöglichen.

Angesichts der komplexen und sich wandelnden internationalen Lage kommt es immer wieder zu kulturellen Barrieren und Missverständnissen. Welche konkreten Maßnahmen können Ihrer Meinung nach die Buch- und Verlagsbranche unter diesen realen Herausforderungen ergreifen, um effektiver Brücken für den interkulturellen Dialog zu bauen? Welche Rolle wird die Frankfurter Buchmesse dabei übernehmen?

Ein Austausch zwischen der chinesischen und deutschsprachigen Verlagsszene, wie ihn das Buchinformationszentrum Beijing bereits betreibt, ist nicht nur ein Katalysator für das Rechte- und Lizenzgeschäft, sondern auch für den interkulturellen Austausch. Zu den konkreten Aktivitäten gehören hierbei u.a. die Förderung von Übersetzungen und die Vorstellung von chinesischen bzw. deutschsprachigen Buchtiteln im jeweils anderen Markt. Außerdem gehören dazu Austausch- und Dialogformate zwischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Verlegerinnen und Verlegern, Übersetzerinnen und Übersetzern sowie Mitarbeitenden aus der gesamten Kreativbranche.

Die Frankfurter Buchmesse bringt jedes Jahr im Oktober so viele Akteurinnen und Akteure der internationalen Verlagsbranche zusammen wie keine andere Veranstaltung. Nirgendwo sonst ist die chinesische Verlagsbranche so stark präsent. Eine ganz gezielte Maßnahme, um die Inhalte und Themen des asiatischen Verlagswesens und Buchhandels für die internationale Branche sichtbar zu machen, ist unsere Asia Stage. Damit hat die Buchmesse tatsächlich bereits eine Art Vorreiterrolle eingenommen. Und mir ist es ein Anliegen, die chinesischen Verlage dazu einzuladen, diese Formate zu nutzen, um dort ihre Produkte und Innovationen zu präsentieren und sich weiter international zu vernetzen.

Diesen Artikel DruckenMerkenSendenFeedback

Quelle: german.china.org.cn

Schlagworte: Frankfurter Buchmesse,Lesen,Kultur