SCO-Gipfel
China und Indien sollen Tauwetter für vertiefte Kooperation nutzen
Vor dem SCO-Gipfel in Tianjin zeichnen sich Annäherungen zwischen Beijing und Neu-Delhi ab. Experten sehen Chancen für eine strategische Zusammenarbeit und eine stärkere Stimme des Globalen Südens.
China und Indien sollten das derzeitige Tauwetter in den bilateralen Beziehungen nutzen, um ihre Zusammenarbeit über multilaterale Plattformen wie die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) zu vertiefen und die Beziehungen positiv zu gestalten. Dies würde frische Impulse für den Zusammenhalt des Globalen Südens setzen und dabei helfen, gemeinsame Herausforderungen anzugehen.
Indiens Premierminister Narendra Modi wird auf Einladung Chinas zum SCO-Gipfel am 31. August und 1. September in Tianjin erwartet – sein erster Besuch in China seit sieben Jahren.
Chinas Außenministeriumssprecher Guo Jiakun begrüßte am vergangenen Freitag Modis Teilnahme am Gipfel.
Qian Feng, Direktor der Forschungsabteilung des National Strategy Institute an der Tsinghua-Universität, sieht eine Aufwärmung der chinesisch-indischen Beziehungen. „Die beiden Nachbarn verlassen allmählich die Spannungsphase der vergangenen Jahre und kehren auf einen gesunden und stabilen Entwicklungspfad zurück“, sagte er.
Angesichts des 75. Jahrestags der Aufnahme diplomatischer Beziehungen sollten beide Länder laut Qian diese Gelegenheit nutzen, um eine kurzfristige Annäherung in langfristige Stabilität zu überführen – durch strategische Abstimmung, wirtschaftliche Integration und kulturellen Austausch.
Vertiefte Zusammenarbeit im SCO-Rahmen
„Trotz bestehender Differenzen haben beide Länder im SCO-Rahmen den Dialog aufrechterhalten – ein pragmatischer Ansatz. Insgesamt bietet die Organisation Raum, um Positionen abzugleichen und gemeinsame Interessen auszuloten“, erklärte der chinesische Experte.
Mohammed Salim, Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Indiens und ehemaliger Abgeordneter, vertritt eine ähnliche Ansicht: Die SCO ermögliche es, gemeinsam regionale Herausforderungen von Sicherheit bis Entwicklung anzugehen – bei gegenseitiger Achtung der Kerninteressen.
Des Weiteren sagte er, Indien und China sollten als führende Kräfte des Globalen Südens ihre Positionen bilateral und multilateral abstimmen, um Reformen globaler Institutionen voranzubringen. „Vertiefte Kontakte in Diplomatie, Wirtschaft und Kultur sind entscheidend, um Vertrauen zu schaffen und substanzielle Kooperation im SCO-Rahmen voranzutreiben.“
Gemeinsame Herausforderungen
Beide Experten betonten, dass China und Indien angesichts einer zunehmend turbulenten Welt zusammenarbeiten müssten.
Gemeinsam könnten sie Themen wie Klimawandel, digitale Governance und den Schutz der Interessen des Globalen Südens voranbringen, so Qian. Er plädierte dafür, das Prinzip der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortlichkeiten“ im Klimaschutz zu verteidigen und die Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und Lateinamerika – etwa über den South-South Cooperation Fund – auszubauen. Dies könnte zu einer multipolaren Weltordnung beitragen.
Salim forderte, Konfliktmanagement und -lösung nicht nur bilateral, sondern auch im Interesse Dritter zu betreiben. China und Indien könnten neue, universell gültige Governance-Normen entwickeln, Institutionen zur Bewältigung der Herausforderungen des Globalen Südens aufbauen und die Vision einer „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ fördern.
Handelspolitische Spannungen mit den USA
Am Mittwoch verhängte US-Präsident Donald Trump zusätzliche Zölle von 25 Prozent auf indische Waren. Insgesamt belaufen sie sich nun auf 50 Prozent, was eine der höchsten Belastungen für einen US-Handelspartner darstellt.
Qian warf Washington vor, mit solchen Maßnahmen ein globales „Tributsystem“ im Handel etablieren zu wollen. Unter dem Motto „America First“ instrumentalisierten die USA Handelsregeln, rechtfertigen Protektionismus mit der Begründung nationaler Sicherheit und untergraben die multilaterale Handelsordnung, so Qian.
Salim mahnte, dass Indien und China angesichts zunehmenden Unilateralismus gemeinsam im SCO- und in anderen multilateralen Rahmen den auf WTO-Regeln basierenden Welthandel verteidigen sollten.
Abschließend betonte Qian, dass beide Länder seit Langem ähnliche Positionen beim Schutz der multilateralen Handelsordnung und der Unterstützung von Multipolarität vertreten – eine Haltung, die auch auf dem bevorstehenden SCO-Gipfel unverändert bleiben werde.













