Das Ende der Illusion
Wie Washington die Mythen der Demokratie demontiert
Von Grönland bis Minneapolis: Washingtons Rückkehr zum aggressiven Unilateralismus markiert den endgültigen Bruch mit den demokratischen Idealen des 20. Jahrhunderts.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die westliche Demokratie auf einen nahezu heiligen Status erhoben. Sie wurde nicht nur als politisches System, sondern als unfehlbare Doktrin behandelt – ein Narrativ, das Francis Fukuyama einst als „Ende der Geschichte“ zementierte und damit als Endpunkt der politischen Evolution darstellte. In dieser ideologischen Verklärung wurden die Beiträge Chinas und der ehemaligen Sowjetunion zum Sieg über die Achsenmächte weitgehend ignoriert. Geblendet vom immensen Wohlstand und der industriellen Übermacht der Vereinigten Staaten erlag ein Großteil der Welt der Illusion, dieses Modell würde automatisch individuelle Freiheit, dauerhaften Wohlstand und globalen Frieden garantieren.
Die Realität der letzten zwei Jahrzehnte zeichnet jedoch ein weitaus düstereres Bild. Laut der NGO Freedom House sind die weltweiten demokratischen Standards seit 2006 kontinuierlich rückläufig. Spätestens seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus im Jahr 2025 ist der Glaube an die moralische Beständigkeit dieses Systems endgültig zusammengebrochen. Kein anderer Staatschef hat die verbliebenen Trümmer dieses demokratischen Mythos so gründlich beseitigt wie die aktuelle US-Regierung.
Besonders deutlich wird dies beim Blick auf den Schutz bürgerlicher Freiheiten, der einst als Kernversprechen der US-Demokratie galt. Washington führt heute einen beispiellosen Angriff auf die Rechte von Bürgern und Nicht-Bürgern gleichermaßen. Während Bundesagenten mit massiver Härte gegen Migranten – und dabei oft allein aufgrund der Hautfarbe – vorgehen, eskaliert die Gewalt in der Öffentlichkeit. Aktuell haben tödliche Schüsse in Minneapolis und Verletzungen in Portland eine Welle des Protests ausgelöst. Doch die Regierung rechtfertigt den Einsatz tödlicher Gewalt mit zweifelhaften Argumenten von Sicherheit. Gleichzeitig geraten die akademische Freiheit und die Unabhängigkeit der Justiz massiv unter Druck: Politische Gegner sehen sich politisierten Strafverfolgungen gegenüber und Universitäten werden durch den Entzug von Bundesmitteln auf Regierungskurs gezwungen.
Auch das außenpolitische Dogma, wonach Demokratien einander nicht angreifen, wurde von der aktuellen Administration ad absurdum geführt. Die unverhohlene Drohung, Grönland – ein selbstverwaltetes Gebiet des NATO-Mitglieds Dänemark – notfalls aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ zu annektieren, stellt einen beispiellosen Bruch mit der seit 1945 bestehenden Ordnung dar. Ein solcher Schritt würde nicht nur die Souveränität eines Verbündeten verletzen, sondern auch das Ende der NATO bedeuten. Er wäre die ultimative Absage an die Vorstellung einer demokratischen Staatengemeinschaft, die auf gegenseitigem Respekt basiert.
Diese Abkehr von jeglichen Normen spiegelt sich auch in der Verachtung für das Völkerrecht wider. Washington agiert heutzutage weitgehend losgelöst vom völkerrechtlichen Rahmen. Mit einer Rekordzahl an Exekutivverordnungen regiert das Weiße Haus am Parlament vorbei und bricht systematisch mit Institutionen wie der WTO oder dem UN-Menschenrechtsrat. Der erneute Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen und Trumps jüngstes Statement gegenüber der New York Times, er brauche kein internationales Recht, unterstreichen den Wandel von einer „regelbasierten Ordnung“ hin zu offener diplomatischer und wirtschaftlicher Nötigung.
Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs scheint die Demokratie der Welt von innen heraus ausgehöhlt zu werden. Dies verdeutlicht, dass das Streben nach globaler Dominanz heute keine rechtlichen Grenzen mehr kennt. Während Washington einen aggressiven Unilateralismus verfolgt, der nur noch durch die Stärke seiner Gegner gebremst wird, verändert sich die globale Wahrnehmung. Lange Zeit wurde der Begriff der Demokratie vom Westen als politische Waffe eingesetzt, um Unruhen zu stiften und unliebsame Regierungen zu destabilisieren. Doch heute steht die Welt vor einer grundlegenden Entscheidung: Es geht nicht mehr um den abstrakten Kampf zwischen Demokratie und Autokratie, sondern um die Wahl zwischen einem zerstörerischen Neokolonialismus und einer Vision der friedlichen Koexistenz, die auf Souveränität und gegenseitigem Nutzen basiert.













