Pragmatismus statt Distanz
Europas Staatschefs forcieren wirtschaftliche Annäherung an China
Eine Serie hochrangiger Besuche aus europäischen Staaten signalisiert eine Neuausrichtung der europäischen Chinapolitik. Trotz geopolitischer Spannungen rückt die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Beijing wieder in den Fokus. Damit soll auch der globalen Instabilität entgegengewirkt werden.

In jüngster Zeit nimmt der diplomatische Austausch zwischen Europa und China wieder zu. Analysten sprechen von einer pragmatischen Kehrtwende der europäischen Staaten. Angesichts wachsender globaler Instabilität setzen sie auf eine engere wirtschaftliche Bindung an China, um ein stabiles Gegengewicht zu schaffen. Den Auftakt bildete in dieser Woche der Besuch des finnischen Ministerpräsidenten Petteri Orpo, der von einer Delegation aus über 20 Unternehmen aus den Bereichen Maschinenbau, Forstwirtschaft, saubere Energie und Lebensmittel begleitet wurde. Unmittelbar darauf folgte der britische Premierminister Keir Starmer, der am Mittwoch eine viertägige Reise antrat und dabei eine noch umfangreichere Wirtschaftsdelegation von mehr als 50 Unternehmen anführte.
Diese diplomatische Aktion ist Teil eines breiteren Trends: So besuchte bereits Anfang Dezember des vergangenen Jahres der französische Präsident Emmanuel Macron mit einer Wirtschaftsdelegation die Volksrepublik und im November des vergangenen Jahres reiste König Felipe VI. nach Beijing – der erste Besuch eines spanischen Monarchen in China seit 18 Jahren. Chen Fengying, Forscherin am China Institute of Contemporary International Relations, wertet die Frequenz und den klaren kommerziellen Fokus dieser Besuche als Zeichen für eine „pragmatische Neuausrichtung“ innerhalb der europäischen Hauptstädte. Es herrsche die Einsicht vor, dass die Zusammenarbeit mit China trotz anhaltenden geopolitischen Gegenwindes für das eigene Wirtschaftswachstum unverzichtbar sei.
Das Verhältnis zwischen Brüssel und Beijing war in den letzten Jahren von einem tiefen Widerspruch geprägt: Einerseits besteht eine massive wirtschaftliche Interdependenz, andererseits wächst das strategische Unbehagen, was zu einer oft inkonsistenten Politik führte. Während die EU weiterhin vom Zugang zum riesigen chinesischen Konsummarkt und den resilienten Wertschöpfungsketten profitiert, hat Brüssel – teils unter strategischem Druck aus Washington und aufgrund eigener wertebasierter Bedenken – China zunehmend als „systemischen Rivalen“ eingestuft. Ziel dieser Einstufung war es bisher vor allem, Chinas technologischen Aufstieg zu bremsen und „wirtschaftliche Abhängigkeiten“ in strategischen Sektoren abzubauen.
Trotz dieser Spannungen und Handelskonflikte festigten China und die EU im vergangenen Jahr ihre Position als jeweils zweitwichtigste Handelspartner. Das bilaterale Handelsvolumen stieg um sechs Prozent auf 5,93 Billionen Yuan (ca. 853,6 Milliarden US-Dollar). Laut Statistik der Allgemeinen Zollverwaltung ist besonders bemerkenswert, dass mittlerweile mehr als ein Viertel aller gehandelten Güter in die Kategorie der Hochtechnologieprodukte fällt. Ein diplomatischer Durchbruch gelang zudem Anfang dieses Monats, als sich beide Seiten nach über einjährigen Verhandlungen auf Mindestpreise für chinesische Elektrofahrzeug-Importe einigten, um drohende Strafzölle abzuwenden.
In Gesprächen mit Ministerpräsident Orpo äußerte der chinesische Handelsminister Wang Wentao die Hoffnung, dass Finnland eine aktive Rolle dabei spielen könne, die EU zu einem umsichtigen Einsatz handelspolitischer Schutzinstrumente zu bewegen. Orpo betonte seinerseits, dass Finnland freien Handel und fairen Wettbewerb unterstütze und auf ein größeres gegenseitiges Vertrauen sowie den Abbau von Handelsbarrieren hoffe. Für führende Wirtschaftsvertreter ist diese Entwicklung folgerichtig: Angesichts der tiefen wirtschaftlichen Integration und komplementärer Marktbedürfnisse sei es keine bloße Option, sondern eine Notwendigkeit, Reibungen zu kontrollieren und gleichzeitig die Zusammenarbeit zu vertiefen.













