Chinabesuch von Merz
Zwischen Pragmatismus und wirtschaftlicher Sicherheit
Erster China-Besuch seit dem Amtsantritt: Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz trifft in China auf die Staatsspitze. Das zweitägige Programm, das den Kanzler auch zum Hightech-Standort Hangzhou führt, steht ganz im Zeichen der wirtschaftlichen Realpolitik. In einer Zeit globaler Umbrüche will Berlin die Beziehungen zum wichtigsten Handelspartner neu justieren.
In dieser Woche reist der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz nach China. Es ist sein erster Chinabesuch seit seinem Amtsantritt im Mai des vergangenen Jahres. Merz ist zudem der erste ausländische Regierungschef, der nach dem chinesischen Neujahrsfest in Beijing empfangen wird.
Am Mittwoch wird der Kanzler in der chinesischen Hauptstadt eintreffen und von Ministerpräsident Li Qiang mit militärischen Ehren empfangen werden. Nach der Teilnahme an einer Sitzung des Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsausschusses folgt ein Gespräch mit Staatspräsident Xi Jinping, in dem die bilateralen Beziehungen sowie wirtschaftliche und sicherheitspolitische Themen im Fokus stehen werden. Im Rahmen der Reise wird Merz unter anderem Hangzhou, die Provinzhauptstadt der ostchinesischen Provinz Zhejiang, besuchen.
Wirtschaftliche Verflechtung im Fokus
Begleitet wird Merz von einer rund 30-köpfigen Delegation hochrangiger Wirtschaftsvertreter, darunter Spitzenmanager der Automobilkonzerne Volkswagen und BMW. Das Programm unterstreicht die tiefe industrielle Integration: Am Donnerstag wird Merz nach einer Besichtigung der Verbotenen Stadt den Standort der Mercedes-Benz Group in Beijing besuchen. Im Anschluss reist die Delegation weiter nach Hangzhou, um das Robotik-Unternehmen Unitree sowie Siemens Energy zu besichtigen.
Dieser Fokus kommt nicht von ungefähr: Laut Daten des Statistischen Bundesamtes ist China erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner. Das bilaterale Handelsvolumen stieg im Jahr 2025 auf 251,8 Milliarden Euro, was einem Zuwachs von 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
„Realismus“ statt Abkopplung
In einem am 13. Februar in der US-Zeitschrift Foreign Affairs veröffentlichten Artikel legte Merz bereits seine strategische Marschrichtung dar. Er schrieb: „Auch Deutschland aktualisiert seine Beziehungen zu China. Es wäre jedoch ein Trugschluss zu glauben, dass eine Entkopplung der richtige Weg ist.“
Vielmehr wolle Deutschland den Dialog mit Beijing im Sinne eines „prinzipiengeleiteten Realismus“ führen. Dabei sei man sich bewusst, dass China als eine der Großmächte die neue Ära dauerhaft mitgestalten werde.
Experten sehen in der Reise den Versuch, durch pragmatischen Dialog Lösungen für die heimischen wirtschaftlichen Herausforderungen zu finden. Jin Ling, Direktor des Department for Global Governance and International Organizations des China Institute of International Studies, beobachtet eine Neujustierung: Während die deutsche Wirtschaft die Reife und Bedeutung des chinesischen Marktes hervorhebt, betont die Regierung verstärkt geopolitische Risiken und die Sicherheit von Lieferketten. Die zentrale Herausforderung bleibt, wie die Bundesrepublik als größte Volkswirtschaft Europas den Ausgleich zwischen wirtschaftlichen Interessen und der nationalen Wirtschaftssicherheitsstrategie findet, ohne die Unternehmen durch Überregulierung zu verunsichern.
Strategische Bedeutung – nicht nur für Deutschland
„Ohne China sind bei vielen globalen Governance-Fragen keine substanziellen Fortschritte möglich“, sagte Jian Junbo, Direktor des Centers for China-Europe Relations am Institut für Internationale Studien der Fudan-Universität. Dies sei eine praktische Grundlage für eine intensivere Zusammenarbeit.
Als eines der einflussreichsten Mitglieder der Europäischen Union spielt Deutschland eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Gesamtrichtung der China-EU-Wirtschaftsbeziehungen. Die Stabilität der China-Deutschland-Beziehungen hat demnach einen Einfluss, der über das bilaterale Verhältnis hinausgeht. Jian fügte hinzu, dass sich beide Seiten in der Unterstützung für Multilateralismus und die Förderung einer geordneten multipolaren Welt, insbesondere im Rahmen des UN-zentrierten internationalen Systems, einig seien.










