„Zwei Tagungen“ als wichtiger Hinweisgeber: So kann Deutschland von China profitieren
Wer kennt den Begriff der „Zwei Tagungen“? In China jeder. Gemeint sind die Jahrestagungen des Nationalen Volkskongresses (NVK) und der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes (PKKCV) in Beijing, die gerade stattfinden.
Diese beiden Sitzungen eines der wirtschaftlich und politisch einflussreichsten Länder, sind auch für Deutschland sehr wichtig, aber die meisten Deutschen wissen vermutlich weder um deren Existenz noch um deren enorme Bedeutung für die ganze Welt. Diese pessimistische Annahme können Sie selbst überprüfen: Fragen Sie die Leute in einer belebten deutschen Fußgängerzone, was die wichtigsten politischen Veranstaltungen in China sind.
Sie sollten viel Zeit mitbringen. Und Sie brauchen meiner Meinung nach Glück, um einen Passanten zu treffen, der das politische Großereignis korrekt beim Namen nennen kann oder zumindest die Abkürzungen der beiden Tagungen kennt. Ich schätze, dass auch nicht viele wissen werden, worum es dabei in etwa geht. Ich muss gestehen, dass ich selbst sehr lange gebraucht habe, um mir „Politische Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes“ und „PKKCV“ zu merken.
Warum sind diese Tagungen nun für Deutschland so relevant? Die Deutschen sollten wissen, was China tut und plant, Zahlen und Trends kennen. Und genau darüber wird während dieser mehrtägigen Veranstaltungen in China offen und detailliert gesprochen. Sollte China als erster Staat Allgemeine Künstliche Intelligenz (AKI) erreichen, soll sich bitte niemand wundern. Denn China hat gerade erst wieder große Anstrengungen in diesem Bereich angekündigt.

Abgeordnete bei der dritten Plenarsitzung der vierten Tagung des 14. PKKCV-Landeskomitees in der Großen Halle des Volkes in Beijing am 8. März 2026 (Foto: Xinhua)
China ist wichtig
Deutschland bezieht viele Waren aus China, darunter Hightech und Rohstoffe. Ohne diese wären wir natürlich nicht sofort wieder im Mittelalter, könnten aber einiges nicht mehr produzieren, zum Beispiel modernste Autos zu erschwinglichen Preisen. Zudem verdienen deutsche Unternehmen viel Geld in China und können oft nur deshalb ihren vergleichsweise teuren deutschen Standort erhalten.
Nicht zuletzt braucht die deutsche Politik für ihre außen- und innenpolitische Navigation die wichtigsten Daten aus China. Die aus der EU und den USA allein reichen schon lange nicht mehr aus.
Qualitatives Wachstum
Die chinesische Führung hat während der „Zwei Tagungen“ ihre wirtschaftliche Strategie für unruhige Weltläufe präsentiert. Deutschland muss wissen, in welche Richtung sich China strukturell entwickelt – und welche Rolle internationale Partner dabei spielen sollen bzw. können.
Das Erreichen eines extrem hohen Wachstums hat für China nicht mehr oberste Priorität, wenngleich die angekündigten 4,5 bis 5 Prozent EU-Bürgern natürlich noch immer äußerst hoch erscheinen dürften. In China setzt man nicht mehr auf spektakuläre Konjunkturprogramme oder kurzfristige Wachstumsschübe, sondern auf Stabilität und strukturelle Modernisierung.
China schreitet in seiner Transformation voran: In den Regierungsdokumenten taucht oft der Begriff der „Entwicklung hoher Qualität“ auf. Gemeint ist ein wirtschaftlicher Umbau, der Innovation, Produktivität und technologische Fähigkeiten stärker in den Mittelpunkt stellt. Für Deutschland ist das eine wichtige Nachricht, denn ein stabil, hochwertig und nachhaltig wachsendes China bleibt ein zentraler Markt für deutsche Industrieprodukte – vom Maschinenbau bis zur Chemie.
Deutschland kann China kopieren
Deutschland kann von China lernen: Erst analysieren, welche Technologien im weltweiten Vergleich top sind und wo es großes Potenzial gibt. Dann massiv investieren. Durch Kooperationen mit anderen Ländern kann Deutschland Lücken schließen.
Abhängig macht sich Deutschland nur, wenn es zu lange wartet und bestimmte Branchen sterben lässt. Hinsichtlich langfristiger Wettbewerbs- und auch Verteidigungsfähigkeit sollten jetzt die Weichen gestellt werden. Und es müssen auch die richtigen Fragen gestellt werden. Ein Beispiel: Könnte ein Land ohne eigene Stahlproduktion im Ernstfall schnell Stahl für Flugzeuge und Raketen bekommen? Wie stellt man günstige Energie für die Stahlproduktion zur Verfügung, aber ohne Subventionen bzw. neue Schulden?
Es muss gleich gehandelt und sollte nicht erst lange geplant werden. Mehr klare Entscheidungen und Taten statt mehr Bürokratie. Auch Qualifizierungsmaßnahmen für Arbeitslose wären sinnvoll, denn nur Facharbeiter werden in Zukunft Nettosteuerzahler sein. China investiert enorm in gute Bildung.
China verkürzt jedes Jahr seine Planungsphasen weiter. Was gut funktioniert hat, wird auch woanders angewendet und im „China-Speed“ umgesetzt. Big Data und KI taugen nicht nur für schlechten Rat und lustige Filmchen – das „Chat“ in ChatGPT mag hier vielleicht etwas irreführend sein –, sondern viel mehr für die Vereinfachung und Beschleunigung industrieller Prozesse.

Zuversichtlich in die Zukunft: Im Rahmen der „Zwei Tagungen“ Anfang März in Beijing hat China seine Marschroute für die kommenden Jahre vorgestellt. (Foto: Xinhua)
Stillstand wäre Untergang
China investiert, wie gesagt, massiv in Technologien, die die nächste industrielle Phase bestimmen dürften: künstliche Intelligenz, Halbleiter, Elektromobilität, Batterien, industrielle Digitalisierung. China will überall an die Spitze der technologischen Entwicklung. Das klingt äußerst ambitioniert, ist aber einfach nur die logische Konsequenz politischen Verantwortungsbewusstseins: Wer die Zukunft von 1,4 Milliarden Menschen sichern will, muss heute, morgen und auch noch in zehn Jahren unglaublich viele konkurrenzfähige Arbeitsplätze im eigenen Land haben. Entsprechend sind Stillstand und Nachlässigkeit für die meisten Chinesen Tabus. Nicht von ungefähr erreichen Chinesen bei psychologischen Tests im Bereich „Gewissenhaftigkeit“ fast immer Topwerte.
Mehr Wettbewerb und mehr Chancen
Müssen wir nun in Angst und Panik verfallen oder vor der harten Realität in den Keller flüchten und uns an der Hausbar ein Bier nach dem anderen zapfen? Nein. Chinesen sind, wie wir es sind bzw. wieder sein können: pragmatisch, hart im Nehmen und hart arbeitend.
Chinas jüngste Ankündigungen auf den „Zwei Tagungen“ gepaart mit der nie endenden Aufbruchsstimmung im Land bedeuten zweifellos einen härter werdenden Wettbewerb. Aber gleichzeitig entstehen auch neue Kooperationsfelder. Die industrielle Modernisierung Chinas benötigt auch Technologien, Maschinen und Know-how von außen. Deutschland hat hier viel zu bieten.

Bundeskanzler Friedrich Merz begutachtet einen humanoiden Roboter von Unitree Robotics, der das chinesische Schriftzeichen „Fu“ (Glück) schreibt. (Foto: Xinhua)
Die chinesische Regierung will die Binnenwirtschaft weiter stärken. Der Konsum soll eine größere Rolle spielen. Programme zur Förderung von Konsumgütern bzw. zur Unterstützung privater Nachfrage sind Teil dieses Ansatzes. Auch das ist eine gute Nachricht für Deutschland, weil mehr Konsum auch mehr Chancen für deutsche Produkte bedeutet, wenn diese vor Ort verfügbar sind. Deshalb ist es wichtig, sich in China zu zeigen. Es lohnt sich. Um auf das gerade erwähnte deutsche Bier zurückzukommen – dieses hat in China auch noch gute Wachstumschancen.
China setzt auch weiterhin stark auf erneuerbare Energien und Kernenergie. Deutschland und China verfügen in diesem Bereich über unterschiedliche, aber oft komplementäre Stärken – Deutschland bei industrieller Technologie und Systemlösungen, China bei Skalierung und Produktion.
Gegen den Trend: China öffnet sich noch weiter
Wer Chinas „Zwei Tagungen“ schon länger verfolgt, weiß, dass Chinas Fünfjahrespläne Teil von noch deutlich längeren Plänen sind. So ist die 48 Jahre alte Öffnungspolitik noch längst nicht abgeschlossen und entwickelt sich immer weiter, nun im Rahmen einer „hochwertigen Öffnung“. Trotz geopolitischer Spannungen und Handelskonflikten sieht China internationale wirtschaftliche Kooperationen weiterhin als wichtigen Bestandteil seiner Entwicklung an. Freihandelszonen sollen erweitert, Investitionen erleichtert und globale Lieferketten stabilisiert werden. Beruhigend für Deutschland: In einer Welt zunehmender wirtschaftlicher Blockbildung will China ein zentraler Bestandteil globaler Wertschöpfungsketten bleiben.
Gemeinsame Kompetenzzentren als Innovationshub
Gerade in harten Zeiten sollte man vielleicht wirtschaftliche Interessen nüchterner betrachten und Kooperationen dort suchen, wo sie beiden Seiten Vorteile bringen. In einer Welt wachsender Unsicherheit kann die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland überdies ein Stabilitätsfaktor für die globale Wirtschaft sein.
Ein Weg zu schnellerem Austausch und Wachstum wären deutsch-chinesische Kompetenzzentren an Spitzenuniversitäten zum Beispiel in Beijing und Berlin. Dort könnten Studenten, Professoren, weitere Fachleute und Praktiker aus beiden Ländern gemeinsam arbeiten und die komplementären Stärken beider Innovationssysteme nutzen.
Diese Zentren würden Synergieeffekte zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik erzeugen, weil sie bewusst kurze Wege zu Unternehmen, Ministerien und Forschungseinrichtungen hätten. Neben Forschung und Ausbildung könnten sie auch Thinktank-Charakter entwickeln und Analysen für Wirtschaft und Politik liefern.
Vergleichbare Strukturen existieren bereits in Ansätzen im transatlantischen Raum zwischen Deutschland und den USA. Für die deutsch-chinesischen Beziehungen würde ein solches Format eine dauerhafte Plattform schaffen, um Wissen, Erfahrungen und strategische Perspektiven zu bündeln. Den Rahmen für solche Innovationshubs müssten beide Regierungen gemeinsam festlegen.
*Nils Bergemann ist studierter Journalist mit langer Erfahrung als Redakteur und Kommunikationsexperte bei Verlagen und anderen Unternehmen. Zuletzt arbeitete er fünf Jahre für die China Media Group. Weiterhin in Beijing lebend unterrichtet er seit 2023 Deutsch, Sprachwissenschaften und Wirtschaft an der University of International Business and Economics.
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