Vom Handel mit zum Dienstleister für die Welt: Hainan konzipiert sein internationales Geschäftsmodell neu
Von Zhang Shasha
Am 18. Dezember 2025 startete der Freihandelshafen Hainan offiziell seine unabhängige Zollabfertigung. Auch für den pakistanischen Arzt Saud Khan war dieser Tag ein besonderes Datum. Er erhielt seine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung in der Wirtschaftsentwicklungszone Yangpu, die im Nordwesten der Inselprovinz liegt.
Drei Monate zuvor war der Nachwuchsmediziner im Hainan West Central Hospital angekommen, um eine Ausbildung in der Abteilung für Plastische, Rekonstruktive und Verbrennungs-Chirurgie zu absolvieren. Nach Abschluss des Programms entschied sich Khan zu bleiben, um zu arbeiten.
Bereits vor seiner Ankunft in China hatte Khan seine Approbation in Pakistan erworben. Dank der neuen Regelungen des Freihandelshafens zur Anerkennung ausländischer ärtzlicher Qualifikationen war er von den staatlichen Prüfungen in China befreit. Nach Unterzeichnung eines formellen Arbeitsvertrags und dem Abschluss aller Formalitäten zur Anerkennung seiner beruflichen Fertigkeiten war der Pakistaner offiziell zur Ausübung seines Metiers in der Freihandelszone berechtigt. Das Yangpuer Servicezentrum für ausländische Fachkräfte trug entscheidend zur reibungslosen Abwicklung dieses Prozesses bei. Der Fall des Mediziners liefert ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich die Inselprovinz erfolgreich an internationale Handelsregeln hohen Standards im Gesundheitswesen anpasst.
„Der Freihandelshafen Hainan ist nicht nur ein Handelskorridor, sondern auch ein wichtiges Labor für institutionelle Innovationen, das eine besondere Mission schultert“, erklärt hierzu Dun Zhigang, Forscher am Chongyang Institute for Financial Studies der Renmin-Universität. „Hainan spielt eine zentrale Rolle für das Wachstum von Chinas grenzüberschreitendem Dienstleistungshandel, ist ein unverzichtbares Testfeld für die Anpassung an führende internationale Wirtschafts- und Handelsregeln, ja sogar für die Mitwirkung an deren Ausarbeitung“, sagt der Experte für Global Governance.
Neue Zollmaßnahmen beleben den Dienstleistungshandel
Laut Daten der Hainaner Handelsbehörde belief sich der Gesamtwert der Dienstleistungsimporte und -exporte der Provinz von Januar bis Oktober 2025 auf 56,05 Milliarden Yuan (ca. 8,11 Milliarden US-Dollar), ein Plus von 23,4 Prozent gegenüber dem Vorjahrszeitraum. Die Wachstumsrate lag damit mehr als dreimal so hoch wie der nationale Durchschnitt, wobei der Dienstleistungshandel einen steigenden Anteil am Außenhandel der Provinz ausmachte. „Die Einführung des unabhängigen Zollbetriebs bedeutet, dass Hainan faktisch ,innerhalb der Landesgrenze, aber außerhalb der Zollgrenze‘ liegt“, erklärt Dun. „Dieses neue Modell ist ein echter Gamechanger, was die Kosten- und Effizienzdynamik des Dienstleistungshandels in der Provinz angeht.“
„Die speziellen Zollmaßnahmen sorgen für klare Synergieeffekte zwischen Zollfreiheit und niedrigen Steuersätzen, was die Konzentration von Firmenhauptsitzen sowie auch von Offshore-Handelsgeschäften fördern wird“, schätzt der Experte. Und er erklärt weiter: „Das vereinfachte Steuersystem in Hainan dürfte unter anderem Abrechnungs- und Datenzentren multinationaler Konzerne anziehen. Diese sind wiederum selbst Produzenten und Konsumenten von Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung, weshalb sie unmittelbar einen starken Aufschwung professioneller Serviceleistungen wie Buchhaltung, Rechtsberatung und Consulting auslösen werden.“ Der Fachmann geht also von einem klassischen Dominoeffekt aus.
Zhou Mi, Forscher an der chinesischen Akademie für internationalen Handel und Wirtschaftskooperation beim Handelsministerium verweist derweil darauf, dass die speziellen Zollmaßnahmen für Hainan nicht nur ein politisches Signal aussenden. „Entscheidend ist vielmehr, dass die umfassende Verbesserung des Geschäftsumfelds Fachkräfte und multinationale Unternehmen anzieht, wodurch Hainan im internationalen Wettbewerb gestärkt wird“, sagt er.
Laut Zhou wird die Fertigungsindustrie in Hainan derzeit immer hochwertiger, während der Boom des Servicesektors wiederum die hochwertige Fertigung durch professionelle Dienstleistungen unterstützt, etwa mit Blick auf Fachkräfte oder Finanzdienstleistungen. Zugleich sei zu beobachten, dass sich der Dienstleistungshandel auf der Insel gegenwärtig vor allem auf Bereiche wie Bildung, Gesundheitswesen und Tourismus konzentriere. In der Agrarwissenschaft sowie in der Logistik, insbesondere beim Seetransport, bestehe noch beträchtliches Wachstumspotenzial. Durch die Umsetzung von Maßnahmen wie der Inbetriebnahme des Flugdienstes unter der sogenannten 7. Freiheit der Luft und des Heimathafens „China Yangpu Port“ würden weitere Entwicklungsspielräume geschaffen, glaubt der Analytiker.
Zudem könne die Inselprovinz in Zukunft ihren Vorteil als Unterseekabel-Knotenpunkt nutzen, um Geschäftsfelder wie Datenverarbeitung, Offshore-Datenzentren und internationale Videospielvermarktung verstärkt auszubauen, so Dun, und so zu einer Drehscheibe zwischen Chinas Digitalwirtschaft und dem digitalen Markt der ASEAN-Staaten reifen. Da sowohl der Verkauf als auch die Abrechnung im Ausland stattfänden, erhoffe sich Hainan überdies eine Entwicklung von Geschäftsfeldern wie hochwertigem Offshore-Dienstleistungsoutsourcing und globalem Lieferkettenmanagement, so der Experte. „Hainan wird damit zu einem strategischen Stützpunkt für Chinas tiefere Einbindung in die globale Dienstleistungswirtschaft.“
Das „Hainan-Modell“
Beflügelt von der neuen staatlichen Förderpolitik lotet Hainan derzeit also ein ganz eigenes Modell zur Anbindung an internationale Handels- und Wirtschaftsregeln hohen Standards aus. Schlüssel hierfür bildet eine Reihe von Praxisprojekten.
Ein Vorreiter bei der Auslotung neuer Entwicklungswege ist etwa die Boao Lecheng, eine Pilotzone für internationalen Medizintourismus. Erst registrieren, dann importieren? Diesen üblichen Ablauf bei der Einfuhr von Produkten hat die Pilotzone bewusst durchbrochen. Stattdessen werden hier innovative Arzneimittel und medizinische Geräte, die weltweit bereits zugelassen, in China jedoch noch nicht registriert sind, schnell klinisch eingesetzt. Bisher gelangten so 21 importierte Arzneimittel und Geräte im Schnellverfahren auf den chinesischen Markt. Drei Produkte wurden zudem bereits in das nationale Versicherungsverzeichnis aufgenommen. Dies hat nicht nur die Internationalisierung von medizinischen Dienstleistungen und Geräten sowie Arzneimitteln vorangetrieben, die Insel hat damit einen ganz eigenen Ansatz zur Reform der globalen Kontrolle und Aufsicht für Arzneimittel und medizinische Geräte hervorgebracht. Gleichzeitig spült das neue Verfahren der Pilotzone Lecheng und den dort ansässigen Unternehmen auch erhebliche Konsumeinnahmen aus dem Ausland in die Kassen.
Auch für Deutschland ergeben sich neue Kooperationsschnittmengen, wie das Beispiel der Hainan Bielefeld University of Applied Sciences (BiUH) zeigt. Es handelt sich dabei um das erste unabhängige Hochschulprojekt einer ausländischen Universität auf chinesischem Boden. Bei der Zulassung greifen sowohl das deutsche Verfahren als auch das der Volksrepublik. Die Abschlüsse der Universität werden in beiden Ländern anerkannt. Das Modell verbindet Kurse auf Chinesisch mit dem deutschen Modell des praxisintegrierten Lernens. Damit haben die Verantwortlichen erfolgreich ein Bildungsmodell auf die Beine gestellt, das die Besonderheiten und Regelungen beider Länder effektiv verbindet.
Ein weiteres gutes Beispiel ist das Feld der Telekommunikationsmehrwertdienste. In Hainan haben bisher 13 ausländische Unternehmen eine Lizenz für solche Dienste erhalten. Dazu zählt auch Dun & Bradstreet, ein weltweit führender Anbieter von Wirtschaftsinformationen. Im vergangenen Jahr brachte die Firma mit Hauptsitz in den USA in der Provinzhauptstadt Haikou die App DNBCHA auf den Markt. Grundlage des Geschäftsmodells bildet die Negativliste für Datenexport des Freihandelshafens aus dem Jahr 2024, die die Provinz im Februar 2025 landesweit als erste veröffentlichte. Danach können Daten, die nicht auf der Liste stehen, frei fließen, wodurch die Anwendung sowohl chinesische als auch internationale Compliance-Anforderungen erfüllt.
Vom pakistanischen Arzt bis zur amerikanischen Daten-App: Zusammengenommen skizzieren die Fallbeispiele ein Bild von Hainans vielschichtiger Erkundung der Integration institutioneller Räume. Allesamt liefern sie lebendige Praxisbelege für das „Hainan-Modell“.
Testfeld für ganz China
Laut Dun Zhigang fungiert Hainan als wichtiges Verbindungsglied bei der Entwicklung des grenzüberschreitenden Dienstleistungshandels, bringe in- und ausländische Märkte erfolgreich zusammen. Die Insel sei sowohl ein „Stresstestareal“ für internationale Handelsregeln hohen Standards, als auch eine Schnittstelle zwischen Chinas und internationalen Regeln und Vorschriften. Zudem zähle sie als Geburtsort für die Erkundung zukünftiger globaler Regeln im Dienstleistungshandel.
Im Juli 2021 veröffentlichte Chinas Handelsministerium seine Sonderverwaltungsmaßnahmen für den grenzüberschreitenden Dienstleistungshandel im Freihandelshafen Hainan – Chinas erste Negativliste für grenzüberschreitenden Dienstleistungshandel. Und 2025 verabschiedete der Ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses eine revidierte Fassung des chinesischen Außenhandelsgesetzes, das am 1. März 2026 in Kraft getreten ist. Es schreibt eine Verwaltung aller ausländischen Dienstleister nach dem System der genannten Negativliste vor, was die gesetzliche Verankerung dieses Systems auf nationaler Ebene markiert. Von der landesweit ersten Negativliste bis zum nationalen System für grenzüberschreitenden Dienstleistungshandel – Hainan hat sich also als bedeutendes Testfeld für Chinas internationale Öffnung bewährt.
Wegen Chinas riesigen Umfangs wäre eine landesweit umfassende Umsetzung von Öffnungsregeln höchsten Standards riskant, wie Dun erklärt. In Bereichen wie grenzüberschreitende Lieferungen oder Ortswechsel natürlicher Personen könne Hainan als Vorreiter hohe Öffnungsstandards etwa des Umfassenden und Fortschrittlichen Abkommens für Transpazifische Partnerschaft (CPTPP) übernehmen und sich ihnen anpassen. Gelängen solche Tests, ließen sich die Erfahrungen dann letztlich auch auf größere Regionen übertragen, so Dun.
Darüber hinaus bestünden in Bezug auf Rechtsanwendung und Geschäftspraxis Unterschiede zwischen dem angloamerikanischen und dem kontinentaleuropäischen Rechtskreis, der in China gilt. In Hainan hat man daher internationale Handelsschiedsinstitutionen eingerichtet und kompatible Mechanismen zur Beilegung international üblicher Handelsstreitigkeiten entwickelt, was eine Plattform für die Anpassung zwischen Gesetzen und Regeln geschaffen hat.
„Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, uns nur an bestehende Regeln anzupassen“, betont Dun allerdings. Vielmehr müsse man erkennen, dass sich die globalen Handelsregeln derzeit in großen Turbulenzen befänden. In aufstrebenden Feldern wie dem digitalen oder dem grünen Handel mangele es bisher an einheitlichen globalen Standards, unterstreicht er.
„Hainan kann in bislang nicht oder nur unklar geregelten Bereichen eine Vorreiterrolle übernehmen und erste Erprobungen durchführen.“ Dies gelte etwa für Dateneigentumsrechte, den Handel mit digitalen Vermögenswerten oder die CO₂-Fußabdruck-Zertifizierung, so der Experte. „Durch Praxisfallbeispiele kann die Insel eine empirische Grundlage für Chinas Beteiligung an Verhandlungen zur globalen Governance der Digitalwirtschaft liefern, wenn nicht gar Regelungsansätze mitprägen. Damit würde unser Land erfolgreich den Wandel vom reinen ‚Übernehmer‘ zum aktiven ‚Mitgestalter‘ von Regeln vollziehen.“











