Die zentrale Bedeutung von Chinas Peripherie
Das 17. Gedenken des Endes der Leibeigenschaft in Xizang ist mehr als ein Feiertag Exklusiv
Von Ole Döring*
Wenn China am 28. März des tiefgreifenden Umbaus von Xizang gedenkt, richtet sich der Blick auf 67 Jahre historische Umwälzungen, Befreiung und Modernisierung. Der Jahrestag ist somit nicht nur ein Zeichen des Erinnerns, sondern auch eine Botschaft über Entwicklung, Würde und den Anspruch, die Zukunft trotz schwieriger Bedingungen aktiv zu gestalten.
Die Befreiung ganzer Volksgruppen aus unverschuldeter Unterwerfung ist immer eine gute Nachricht. Am Samstag gedenkt China zum 17. Mal des tiefgreifenden Umbaus von Xizang. Dieses Gedenken gilt dem Beginn einer Entwicklung, die seit 1959 läuft und die am 19. Januar 2009 durch den Nationalen Volkskongress der südwestchinesischen Autonomen Region offiziell mit diesem Feiertag gewürdigt wurde. An diesem Tag vor 67 Jahren wurden eine Million Menschen aus der Leibeigenschaft befreit, ca. 90 Prozent der damaligen Bevölkerung in dieser Region.

Die Einsetzung eines nationalen Feiertags bedeutet zweierlei: Ein Land richtet die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema, das alle angehen soll. Interesse wird geweckt und verbindliche Botschaften werden verkündet. Außerdem befasst man sich damit zugleich mit Fragen, die mit diesem Thema verbunden sind. Themen wie systemische Knechtschaft, Sklaverei oder Leibeigenschaft haben zudem eine starke moralische und emotionale Bedeutung. Daher gilt es, mit Fakten, Gefühlen und Bezeichnungen angemessen umzugehen sowie positive Botschaften glaubwürdig zu vermitteln.
Zunächst will man wissen, was es mit den Umständen auf sich hat, an die man denken soll. Dann erkundigt man sich, was diese mit uns Heutigen zu tun haben – was gehen uns die längst vergangenen Zeiten einer besonderen Volksgruppe an, die im Alltag nicht besonders auffällt? In diesem Nachfragen liegt der Sinn des Feiertags: Man nimmt sich Zeit, den gewohnten Horizont zu erweitern und innerlich Verbindung aufzunehmen. Das macht nachfolgende Generationen mit wichtigen Bereichen ihrer Lebenswelt vertraut, die sie für selbstverständlich halten oder womöglich nicht kennen. Zugleich ist es Ausdruck einer Wertschätzung: China möchte auf Xizang in historischer Perspektive aufmerksam machen.
Diese autonome Region in Südwestchina rückt für diesen Tag aus der Randlage. Es gibt zwei Arten der Peripherie: die feste des Ortes und die bewegliche in der Wahrnehmung. Auch wenn beide oft zusammenfallen, wie im Beispiel von Xizang, ist ihre Verknüpfung kein unentrinnbares Schicksal. Diese Differenz macht sich China zunutze, indem es eine Entwicklungspolitik verfolgt, die Innovation und Nachhaltigkeit miteinander verbindet, um den Wohlstand der Bevölkerung möglichst schonend auszubauen. Zudem bietet der Gedenktag Gelegenheiten, auch die internationale Gemeinschaft zu informieren.
Die pan-asiatische Wirtschaftsberatungsagentur Dezan Shira & Associates hat die jüngst veröffentlichten Wirtschaftsindikatoren für 2025 und die Wachstumsziele Chinas für 2026 analysiert. Darin zeigen sich Muster der neueren Entwicklung der 31 chinesischen Regionen auf Provinzebene Festland. Besonders werden regionale und sektorale Unterschiede herausgearbeitet. Während Chinas Wachstumsrate sich insgesamt verlangsamt hat, bildet die Autonome Region Xizang neben der Inselprovinz Hainan eine besondere Ausnahme, wenn auch aus ganz anders gelagerten Gründen. Mit 7 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum erreichte Xizang 2025 die höchste Wachstumsrate aller Regionen auf Provinzebene, insbesondere dank der Entwicklung der Landwirtschaft und Industrie. Als eine der am wenigsten entwickelten Regionen Chinas liegt das Wachstum von Xizang deutlich über dem nationalen Durchschnitt, so dass es zum Rest des Landes aufschließen kann. Das Ziel von über 7 Prozent für 2026 spiegelt diesen Trend wider.
In diesen Zahlen drücken sich Erfolge der chinesischen Entwicklungsstrategie dieser Region aus, an deren Anfang das Ende der traditionellen Gesellschaftsordnung stand. Zum einen hat die chinesische Regierung rund 75 Milliarden Yuan für die Armutsbekämpfung bereitgestellt. 2020 konnte China die extreme Armut in Xizang beseitigen – regierungsamtlich gelten alle 74 Kreise in dieser Region nicht mehr als „arm“ nach internationalen Standards.

Chinas Armutsbekämpfung ist in Xizang gleichbedeutend mit der Modernisierung der Region. Auch internationale Organisationen nehmen wahr, dass immer mehr Tibeter mittlerweile Autos besitzen. Sie benutzen asphaltierte Schnellstraßen und man sieht Werbetafeln für ein „westliches“ Café inmitten des Himalayas. Junge Tibeter besitzen Handys und träumen davon, „die Berge und Ebenen zu verlassen“, um nach Lhasa oder auf das chinesische Festland zu ziehen. Für die Region ist die Entwicklung dennoch besonders schwierig, denn die Natur lässt ihnen wenige Spielräume. So muss der Kerngedanke der Hilfe zur Selbsthilfe, Fupin (扶贫), nämlich Bedürftigen mit ausgestreckter Hand auf die Beine zu helfen, indem man ihr Selberlaufen unterstützt, ergänzt werden: Wo örtliche Verhältnisse eine wunschgemäße Entwicklung von Wohlstand und Bildung verhindern, können Migration oder massive Unterstützungen zu den letzten gangbaren Wegen werden, wenn man das Elend nicht nur alimentieren, sondern Auswege eröffnen will. Hier trifft der Vorbehalt der Nachhaltigkeit mit dem Gebot der Würde zusammen – beidem hat sich China verpflichtet.
Zum anderen ist die Überwindung der Armut eingebettet in Maßnahmen einer nachhaltigen Entwicklung, die sich immer besser den lokalen Gegebenheiten anpasst. Internationale Studien bestätigen durchweg diesen Trend. Allerdings erschweren dieselben natürlichen Faktoren, die die Entwicklung hemmen, auch die wissenschaftliche Erfassung einiger Bereiche. Trotz solcher Einschränkungen ist die Faktenlage klar. So kam die Wissenschaftsplattform MDPI 2024 in einer Überblicksstudie, die Daten aus 16 sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Indikatoren sowie der innerchinesischen Wirtschaftshilfe aus dem Zeitraum 1951 bis 2021 zusammenfasst, zu dem Ergebnis, in dieser Region seien in den vergangenen 70 Jahren bedeutende soziale, wirtschaftliche und ökologische Fortschritte erzielt worden. Diese Fortschritte sind großenteils auf Finanztransfers der Zentralregierung und Hilfen anderer Regionen zurückzuführen.
Auffallend ist der stetige Verlauf und die konsequente Anpassung der Wirtschafts- und Infrastrukturentwicklung von Xizang an die besonders schwierigen Verhältnisse. Man macht aus der Not eine Tugend: Niedrige Temperaturen, saubere Luft und reichlich erneuerbare Energien werden für den Betrieb von Großrechenzentren nutzbar gemacht. Dienstleistungen der Informationsindustrie verursachen weniger Eingriffe. Xizang hat bereits eine IT-Infrastruktur aufgebaut, mit Telefonie, E-Commerce, Big Data und Cloud Computing. Die digitale Industrie trägt erheblich zum Strukturwandel bei.
Wessen wird also am 28. März gedacht? Dass es mit den damaligen Verhältnissen, einschließlich der Leibeigenschaft, so nicht weitergehen konnte, ist ein Befund, der China mit Europa verbindet, wo eine frühere Variante der „sozialen Frage“ über 100 Jahre zuvor gestellt worden ist. Die Folgen des Übergangs in moderne Industriegesellschaften, wie sozialer Ausgleich, Landflucht, Standardisierung, Materialismus und, immer dringender, der Umweltschutz betreffen nicht spezifische ethnische Gruppen, sondern die gesamte Bevölkerung – wenn auch auf verschiedene Weise. Europa hat Jahrhunderte für ein zufriedenstellendes Wohlstandsniveau gekämpft, es aber noch immer nicht für alle erreicht. China hat hierfür unter schwierigsten Umständen Jahrzehnte gebraucht und ist damit zur Rechtsstaatlichkeit und Zivilisation gelangt.
In der Rückschau erscheint die Autonome Region Xizang im Großen und Ganzen als gelingendes Projekt des chinesischen Auf- und Umbaus. Die sozialen, kulturellen und nicht zuletzt individuellen Kosten lassen sich nicht gegen den allgemeinen Zuwachs an Bildung und Wohlstand aufwiegen. Eben solchen Problemen widmet sich der 15. Fünfjahresplan.
Hier setzt auch die heilsame Wirkung von Gedenktagen und Symbolen der Einheit und des Ausgleichs ein. Wenn wir am anstehenden Jahrestag vor allem des Auftrags gedenken, den sich China selbst gegeben hat, Reformen in Würde, mit Fingerspitzengefühl und Entschlossenheit anzugehen und eine positive Grundstimmung mit unausgesetztem Lernen zu verbinden, dann besteht Anlass zu Stolz und Hoffnung. Wenn wir den überwundenen Zuständen respektvoll gedenken, eröffnet sich der Blick auf die Zukunft.
Manchmal muss man die dunkle Seite des Sonnenaufgangs betrachten, um die Welt jeden Tag ein wenig besser zu machen.
* Über den Autor: Ole Döring ist habilitierter Philosoph und promovierter Sinologe. Er arbeitet zwischen Berlin und China an der Verständigung der Kulturen. Er hat eine Vollprofessur an der Hunan Normal University in Changsha inne, ist Privatdozent am Karlsruhe Institut für Technologie und Vorstand des Instituts für Globale Gesundheit Berlin. Die Meinung des Autors spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.










