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„Wirtschaftssicherheit“ oder politischer Hype?

Warum deutsche Unternehmen „Decoupling“ skeptisch sehen

german.china.org.cn  |  
31.03.2026

Während in Brüssel lautstark über „Wirtschaftssicherheit“ und Unabhängigkeit debattiert wird, zeigt die Praxis ein anderes Bild. Vor allem deutsche Konzerne halten aus nüchternem Kalkül an ihren globalen Verflechtungen fest, nicht aus politischer Ideologie.

In der Diskussion um die europäische Wirtschaftsstrategie fordern politische Akteure in der EU eine Reduzierung der Abhängigkeiten von einzelnen Handelspartnern. In der Wirtschaft stößt diese Rhetorik auf erheblichen Widerstand. Eine aktuelle Untersuchung der University of Sussex und des King’s College London zeigt, wie tief deutsche Unternehmen in die Märkte der USA und Chinas integriert sind. Eine gezielte „Abkopplung“ wäre mit massiven wirtschaftlichen Kosten verbunden.

Besonders deutlich ist diese Abhängigkeit in den Schlüsselindustrien. Während die Auto- und Maschinenbauer die Volksrepublik als ihren wichtigsten Absatzmarkt priorisieren, sind Chemie- und Pharmakonzerne bei Forschung, Entwicklung und Produktion untrennbar mit den USA verbunden.

Marktlogik schlägt politische Narrative

Die Ergebnisse der Studie sind nicht überraschend. Standort- und Investitionsentscheidungen werden nämlich oft nicht durch politische Erwägungen getroffen, sondern sind das Resultat betriebswirtschaftlicher Kalkulationen. Dabei stehen das Marktvolumen, die Effizienz von Lieferketten sowie Kosten-Nutzen-Analysen im Fokus.

Angesichts dieser Realität wirken politische Schlagworte wie „Decoupling“, „Derisking“ oder „industrielle Sicherheit“ auf viele Branchenvertreter wie hohle Phrasen. Mittlerweile bauen die deutschen Unternehmen ihre Präsenz in China insgesamt aus, insbesondere in den Bereichen High-End-Fertigung, grüne Energie und Digitalwirtschaft. Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegen diesen Trend: Die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China beliefen sich im Jahr 2025 auf rund 7 Milliarden Euro – ein deutlicher Anstieg gegenüber den 4,5 Milliarden Euro aus dem vorangegangenen Jahr.

IW-Experte Jürgen Matthes beobachtet, dass deutsche Unternehmen ihr Investitionstempo in China inzwischen sogar noch beschleunigen. Dieses Paradox erklärt sich schlicht mit der Anerkennung der Marktrealität: China bietet das weltweit umfassendste Industriesystem, den größten Pool an Ingenieuren, eine bemerkenswert robuste Lieferkette und ein sich verbesserndes Geschäftsumfeld. Kein Unternehmen, das ökonomischer Logik folgt, wird diese Tatsachen ignorieren.

Die Illusion der Autarkie

Die Situation in Deutschland ist dabei kein Einzelfall. Von der Halbleiterindustrie über die Automobilherstellung bis hin zur Unterhaltungselektronik gilt: In einer fragmentierten Weltwirtschaft kann kein Land und kein Unternehmen allein bestehen. Jahrzehnte der Globalisierung haben eine eng verflochtene Wertschöpfung geschaffen.

In diesem Gefüge besetzen China als globale Werkbank und riesiger Absatzmarkt sowie die USA als Innovationszentrum und bedeutende Konsumbasis kritische Positionen. Jeder Versuch, diese Pfeiler einzureißen, würde unweigerlich Kettenreaktionen auslösen und die Kosten für alle Teilnehmer der Wertschöpfungskette in die Höhe treiben.

Sicherheit durch Offenheit

Ein echtes „Derisking“ sollte laut Expertenmeinung darauf abzielen, einseitige Sanktionen, Protektionismus und geopolitische Spannungen zu begrenzen, um globale Liefer- und Produktionsketten stabil zu halten. Es darf jedoch nicht darum gehen, normale wirtschaftliche Kooperationen zu politisieren und Unternehmen zum Instrument geopolitischer Auseinandersetzungen zu machen.

Die entscheidende Frage bleibt, was echte „Wirtschaftssicherheit“ konkret bedeutet. Die deutsche Industrie hat ihre Wahl getroffen: Sie vertraut auf Märkte statt auf politische Slogans und setzt auf Vorhersehbarkeit statt Unsicherheit. Diese Entscheidung für offene Märkte verdient politische Unterstützung. Europas wirtschaftliche Zukunft wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, irrationalem politischem Hype zu widerstehen und weiterhin die Rolle eines verlässlichen Akteurs in einer komplexen Welt zu spielen.

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Quelle: german.china.org.cn

Schlagworte: Wirtschaftssicherheit,Decoupling,deutsche Unternehmen,China,USA