Ehemalige US-Nationalspielerin kehrt nach China zurück, um historischen Weg der „Ping-Pong-Diplomatie“ nachzuzeichnen
Das jüngste Mitglied des geschichtsträchtigen US-Nationaltischtennisteams, das vor 55 Jahren eine wegweisende Reise nach Beijing antrat, blickt auf die Bedeutung dieses berühmten Besuchs zurück, der ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen China und den USA aufschlug. Ihrer Meinung nach birgt der Geist der „Pingpong-Diplomatie“ auch heute noch wertvolle Lehren für die Gegenwart.
Heute teilt Judy Hoarfrost noch immer ihre Fähigkeiten mit Tischtennisspielern aller Altersgruppen im Paddle Palace, einem speziellen Sportzentrum, das sie außerhalb der US-Stadt Portland im Bundesstaat Oregon errichtet hat.
„Wir hatten damals ein Auswahlverfahren in den Vereinigten Staaten. Ich war 15 Jahre alt und habe es gerade so ins Team geschafft“, sagte die heute 70-jährige.
Doch die Meisterschaften sollten aus einem ganz anderen Grund in die Geschichte eingehen: Eine beinahe zufällige, zugleich aber folgenreiche Kette von Ereignissen wurde in Gang gesetzt, als der US-Spieler Glenn Cowan den Mannschaftsbus zu seinem Hotel verpasste.
„Glenn, ganz wie er ist, verpasste unseren Bus. Er kam heraus, unser Bus war weg, und ihm wurde signalisiert, in den chinesischen Bus einzusteigen. Also stieg er ein, und da saßen die chinesischen Spieler. Da ging Zhuang Zedong, damals Teamleiter und dreifacher Weltmeister, auf Glenn zu, hieß ihn willkommen und schenkte ihm ein Geschenk – einen Seidenschal.“
Nach dieser herzlichen Begegnung war Cowan sehr darauf bedacht, Zhuang Zedong etwas für diese einfache, aber freundliche Geste zurückzugeben.
„Er erzählte uns davon. Dann war er natürlich hektisch am Suchen, ‚Ich muss ein Geschenk besorgen. Ich muss ein Geschenk besorgen‘, denn er hatte in dem Moment nichts dabei. Also ging er und kaufte ein 'Let it be'-T-Shirt. Kurz darauf betraten wir das Stadion, und da waren Zhuang Zedong und das Team. Glenn ging auf ihn zu und überreichte ihm dieses Geschenk. Viele Pressevertreter waren vor Ort, das Ereignis machte große Schlagzeilen, und soweit ich weiß, erreichten die Nachrichten sogar Mao Zedong, der daraufhin sagte: „Ja, ladet das Team ein, nach China zu kommen“, so Hoarfrost.
Am 10. April 1971 begann eines der wohl unwahrscheinlichsten und zugleich einflussreichsten Kapitel der Diplomatiegeschichte: Neun US-Spieler reisten gemeinsam mit ihrem Begleitpersonal als erste offizielle amerikanische Delegation seit 1949 nach China.
„Ganz oben auf der Liste: Ich traf Premierminister Zhou Enlai in der Großen Halle des Volkes. Jeder von uns schüttelte ihm der Reihe nach die Hand. Danach setzten wir uns zusammen und führten ein Gespräch zwischen unseren Teams und ihm – das war wirklich erstaunlich. Außerdem spielten wir Tischtennis im Capital Stadium vor 20.000 Zuschauern“, erinnerte sich Hoarfrost.
Fast 55 Jahre später kehrte sie nach Beijing zurück und traf dort einen weiteren „Ping-Pong-Diplomaten“: Liang Geliang, sechsmaliger Weltmeister und eine Schlüsselfigur dieses außergewöhnlichen Kapitels, das er selbst miterlebt und mitgeprägt hatte.
„Ich war damals 15 Jahre alt. In den Jahren danach habe ich viel mehr über China gelernt als während meines Aufenthalts dort. Das ganze Ausmaß dieser Erfahrung habe ich aber erst wirklich verstanden, nachdem wir das Land wieder verlassen hatten.“ Die Beziehungen zwischen China und den USA haben im Laufe der Jahrzehnte viele Höhen und Tiefen erlebt. Doch gerade im Tischtennis scheint es den beiden Ländern immer wieder zu gelingen, Gemeinsamkeiten zu finden, Mauern einzureißen und Brücken zu bauen.
„Eine der wichtigsten Lehren aus der Ping-Pong-Diplomatie ist die verbindende Kraft des Sports,“ so Hoarfrost weiter. „Der Austausch zwischen Menschen schafft ein Umfeld, in dem sich auch politisch bedingte Barrieren abbauen lassen. Das erleichtert es letztlich auch politischen Entscheidungsträgern, aufeinander zuzugehen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.“











