Chinas Kurswechsel bei Fachjournalen
Forschungsgelder sollen in Labore statt in Verlagsetats fließen
Mit einer Reform des wissenschaftlichen Bewertungssystems reagiert China auf die steigenden Publikationsgebühren internationaler Fachzeitschriften. Ziel ist, Forschungsgelder direkt in die wissenschaftliche Arbeit zu lenken, statt die Bilanzen großer Verlagshäuser zu stützen.

Angesichts stark gestiegener Publikationsgebühren in internationalen Fachzeitschriften reformiert China sein System zur Bewertung wissenschaftlicher Leistungen. Die Regierung beabsichtigt, Finanzmittel gezielter in die eigentliche Forschungsarbeit zu lenken und so die Qualität der Ergebnisse zu verbessern. Hintergrund ist die Verbreitung des Open-Access-Modells: Während früher Leser für Abonnements zahlten und Autoren gebührenfrei publizierten, ermöglicht Open Access zwar den freien Zugang zu Artikeln, verlagert die Kosten aber auf die Wissenschaftler. Sie müssen sogenannte Artikelbearbeitungsgebühren entrichten, um ihre Arbeiten veröffentlichen zu können.
Diese Gebühren haben sich mittlerweile zu einer massiven finanziellen Belastung für die Forschungsgemeinschaften entwickelt. Ein Bericht der Nationalen Wissenschaftsbibliothek der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS) verdeutlicht das Ausmaß: Im Jahr 2024 lag die durchschnittliche Gebühr pro Artikel bei über 3.000 US-Dollar. Chinesische Wissenschaftler veröffentlichten rund 313.500 solcher Artikel – was etwa einem Drittel der weltweiten Gesamtzahl entspricht – und bezahlten dafür insgesamt 909 Millionen US-Dollar. Dies entspricht einer Steigerung von mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Kritiker bemängeln seit langem, dass chinesische Fördergelder damit indirekt internationale Verlagskonzerne subventionieren. Hohe Gebühren können akademische Hierarchien zementieren und den wissenschaftlichen Diskurs zugunsten großer Verlage verzerren. Ein Doktorand des Instituts für astronomische Optik und Technologie in Nanjing warnte in einem Interview mit dem staatlichen Fernsehsender CCTV, dass experimentelle Arbeiten zwangsläufig leiden, wenn Publikationskosten einen zu großen Teil des Budgets verschlingen.
Auch die Biochemikerin Yan Ning, Mitglied der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, äußerte sich Ende des vergangenen Jahres kritisch. Das Open-Access-Modell sei zwar gut gemeint gewesen, doch die Gebühren seien mittlerweile „exzessiv teuer“ geworden. Yan kündigte an, dass ihr Labor künftig keine Zahlungen mehr für solche Artikel leisten werde. Stattdessen werde ihre Arbeitsgruppe Ergebnisse als Preprints (Vorveröffentlichungen) hochladen und nur dann in Journalen publizieren, wenn die Gebühren erlassen werden. „Es fühlt sich an, als würden Forscher ausgebeutet“, so Yan gegenüber CCTV. Viele Verlagsgruppen seien börsennotierte Unternehmen mit rein kommerziellen Interessen. Sie hoffe daher auf die Rückkehr zu einem gesunden wissenschaftlichen Ökosystem, sagte die Wissenschaftlerin.
Als Gegenmaßnahme fördert China verstärkt eigene internationale Fachzeitschriften. Ein Beispiel ist das Journal Vita, das sich auf Lebenswissenschaften und Biomedizin konzentriert und im kommenden Juni erstmals in gedruckter Form erscheinen soll. Die Hauptausgabe ist für Forscher weltweit kostenlos zugänglich. Eine Studie aus Yan Nings Team war die erste Arbeit, die bereits online in diesem Journal veröffentlicht wurde.
Parallel dazu hat die Chinesische Akademie der Wissenschaften strengere Vorgaben erlassen. Für 30 internationale Open-Access-Zeitschriften – darunter namhafte Titel wie Nature Communications, Cell Reports und Science Advances – werden keine zentralen Fördermittel mehr für Publikationsgebühren bereitgestellt. Ebenso ist eine Erstattung von Gebühren strikt untersagt, wenn die betreffenden Journale im Verdacht wissenschaftlichen Fehlverhaltens stehen. Mit diesen Maßnahmen soll die Aufsicht über das Publikationswesen verbessert und die Kosten unter Kontrolle gebracht werden.
Flankierend wurden Kriterien für nationale Wissenschaftspreise angepasst. Diese sollen den Anteil von Veröffentlichungen in inländischen Fachmedien schrittweise erhöhen. Die National Natural Science Foundation of China (NSFC) hat zudem festgelegt, dass bei allen ab 2025 geförderten Projekten mindestens 20 Prozent der repräsentativen Arbeiten in inländischen Journalen erscheinen müssen.
Auch an Hochschulen setzt ein Umdenken ein. Einige Universitäten lockern bereits ihre strengen Bewertungskriterien bei der Einstellung von Fachkräften. Anstatt sich exklusiv auf Kennzahlen wie die Anzahl der Publikationen zu verlassen, soll ein flexibleres Forschungsumfeld geschaffen werden. So fordert die Tsinghua-Universität ihre Dozenten beispielsweise auf, maximal fünf Arbeiten einzureichen, die ihr akademisches Niveau am besten widerspiegeln – seien es Artikel, Monografien oder Patente. Damit rückt die Qualität stärker in den Vordergrund. Die Fudan-Universität hat wiederum eine Pilotzone für Grundlagenforschung eingerichtet, in der originäre Projekte über mehr als zehn Jahre hinweg ohne ständigen Publikationsdruck unterstützt werden.












