Nobelpreisträger: KI verwischt akademische Grenzen und fördert interdisziplinäres Lernen
Künstliche Intelligenz (KI) löst traditionelle akademische Grenzen zunehmend auf und treibt den wissenschaftlichen Fortschritt voran. Darauf wies der Chemie-Nobelpreisträger Michael Levitt hin. Zugleich betonte er die Rolle von KI bei der Neugestaltung von Studium und Forschung über Disziplinen hinweg.
Levitt, der 1947 in Südafrika geboren wurde und später nach Großbritannien auswanderte, studierte zunächst Physik, bevor er sich der Biologie zuwandte. Er gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die Computertechnologie in der Biochemie einsetzten, und trug maßgeblich dazu bei, die konzeptionellen und theoretischen Grundlagen der computergestützten Biologie zu schaffen. Gemeinsam mit zwei Kollegen erhielt er 2013 den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung von Mehrskalenmodellen komplexer chemischer Systeme.
Levitt erklärte, sein interdisziplinäres Denken sei aus breit gefächerten Interessen entstanden. Fortschrittliche KI werde seiner Ansicht nach die Grenzen zwischen einzelnen Fachgebieten zunehmend verschwimmen lassen.
„Ich glaube, meine Interdisziplinarität kommt daher, dass ich mich für viele unterschiedliche Dinge interessiere. Die Trennung zwischen den Disziplinen ist historisch gewachsen, aber das ist nicht unbedingt sinnvoll. Wenn man sich auf ein neues System einlässt, gewinnt man neue Einsichten. Es ist frisch und vielfältig. Einer der wichtigsten Effekte fortschrittlicher KI wird darin bestehen, die Grenzen zwischen den Disziplinen aufzulösen. Wenn mein Hobby beispielsweise klassische chinesische Poesie wäre, könnte ich sie vermutlich innerhalb eines Tages durch Gespräche mit DeepSeek erlernen. Das wäre äußerst kraftvoll“, sagte Levitt.
Auf Grundlage seiner Pionierarbeit in der Computerbiologie und seiner jahrzehntelangen wissenschaftlichen Erfahrung stellte Levitt ein Modell aus vier unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Formen der Intelligenz vor: biologische, kulturelle, künstliche und persönliche Intelligenz. Dieses Modell solle helfen, das Leben im Zeitalter der KI besser zu verstehen.
„Es ist interessant, von künstlicher, biologischer und kultureller Intelligenz zu sprechen. Ich habe jedoch noch eine vierte Form hinzugefügt: persönliche Intelligenz. Dabei geht es darum, wie klug wir mit unserem eigenen Körper umgehen und ihn pflegen. Das ist etwas sehr Persönliches. Ich wollte insbesondere die Bedeutung biologischer Intelligenz hervorheben, weil wir von ihr sehr viel lernen können. Die biologische Intelligenz hat den Menschen hervorgebracht, und der Mensch wiederum hat KI erschaffen. Gleichzeitig entsteht dabei ein Rückkopplungseffekt. KI kann für die menschliche Gesundheit und die biologische Intelligenz von großer Bedeutung sein. Es geht also erneut um Vielfalt und darum, unterschiedliche Dinge miteinander zu verbinden, um neue Perspektiven zu gewinnen“, sagte Levitt.
Levitt, der nach eigenen Angaben täglich mehrere KI-Systeme nutzt, sprach sich zudem für einen breiteren Einsatz künstlicher Intelligenz aus. Der heutige Fortschritt basiere auf den Grundlagen früherer Generationen.
„Seit dem ersten Tag der Veröffentlichung von ChatGPT 3.5 nutze ich verschiedenste KI-Systeme – nicht nur ChatGPT, sondern auch Gemini, Claude, DeepSeek und Kimi. Ich verwende sie jeden Tag intensiv, vielleicht hundertmal täglich und oft über viele Stunden hinweg. Dadurch bin ich tief in dieses Feld eingetaucht“, sagte Levitt.
Mit Blick auf die Nobelpreise erklärte er weiter: „Ich habe mich sehr über die Nobelpreise gefreut. Sie waren gewissermaßen eine Zusammenfassung von 60 Jahren Arbeit vieler anderer Menschen. Maschinelles Lernen muss schließlich von etwas lernen. In meiner Forschung arbeiteten wir beispielsweise mit kleinen Proteinsträngen. Damals kannten wir vielleicht zwei Strukturen, heute kennen wir Hunderttausende. Diese Informationen wurden mithilfe äußerst raffinierter Algorithmen in Computer eingespeist, sodass diese Zusammenhänge erkennen und präzise Vorhersagen treffen konnten. Alles fügt sich auf bemerkenswerte Weise zusammen. Dabei kamen auch Methoden zum Einsatz, die von vielen Forschern entwickelt wurden. In der Wissenschaft steht man immer auf den Schultern von Giganten. Sonst wäre Fortschritt gar nicht möglich. In jedem Bereich sollte man lernen, die Leistungen anderer anerkennen und darauf aufbauen.“











