Shoppen, erleben, posten: Event „Einkaufen“ in China

Für Fotos: Astronautenanzüge passend zur fremdartigen Landschaft (Foto: Nils Bergemann)
Investitionen ins Wohlbefinden und in die eigene Zukunft
„Immer mehr Chinesen investieren heute auch in sich selbst“, erzählte mir ein befreundeter chinesischer Professor in Beijing mit Blick auf die neuen Konsumgewohnheiten. Die Statistiken zeigen: Ausgaben für Bildung, Kultur und persönliche Weiterbildung steigen überdurchschnittlich. Sprachkurse, Computerschulungen, Fitnessprogramme oder Wellnessangebote sind längst kein Luxus mehr, sondern Teil eines neuen Selbstverständnisses. Viele Chinesen investieren in ihre Zukunft.
Produktinnovationen „Made in China“
Die Chinesen lieben ihr Land. Im neunten Jahr meines China-Aufenthaltes kann ich das so pauschal sagen. Seit chinesische Produkte wettbewerbsfähig, häufig sogar innovativ bei Technik oder Design und in vielen Fällen Marktführer sind, fällt es den Chinesen leicht, sich für heimische Waren zu entscheiden. „Made in China“ ist obendrein oft günstiger, egal, ob es sich um Eis oder Autos handelt. Natürlich haben deutsche Autos und andere Wertarbeit „Made in Germany“ noch einen besonderen Ruf und Reiz. Aber chinesische Marken gewinnen rasch und deutlich an Boden. „Made in China“ gilt zunehmend als Qualitätssiegel, nicht bloß als kostengünstige Alternative.
Wird Konsum selektiver und individueller?
Ein Blick auf die großen Shopping-Events zeigt, wie sich der Markt verändert: Der „Singles Day“ am 11.11., Chinas Pendant zum Black Friday, blieb mit einem Umsatz von rund 1,7 Billionen Yuan im vergangenen Jahr das weltweit größte Konsumereignis, wobei chinesische Konsumenten anspruchsvoller und damit selektiver werden. Auch andere Massenkaufereignisse wie der chinesische „Liebestag“ am 20. Mai (520) oder der Valentinstag verändern sich. Wer auf dem hart umkämpften chinesischen Markt überleben will, muss sich ständig Neues ausdenken, um die Konsumenten neugierig zu machen.

Blickfang ohne Bissgefahr: Tiger aus Cortenstahl. Zum Vergleich: Unser Autor misst 190 cm. (Foto: Nils Bergemann)
Vertrauen als Basis für Konsumfreude
Internationale Studien zeigen, dass China im Vergleich zu vielen westlichen Ländern weiterhin überdurchschnittliche Vertrauenswerte aufweist. Dieses Vertrauen wirkt stabilisierend, gerade in Zeiten globaler Unsicherheit. Die Chinesen rechnen damit, dass ihre Regierung auch in Krisen- und Kriegszeiten die Versorgung mit Lebensmitteln und günstiger Energie gewährleistet und sie auch im nächsten Jahr noch genügend Geld für den Besuch eines Brotfestes haben.
Vor rund neun Jahren hatte Xi Jinping im Bericht auf dem XIX. Parteitag der KP Chinas darauf hingewiesen, dass sich das Land von einem Modell des schnellen Wachstums hin zu hochwertigem Wachstum entwickeln müsse. Ich denke, dass China genau auf diesem Weg ist, was sich auch beim Konsum zeigt: er ist heute anspruchsvoller und weniger impulsiv. Die Erlebnisorientierung ist sinnvoll. Die Glücksforschung zeigt, dass Erlebnisse langfristig stärker zum Wohlbefinden beitragen als materielle Güter. Schöne Erlebnisse bleiben lange in Erinnerung.
Auch beim Konsum zählen Qualität, Selbstbewusstsein und Innovation. Meiner Meinung nach wird China den breitflächigen Wandel vom Entwicklungsland zur Industrienation schneller als erwartet schaffen und dabei einige Zeichen setzen.
*Nils Bergemann ist studierter Journalist mit langjähriger Erfahrung als Redakteur und Kommunikationsexperte bei Verlagen und anderen Unternehmen. Zuletzt arbeitete er fünf Jahre für die China Media Group. Weiterhin in Beijing lebend unterrichtet er seit 2023 Deutsch, Sprachwissenschaften und Wirtschaft an der University of International Business and Economics.
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