Marktanteile sind kein Ausschluss
Was steckt hinter der „China-Squeeze“-These?
Nachdem der „China-Schock“ lange als Schlagwort für die Auswirkungen chinesischer Fertigungsindustrie auf die der westlichen Länder diente, haben einige westliche Agitatoren einen neuen Begriff geprägt: „China Squeeze“. Damit behaupten sie, Chinas Industrie verdränge die Hersteller des Globalen Südens vom Markt.
Ein Papier des Peterson Institute for International Economics vom Mai 2026 argumentiert, Chinas Stärke in der arbeitsintensiven Fertigung verbaue den Entwicklungsländern den Weg zur Industrialisierung. Die Erzählung macht die Industrialisierung zu einem Nullsummenspiel: Solange China seinen Platz behält, müsse ein anderes Land leer ausgehen.
Dabei werden Marktanteile mit Verdrängung verwechselt, Wettbewerbsfähigkeit mit unlauteren Praktiken und die Arbeitsteilung in globalen Lieferketten mit einem Wettbewerb zwischen abgeschotteten Volkswirtschaften.

Der erste Fehler wird durch die Gegenfrage deutlich: Würden Entwicklungsländer automatisch mehr exportieren, wenn China weniger exportierte?
Ein Hemd, das nicht in China hergestellt wird, würde nicht zwangsläufig im ärmsten verfügbaren Land produziert. Es könnte auch in einem anderen etablierten Fertigungszentrum entstehen – mit mehr Automatisierung oder zu einem anderen Preis.
Die „Squeeze“-Erzählung gewichtet den Wettbewerb stärker als die Nachfrage. China exportiert Industriegüter, importiert aber zugleich große Mengen an Rohstoffen, Agrarprodukten und Komponenten. Seine Maschinen und Anlagen können die Produktionskosten andernorts senken, während die robuste chinesische Nachfrage Importe aus aller Welt aufrechterhält.
Eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus dem Jahr 2025 zeigt, dass China erheblich zum globalen Wirtschaftswachstum und zu dessen Übertragungseffekten beigetragen hat. Der Handel zwischen den Entwicklungsländern hat sich rasant ausgeweitet – der Süd-Süd-Handel hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten verzehnfacht und macht inzwischen mehr als ein Drittel des globalen Handels aus, so der UN-Handels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) im Jahr 2025.

Der zweite Fehler besteht darin, Chinas kommerziellen Erfolg als Beleg für unfairen Handel zu werten.
Deutschland baute einen Vorsprung bei Autos auf, Japan bei Maschinen, Südkorea bei Speicherchips und die USA bei Luftfahrt, Pharmazeutika und Software. Ihr Erfolg beruhte auf der Kombination von Technologien, Fachkräften, industrieller Größe, Politik und Zulieferernetzen. Wettbewerb eliminiert minderwertige Produktionskapazitäten und treibt Unternehmen zu mehr Effizienz und Innovation – er bedeutet aber nicht, anderen Ländern das Recht auf Industrialisierung zu nehmen.
Auch Chinas industrielle Stärke hat klare Grundlagen: Jahrzehntelange Investitionen in Infrastruktur, Forschung, Ingenieurwesen und Bildung haben dichte Industriecluster geschaffen, in denen Hersteller, Zulieferer und Fachkräfte einander verstärken. Größenvorteile senken die Kosten, während der intensive heimische Wettbewerb Innovationen beschleunigt.
Im Jahr 2025 führte China die Welt bei den Patentanmeldungen an, wie Daten der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) belegen.
Ein Maßstab, nach dem niedrige Preise als Dumping, große Produktion als Überkapazitäten und Exporterfolg als Bedrohung gelten, würde Wettbewerbsfähigkeit selbst zum Vergehen machen.

Der dritte Fehler ist die Vorstellung, Industrialisierung sei eine Leiter, die Länder nacheinander erklimmen. Tatsächlich funktioniert die moderne Produktion eher wie ein Netzwerk.
Ein Auto kann Rohstoffe aus einem Land, Batterien aus einem anderen, Chips aus einem dritten und Software aus einem vierten enthalten. Globale Wertschöpfungsketten ermöglichen es Entwicklungsländern, über Komponenten, Montage oder Dienstleistungen in eine Branche einzusteigen, ohne zuvor ein vollständiges Produktionssystem aufbauen zu müssen, so ein Bericht der Weltbank.
Die Elektrofahrzeugindustrie in Südostasien veranschaulicht diesen Prozess in der Praxis: Chinesische Unternehmen investieren in der Region zunehmend in Montagewerke, Batterien, Teile und lokale Zuliefernetze. Somit gehen sie über den reinen Verkauf von Fahrzeugen hinaus.
Mehrere große chinesische Elektrofahrzeughersteller betreiben bereits Werke in Thailand oder sind dabei, sie zu errichten, so das thailändische Board of Investment. Neue Fabriken und Zulieferverbindungen zeigen, dass sich Industriekapazitäten über Grenzen hinweg ausbreiten – eine Leiter wird nicht hochgezogen.
Das gleiche Prinzip gilt für neue Technologien. Auf der Weltkonferenz für Künstliche Intelligenz 2026 kündigte China 5.000 KI-Schulungsplätze für Entwicklungsländer innerhalb von fünf Jahren sowie ein KI-gestütztes Frühwarnsystem für 30 Länder an.
Chinas Aufstieg bringt Nachfrage, Investitionen und Technologie. Industrialisierung ist kein fester Preis, der verteilt wird, sondern eine Fähigkeit, die aufgebaut werden muss – und offene Wirtschaftsnetzwerke bieten mehr Raum dafür als geschlossene Blöcke.












