Breitenförderung
Wie China KI in die Realwirtschaft bringen will
Mit Abendschulen, Subventionen für Rechenleistung und neuen Lehrplänen treibt China eine flächendeckende Qualifikationsoffensive voran. Künstliche Intelligenz soll die Produktivität der Realwirtschaft sichern.

Mit einer umfassenden Initiative will China KI-Kompetenzen in der gesamten Erwerbsbevölkerung verankern. Damit will die Führung in Beijing die Lücke zwischen technologischer Spitzenforschung und der Realwirtschaft schließen, um die industrielle Produktivität des Landes langfristig zu steigern.
Die umfassende Offensive stützt sich auf hochrangige Beschlüsse der Zentralregierung: Nach den Richtlinien des Staatsrats zur „KI+“-Initiative vom August 2025 legte das Bildungsministerium im April 2026 gemeinsam mit vier weiteren Behörden einen Aktionsplan vor, der bis 2030 eine flächendeckende KI-Grundbildung in allen Bildungsstufen und der gesamten Gesellschaft anstrebt. Die wirtschaftlichen Erwartungen sind hoch: Laut Zhang Yunming, Vizeminister für Industrie und Informationstechnik, überschritt das Volumen der chinesischen KI-Kernbranche im Jahr 2025 die Marke von 1,2 Billionen Yuan (ca. 150 Milliarden Euro). Am Rande der diesjährigen Tagung des Nationalen Volkskongresses prognostizierte Zheng Shanjie, der Leiter der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, dass das erweiterte KI-Ökosystem im Zeitraum des 15. Fünfjahresplans (2026–2030) die Marke von zehn Billionen Yuan überschreiten werde.
Um diese Ziele zu erreichen, setzt die Politik auf die breite Anwendung von künstlicher Intelligenz. Ob in der Fertigungs-, Textil- und Stahlindustrie, der Energieversorgung oder dem Gesundheitswesen – KI kommt zunehmend in Kernprozessen wie Forschung und Entwicklung, Qualitätsprüfung und Kundenservice zum Einsatz. Auf lokaler Ebene treten die Kommunen dabei als Vermittler auf und bringen Technologieanbieter direkt mit regionalen Industrieclustern zusammen.
Ein Beispiel für diesen Ansatz ist die von der Lokalregierung unterstützte Abendschule „Oasis Spark“ im Bezirk Tongzhou der Stadt Nantong in der Provinz Jiangsu. Das kostenlose Weiterbildungsangebot reicht von den Grundlagen der Büroautomatisierung bis hin zu maßgeschneiderten Anwendungen für die Medizintechnik und die lokale Heimtextilindustrie. Eine Spezialveranstaltung zum Thema „KI in der Heimtextilbranche” lockte kürzlich knapp 20.000 Teilnehmer vor Ort und online an.
Von dem Format profitieren vor allem junge Technologieunternehmen. So nutzte beispielsweise Wang Hao, Geschäftsführer von Nantong Minxing Software, eine Projektpräsentation im Rahmen des Abendkurses, um Kontakte zu acht Textilunternehmern zu knüpfen. Start-ups fehlten oft die Vertriebskanäle und Ressourcen, so der Gründer des Betriebs. Die staatlich organisierte Plattform ermögliche den direkten Zugang zu Kunden aus dem Mittelstand und erleichtere das Anbieten passgenauer technischer Dienstleistungen. Auch aus Sicht der Teilnehmer zeigt die Schulung Wirkung: Früher habe sie KI für kompliziert und nur für Fachleute zugänglich gehalten, berichtet eine Kursteilnehmerin namens Zhang. Mittlerweile nutze sie die Werkzeuge ganz selbstverständlich für Entwürfe und Texte.
Dem Vorbild der Zentralregierung folgend haben lokale Regierungen maßgeschneiderte Förderinstrumente entwickelt. So stufte Shanghai KI-Trainer in die höchste Kategorie ihrer beruflichen Qualifizierungsprogramme ein, erhöhte die entsprechenden Schulungszuschüsse um 30 Prozent und belohnt zertifizierte Fachkräfte mit Zusatzpunkten im System für die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis.
Die Stadt Yangzhou lockt mit Subventionen von bis zu 200.000 Yuan für Schulungszentren sowie mit direkten Gutscheinen für Rechenkapazitäten, um die Entwicklungskosten für Unternehmen zu senken. Die nahegelegene Stadt Suzhou wiederum setzt auf einen „30-Minuten-Radius für Berufsbildung“, der Schulungen für die moderne Fertigung unmittelbar mit Arbeitsplatzangeboten verknüpfen soll.
Gleichzeitig greift die Initiative tief in das Bildungssystem ein. Regionen wie Beijing, Guangdong und Liaoning haben KI-Grundbildung als verpflichtenden Bestandteil in die Lehrpläne der Primar- und Sekundarstufe integriert. Der Aktionsplan des Bildungsministeriums sieht zudem eine flächendeckende KI-Fortbildung für Lehrkräfte bis 2030 vor.
In der Autonomen Region Guangxi der Zhuang rief die Hauptstadt Nanning die ersten gemeinnützigen KI-Abendschulen ins Leben, veranstaltete städtische Wettbewerbe und schuf Netzwerke zur Förderung industrieller Talente. Damit soll sich KI schrittweise von einer Spezialdisziplin zu einer grundlegenden Qualifikation für weite Teile der Arbeitswelt entwickeln.












