Dienstleistungen als Wachstumsmotor
Chinas Wirtschaft setzt stärker auf Konsum
Der Dienstleistungskonsum dürfte in diesem Jahr eine zentrale Rolle als Wachstumstreiber der chinesischen Volkswirtschaft übernehmen. Angesichts anhaltender globaler Unsicherheiten will die Regierung die Wirtschaft stärker auf die Binnennachfrage ausrichten.

Nach Einschätzung von Regierungsvertretern und Experten vollzieht sich derzeit ein struktureller Wandel der Binnennachfrage in China: Haushalte geben einen immer größeren Teil ihrer Konsumausgaben für Dienstleistungen aus.
„Verbraucher fragen Dienstleistungen nicht nur regelmäßiger nach, diese Ausgaben wirken sich zudem stark auf andere Wirtschaftsbereiche aus“, sagte Wang Guanhua, Sprecher des Nationalen Statistikamtes (NBS), kürzlich auf einer Pressekonferenz. Die Ausweitung des Dienstleistungskonsums bleibe daher ein zentraler Motor für das gesamte Konsumwachstum im Land.
Aktuelle Daten des NBS belegen diesen Trend: In den ersten sieben Monaten dieses Jahres stiegen die Umsätze im Dienstleistungseinzelhandel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fünf Prozent. Damit lag das Wachstum um 3,9 Prozentpunkte über der Dynamik des klassischen Wareneinzelhandels.
Luo Zhiheng, Chefvolkswirt bei Yuekai Securities, sieht in diesen Kennzahlen eine weitere Aufwertung der chinesischen Konsumstruktur. Im Gegensatz zu Gütern unterlägen Dienstleistungen in geringerem Maße dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens, weshalb sie erheblichen Raum für nachhaltige Ausgabensteigerungen böten.
Besonders dynamisch entwickelt sich der Tourismus. Laut NBS stiegen die Umsätze mit tourismusbezogenen Beratungs- und Vermietungsdienstleistungen in den ersten sieben Monaten um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die US-Investmentbank Morgan Stanley schätzt, dass die Einnahmen der chinesischen Tourismusbranche bis zum Jahr 2030 auf zwölf Billionen Yuan (ca. 1,63 Billionen Euro) ansteigen werden. Der Beitrag des Sektors zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte dadurch von 4,8 Prozent im Jahr 2024 auf rund 6,7 Prozent zunehmen.
Yuan Haixia, Leiterin des Forschungsinstituts der Ratingagentur China Chengxin International, verweist auf die Entwicklung anderer Industrienationen: Erreiche ein Land den Status einer Hocheinkommenswirtschaft, entwickle sich der Konsum in der Regel zum wichtigsten Wachstumsmotor. Auch Xiong Yuan, Chefvolkswirt bei Guosheng Securities, betont das erhebliche Expansionspotenzial: Im ersten Halbjahr stieg der Anteil der Pro-Kopf-Ausgaben für Dienstleistungen an den gesamten Konsumausgaben im Vorjahresvergleich um 0,2 Prozentpunkte.
Diese wirtschaftliche Weichenstellung wird durch hochrangige Beschlüsse der Führung in Peking unterstrichen. So bekräftigte das Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas Ende Juli die Notwendigkeit, das Angebot an hochwertigen Waren und Dienstleistungen gezielt auszubauen. Das Gremium sprach sich zudem für eine verstärkte Abstimmung zwischen Finanz- und Geldpolitik aus, um die Binnennachfrage nachhaltig zu stärken.
Weitere Maßnahmen sind bereits eingeleitet. So kündigte Vizefinanzminister Liao Min kürzlich an, dass im zweiten Halbjahr zusätzliche koordinierte fiskal- und geldpolitische Maßnahmen auf den Weg gebracht werden sollen.
Neben einer verbesserten Angebotsstruktur ist jedoch das kontinuierliche Wachstum der verfügbaren Haushaltseinkommen der entscheidende Faktor. „Die Einkommenselastizität vieler Dienstleistungen liegt über eins“, führt Ökonom Luo Zhiheng aus. Das bedeutet, dass der Dienstleistungskonsum bei steigendem Einkommen überproportional ansteigt.
Um die Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten zu stärken, hat der chinesische Staatsrat bereits Mitte Juli den Plan zur Ausweitung des Konsums im 15. Fünfjahresplan (2026–2030) verabschiedet. Dieser beinhaltet unter anderem die Vorgabe, die Mindestlöhne schrittweise anzuheben. Erste Regionen setzen dies bereits um: So steigen die monatlichen Mindestlöhne in Guangdong zum 1. September in Guangzhou auf 2.680 Yuan und in Shenzhen auf 2.700 Yuan (Anstiege um 7,2 bzw. 7,1 Prozent). Die Provinz Shanxi und das Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang folgen zum 1. Oktober mit Anhebungen auf 2.350 bzw. 2.270 Yuan pro Monat.












