Der Geist von Shanghai kommt nach Bischkek
China stärkt die Stimme des Globalen Südens Exklusiv

Von Oliver Eschke
Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) im kirgisischen Bischkek treffen, dann geht es um mehr als ein diplomatisches Gruppenfoto zum 25-jährigen Bestehen der Organisation. Die 2001 in Shanghai von sechs Gründungsstaaten gegründete Organisation hat sich mittlerweile auf zehn Vollmitglieder erweitert: Nach Indien und Pakistan 2017 traten zuletzt der Iran 2023 und Belarus 2024 bei. Rechnet man die rund 15 Dialogpartner hinzu (u.a. Türkei, Saudi-Arabien und Katar) dann vereint die SCO heute etwa 42 Prozent der Weltbevölkerung und, je nach Berechnungsmethode, zwischen 23 und 36 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Ein Gruppenfoto vor der SCO-Plus-Konferenz im kirgisischen Bischkek. (Foto vom 1. September 2026, Wang Ye/Xinhua)
Der so dringend benötigte „Shanghai-Geist“
Dass in Bischkek neben dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin auch der iranische Präsident Massud Peseschkian, der indische Premierminister Narendra Modi und mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sogar der Vertreter eines Nicht-Mitglieds zusammenkommen, unterstreicht die Reichweite des Formats. Der kasachische SCO-Experte Alibek Tazhibayev brachte es auf den Punkt: Der von der Organisation gepflegte „Shanghai-Geist“ biete Staaten eine Alternative zur starren Blockpolitik des Westens.
Die SCO ist längst zu einer der wichtigsten Bühnen geworden, auf der Staaten des Globalen Südens gehört werden, ohne sich den Regeln westlich geprägter Institutionen unterordnen zu müssen. Während Weltbank, Währungsfonds und UN-Sicherheitsrat bei der Repräsentation der Entwicklungsländer weiterhin Reformbedarf haben, tritt die SCO mit dem Versprechen an, Staaten unabhängig von Größe, Wirtschaftskraft oder politischem System als gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe zu behandeln. Auf dem Gipfel in Tianjin stellte Xi 2025 seine „Globale Governance-Initiative“ vor, die genau fünf Kernkonzepte zum Ausdruck brachte, nämlich die Wahrung der souveränen Gleichheit, die Einhaltung des Völkerrechts, die Praxis des Multilateralismus, einen menschenzentrierten Ansatz und die Betonung konkreter Handlungen. Für viele Staaten Zentral- und Südasiens, aber auch für Beobachter aus dem Nahen Osten und Afrika, ist dies ein Angebot, das sie in den etablierten westlichen Foren so nicht bekommen.
Chinas Rolle dabei ist kaum zu überschätzen. Präsident Xi nimmt bereits seit 2013 an jedem SCO-Gipfel teil – persönlich oder per Videoschalte. Mittlerweile hat sich die Organisation von einem regionalen Sicherheitsforum gegen Terrorismus, Separatismus und Extremismus zu einer Plattform für wirtschaftliche Integration, Konnektivität und digitale Zusammenarbeit weiterentwickelt. Auch bilateral unterstreicht Beijing sein Engagement: Der Handel zwischen China und Kirgisistan erreichte beispielsweise in den ersten sieben Monaten 2026 bereits 11,7 Milliarden US-Dollar, während Xi bei seinem Staatsbesuch in Bischkek von einer „goldenen Periode“ der Zusammenarbeit sprach. Mit einer geschätzten gemeinsamen Wirtschaftsleistung der SCO-Staaten von rund 30 Billionen US-Dollar ist die Organisation längst ein ökonomisches Schwergewicht, das seinen Mitgliedern handfeste Entwicklungsperspektiven bietet.
Man sollte dabei allerdings nicht übersehen, dass die SCO kein homogener Block ist. Zwischen Mitgliedern wie Indien und Pakistan bestehen offene Konflikte, und die Organisation versteht sich ausdrücklich nicht als Militärbündnis. Für Länder wie Kirgisistan oder Kasachstan ist die Organisation zuallererst ein pragmatischer Kanal, um Investitionen, Handel und Infrastruktur zu sichern, ohne sich zwischen den Großmächten entscheiden zu müssen. Gerade diese Pragmatik macht die SCO für den Globalen Süden so attraktiv. Sie bietet eine Plattform, auf der Entwicklungs- und Schwellenländer nicht nur zuhören, sondern mitgestalten – und China positioniert sich dabei bewusst als verlässlicher Ankerpartner.
Der Gipfel von Bischkek zeigt also deutlich, dass die Architektur der globalen Ordnung nicht mehr exklusiv in Washington, Brüssel oder Genf verhandelt wird. Ein gutes Stück davon entsteht inzwischen auch in Bischkek, Tianjin oder Astana.
Der Autor ist langjähriger Ostasienexperte, war lange Jahre für internationale und chinesische Organisationen tätig und arbeitet nun als freier Journalist in China. Die Meinung des Autors spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.










