90 Jahre Langer Marsch
Die einstige Überlebensroute ist zum Weg des Aufschwungs geworden Exklusiv

Von Wang Xuemei, Beijing
Vor 90 Jahren legte die 1. Frontarmee der Chinesischen Roten Armee den Langen Marsch zu Fuß zurück – eine Strecke von 12.500 Kilometern quer durch China. Heute bewältigt ein Hochgeschwindigkeitszug dieselbe Route von Ruijin in der südostchinesischen Provinz Jiangxi nach Yan'an in der nordwestchinesischen Provinz Shaanxi in nur elf Stunden und 32 Minuten.
Damals ein Weg des Überlebens, heute ein Weg der Entwicklung. Der Wandel dieses Weges vom Überlebenskampf zum Aufschwung erzählt die Geschichte, die zum 90. Jahrestag des Sieges des Langen Marsches im Mittelpunkt steht: Wie eine Nation aus ihrer tiefsten Not herausfand und diesen Weg zu einem Aufbruch in die Zukunft machte.

Der Wandel der Marschroute
Durch diese militärische Odyssee durchbrachen die Hauptstreitkräfte der Roten Armee die Einkesselung der Kuomintang-Truppen und vereinten sich in Nordwestchina wieder. Als die 1. Frontarmee im Oktober 1934 von Yudu, einem benachbarten Kreis von Ruijin in Jiangxi, aufbrach, wusste niemand, wie lang dieser Weg sein würde. Von den mehr als 86.000 Soldaten erreichten nur sieben- bis achttausend die nordwestchinesische Provinz Shaanxi.
Es war ein Weg, der mit Leben vermessen wurde: die blutige Schlacht am Xiangjiang-Fluss, die viermalige Überquerung des Chishui-Flusses, die blitzschnelle Eroberung der Luding-Brücke, der beschwerliche Marsch durch die Sümpfe auf dem Songpan-Grasland. Jeder Abschnitt trägt seine eigene Bezeichnung – und hinter jeder stehen unzählige Opfer.
90 Jahre später, im September 2026, verbindet ein Hochgeschwindigkeitszug Ruijin direkt mit Yan'an: 1.857 Kilometer in elf Stunden und 32 Minuten. An Bord sind Nachkommen der Soldaten der Roten Armee, die in Gedenken an die Gefallenen nach Yan'an reisen. Andere haben sich bewusst für eine Reise auf den Spuren der revolutionären Geschichte entschieden. Was die Gefallenen einst ersehnten – Frieden und Wohlstand –, ist im Alltag der Gegenwart Wirklichkeit geworden.
Aufschwung in den alten Revolutionsgebieten
Entlang der einstigen Marschroute liegen die armen Regionen der ehemaligen Revolutionsgebiete. Doch diese Regionen erleben derzeit einen tiefgreifenden Wandel.
In Yudu, wo der Lange Marsch seinen Anfang nahm, entstehen neue Formen des roten Tourismus. Am Dongmen-Flussübergang wird das Theaterstück „Abschied“ aufgeführt – mit Laiendarstellern, darunter Nachkommen der Soldaten der Roten Armee. Eine Rentnerin, die in diesem Theaterstück mitspielt und deren Vater damals von hier aus den Langen Marsch antrat, sagt: „Jede Aufführung ist ein Gespräch mit den Vorfahren. Ich fühle mich meinem Vater näher.“

In Ninghua in der südostchinesischen Provinz Fujian, einem weiteren Ausgangspunkt des Langen Marsches, greifen Denkmalschutz, roter Tourismus und ländliche Entwicklung ineinander. Die Gemeinde Caofang setzt auf gemeinschaftlichen Chilianbau und beteiligt die Bauern am Erlös. Mit dem Aufbau des Nationalen Kulturparks zum Langen Marsch als Beispiel treibt eine Reihe von Maßnahmen zur Verbesserung von Wohnumfeld und Infrastruktur den Wandel vom historischen Erbe zum wirtschaftlichen Aufschwung voran.
Ruijin und Yan'an, einst zentrale Orte der chinesischen Revolution, haben sich grundlegend verändert. In Ruijin entwickeln sich Präzisionsfertigung, Spielzeugproduktion und Textilindustrie. In Yan'an ist aus kleinen Äpfeln mittlerweile eine große Industrie geworden. Die einst karge Landschaft ist heute grün, die Obstbauern sind wohlhabend. Ruijin und Yan'an stehen somit beispielhaft für den Aufstieg des roten Kernlands.
Die Regionen, die einst große Opfer für die Revolution brachten, ernten heute auf andere Weise Entwicklungsfrüchte.
Eine Brücke zwischen Generationen und Kulturen
Die Strahlkraft des Langen Marsches liegt darin, dass er Menschen unterschiedlicher Generationen und Kulturen anspricht.
Am 25. September 2026 wurde im Military Museum of the Chinese People's Revolution in Beijing die Ausstellung „Die große Expedition“ zum 90. Jahrestag des Sieges des Langen Marsches der Roten Armee eröffnet. Auf sieben Themenbereiche verteilt, werden 875 Exponate und 186 Dokumente gezeigt, mehr als 300 davon sind erstmals zu sehen.
Noch größer ist die Resonanz außerhalb des Museums: Mehr als 100 ausländische Offiziere aus über 80 Ländern, die an der Nationalen Verteidigungsuniversität studieren, reisten anlässlich des Jubiläums nach Ruijin, Zunyi und Yan'an. Zhang Xiaogang, Sprecher des chinesischen Verteidigungsministeriums, erklärte, der Lange Marsch sei in der Weltkriegsgeschichte und der Geschichte der menschlichen Zivilisation außergewöhnlich. International wachse die Überzeugung, dass er zu den Ereignissen des 20. Jahrhunderts gehöre, die die Zukunft der Welt am stärksten geprägt haben.
Auch chinesischstämmige Jugendliche aus den USA, Kanada, Deutschland und den Niederlanden folgen den Spuren ihrer Vorfahren. Eine junge Frau aus Finnland sagte beispielsweise: „Bisher kannte ich die Geschichten nur aus Erzählungen meiner Mutter und aus Büchern. Hier in China kann ich nachfühlen, was damals geschah.“
Der Lange Marsch ist längst keine Schulbuchgeschichte mehr.
Der Weg von damals war mit Strohsandalen und Blut gepflastert. Der Weg von heute wird von Hochgeschwindigkeitszügen und Algorithmen geprägt. Die Form hat sich geändert – der Geist aber nicht: Noch immer gehen Menschen unbeirrt zu einem bestimmten Ziel voran.
Vom Yudu-Fluss, wo die Aufschrift „Der Geist des Langen Marsches leuchtet ewig“ an den Startpunkt des Langen Marsches erinnert, bis zu den heutigen zahlreichen Verkehrsverbindungen von Ruijin mit anderen Städten: Geschichte und Gegenwart treffen auf demselben Boden aufeinander. Der Lange Marsch kennt kein Ende, denn jede Generation definiert den „Aufbruch“ auf ihre eigene Weise neu.












