Stabil im weltweiten Gegenwind
Chinas Wirtschaft im dritten Quartal 2026 Exklusiv

Von Oliver Eschke
Während die Weltwirtschaft mit Konflikten, Energiepreisschocks und Protektionismus ringt, konnte China auch im dritten Quartal solide Wachstumszahlen verzeichnen. Vor allem die Entwicklungen beim Konsum, auf dem Arbeitsmarkt sowie bei der Getreideernte stimmen optimistisch.

Der Herbst 2026 ist für die Weltwirtschaft weiterhin keine einfache Zeit. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für dieses Jahr ein globales Wachstum von lediglich 3,1 Prozent und verweist dafür auf Energiepreisschocks sowie die Folgen des Nahost-Konflikts. Gerade vor diesem Hintergrund verdienen die chinesischen Konjunkturdaten für das dritte Quartal besondere Aufmerksamkeit, denn sie zeigen eine Volkswirtschaft, die nicht nur dem Druck standhält, sondern teilweise sogar an Tempo zulegt.
Im dritten Quartal wuchs Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach 4,3 Prozent im zweiten Quartal. In den ersten drei Quartalen zusammen stieg die Wirtschaftsleistung somit um 4,6 Prozent auf 107,11 Billionen Yuan (etwa 15,94 Billionen US-Dollar). Der absolute Zuwachs von 5,7 Billionen Yuan ist nach Angaben des Staatlichen Statistikamts der größte für diesen Zeitraum seit fünf Jahren.
Konsum – ein immer wichtigerer Baustein
Die vielleicht wichtigste Nachricht dieses Quartals betrifft den Konsum. Die Konsumausgaben trugen in den ersten drei Quartalen 46,7 Prozent zum Wirtschaftswachstum bei, 0,7 Prozentpunkte mehr als im ersten Halbjahr. Die Umsätze mit Konsumgütern und Dienstleistungen zusammen legten um 2,6 Prozent zu, wobei der Dienstleistungseinzelhandel mit 5 Prozent um 4 Prozentpunkte schneller wuchs als der Warenhandel. Im September stieg der Einzelhandelsumsatz mit Konsumgütern um 1,1 Prozent und damit so stark wie seit sechs Monaten nicht mehr.
Hinter diesen Zahlen steht ein Strukturwandel hin zu höherwertigem Konsum. Der Absatz energieeffizienter Haushaltsgeräte stieg um mehr als 20 Prozent, und es wurden über 7,7 Millionen Pkw mit alternativen Antrieben verkauft. Der Online-Handel mit Waren und Dienstleistungen überschritt die Grenze von 15 Billionen Yuan, ein Plus von 4,4 Prozent.
Neue Technologien geben dem Konsum zusätzliche Impulse mit hoher Qualität. Neue Wachstumstreiber trugen mehr als 40 Prozent zum Wirtschaftswachstum bei. Die Wertschöpfung der Hightech-Fertigung stieg um 14,3 Prozent und die Produktion von Industrierobotern sogar um 29,1 Prozent. Gleichzeitig sank der Energieverbrauch pro BIP-Einheit um 3,1 Prozent.

Die Verkäufe der Smartbrillen auf großen Plattformen haben sich mit einem Plus von 110 Prozent mehr als verdoppelt. Am 19. Oktober haben neun Behörden unter Führung des Handelsministeriums 18 Maßnahmen vorgelegt, mit denen künstliche Intelligenz und andere Spitzentechnologien gezielt im Handel und bei Dienstleistungen eingesetzt werden sollen. Bereits im Juli hatte China seinen ersten Fünfjahresplan veröffentlicht, der sich ausschließlich der Ausweitung des Konsums widmet.
Ein stabiler Arbeitsmarkt, hohe Getreideernte und Öffnung nach außen
Auch der Arbeitsmarkt erweist sich als stabil. Die städtische Arbeitslosenquote lag in den ersten neun Monaten bei durchschnittlich 5,2 Prozent und damit auf Vorjahresniveau. Im September sank sie gegenüber August um 0,1 Prozentpunkte auf 5,2 Prozent. Wichtigster Jobmotor ist der Dienstleistungssektor, auf den inzwischen 49,4 Prozent aller Beschäftigten entfallen.
In einer Zeit, in der Lieferketten und Rohstoffmärkte immer wieder unter Druck geraten, ist zudem die Ernährungssicherheit ein notwendiger Stabilitätsanker. Umso erfreulicher ist es daher, dass die Sommergetreideernte ein Volumen von 301,49 Milliarden Jin (rund 150,7 Millionen Tonnen) erreichte und damit erstmals die Marke von 300 Milliarden Jin überschritt.
Während andernorts Zollschranken hochgezogen werden, kauft China so viel im Ausland ein wie lange nicht. In US-Dollar gerechnet stiegen die Importe in den ersten neun Monaten um 27,5 Prozent auf 2,43 Billionen US-Dollar. Im September allein lagen sie um 31 Prozent über dem Vorjahr. Der gesamte Außenhandel erreichte in den ersten drei Quartalen 5,8 Billionen US-Dollar, ein Plus von 23,8 Prozent. Im September überschritt das monatliche Handelsvolumen in RMB gerechnet mit 5,16 Billionen Yuan (760,8 Milliarden US-Dollar) erstmals die Marke von 5 Billionen. Der Handel mit den ASEAN-Staaten wuchs besonders stark (um 22,7 Prozent), mit der EU um 8,4 Prozent und selbst mit den Vereinigten Staaten um 4,1 Prozent.
Diese Öffnung ist politisch gewollt. Seit dem 1. Mai 2026 gewährt China den 53 afrikanischen Staaten, mit denen es diplomatische Beziehungen unterhält, Zollfreiheit für sämtliche Zolltarifpositionen. Für die Handelspartner bedeutet der wachsende chinesische Importbedarf konkrete Absatzchancen. Zugleich bleibt China als Investitionsstandort attraktiv. Ausländische Direktinvestitionen in Hochtechnologiebranchen stiegen in den ersten acht Monaten um 35,1 Prozent, und der Außenhandel ausländisch investierter Unternehmen erreichte mit 11,69 Billionen Yuan (1,75 Billionen US-Dollar) einen Rekordwert für die ersten neun Monate.
Zwei Großereignisse im November werden nochmal verdeutlichen, wie ernst China es mit der Öffnung meint. Vom 5. bis 10. November findet in Shanghai die 9. China International Import Expo (CIIE) statt – mit 4.142 ausländischen Ausstellern, Teilnehmern aus 162 Ländern, Regionen und internationalen Organisationen und erstmals mehr als 440.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Mehr als 480 Exponate werden dort ihre Welt-, Asien- oder China-Premiere feiern – so viele wie nie zuvor!
Kurz darauf, am 18. und 19. November, empfängt Shenzhen die Staats- und Regierungschefs zum 33. informellen Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC), der unter dem Motto „Aufbau der asiatisch-pazifischen Gemeinschaft und Förderung des gemeinsamen Wohlstands“ steht. Mit den übrigen APEC-Volkswirtschaften wickelte China in den ersten neun Monaten einen Handel von 24,07 Billionen Yuan (etwa 3,6 Billionen US-Dollar) ab – ein Plus von 23,9 Prozent.
Im dritten Quartal 2026 zeigt China also eine Wirtschaftsleistung, die in einem rauen internationalen Umfeld weiter an Fahrt aufnimmt. Wachsender Konsum, ein stabiler Arbeitsmarkt, eine reiche Ernte und kräftig steigende Importe sind keine Selbstverständlichkeit in einer Welt, die nach Gewissheit sucht. Obgleich Herausforderungen bleiben, gilt der Satz: Wer auf Stabilität und offene Märkte setzt, findet in China einen verlässlichen Partner.
Der Autor ist langjähriger Ostasienexperte, war lange Jahre für internationale und chinesische Organisationen tätig und arbeitet nun als freier Journalist in China. Die Meinung des Autors spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.












