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18. 06. 2013 Druckversion | Artikel versenden| Kontakt

Sind die Menschen glücklicher, wenn das BIP immer weiter wächst? Exklusiv

Schlagwörter: Mercator Glück BIP Wirtschaftswachstum

von Luo Xu, Beijing

Seit jeher halten verschiedene Länder das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und seinen Zuwachs für einen wichtigen Standard des Entwicklungsniveaus eines Landes. Jedoch kann eine rein wachstumsorientierte Politik auch zu negativen Einflüssen führen. Macht der BIP-Zuwachs glücklich? Beim dritten Mercator Salon haben internationale Experten am Samstag in Beijing über den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Glück diskutiert.

Michael Kahn-Ackermann, Liang Jie und Ole von Uexküll (v.l.n.r.)

An der Podiumsdiskussion nahmen Ole von Uexküll, Direktor der "Right Livelihood Award Foundation", und Liang Jie, Wirtschaftswissenschaftler an der Fudan-Universität und Herausgeber des Magazins Dupin, teil. Moderiert wurde die Diskussion von Michael Kahn-Ackermann, dem Repräsentanten der Stiftung Mercator in China.

Ole von Uexküll meinte, dass zwischen Wirtschaftswachstum und Glück kein direkter Zusammenhang bestehe. Er nannte zwei Beispiele, um seine Behauptung zu untermauern: Ein US-Bergbauunternehmen möchte mittels Sprengung ein Bergwerk erschließen. Dies könne zwar einerseits zum BIP-Wachstum beitragen, andererseits aber auch zur Obdachlosigkeit lokaler Anwohner und zu Umweltverschmutzungen führen. Dies könnte die Anwohner möglicherweise unglücklich machen.

Das zweite Beispiel von Uexkülls: Schweden will einen neuen gesetzlichen Feiertag einführen. Dieses Vorhaben würde sicherlich zu Ungunsten des Wirtschaftswachstums ausfallen – die Bevölkerung Schwedens würde aber mehr Freizeit haben, wodurch sich Zufriedenheit und Glücksempfinden steigern lassen könnten.

Die meisten Länder legten trotzdem größeren Wert auf den BIP-Zuwachs, so von Uexküll – weil es erstens einfacher sei, das BIP zu berechnen, als das Glück. Zweitens würden die Steuereinnahmen der Regierung immer größer, je länger und stärker das BIP wachse. Drittens repräsentiere das BIP die Stärke eines Landes – zum Beispiel sei Deutschland wegen seines großen und stabilen BIP das stärkste Land in Europa, so der Direktor der "Right Livelihood Award Foundation".

Bei alledem müsse man aber beachten, so von Uexküll weiter, dass das BIP meist nur die Profite widerspiegele –nicht jedoch, zu welchem Preis diese errungen werden: nämlich dem Verbrauch der Naturressourcen. Er betonte, die Politik spiele bei der Behandlung des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftswachstum und Glück eine wichtige Rolle. Die Regierung müsse großen Wert auf den Umweltschutz legen, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern – auch wenn dadurch der BIP-Zuwachs negativ beeinflusst würde, so von Uexküll.

Wirtschaftswissenschafter Liang Jie meinte, dass alle bestehenden Glücksindizes Mängel aufwiesen, weil sich die Einkommen, Familienstände, Gesundheitszustände und gesellschaftlichen Aktivitäten der Befragten objektiv gesehen meist zu weit voneinander unterscheiden würden, und verschiedene Völker darüber hinaus immer auch ein subjektives, sich voneinander teils deutlich unterscheidendes Verständnis von "Glück" hätten.

Liang zeigte sich mit von Uexküll dahingehend einverstanden, dass das Wirtschaftswachstum dem Volk nicht unbedingt ein Glücksgefühl bringe. Eine von ihm vorgestellte Rangliste der "Glückswerte" verschiedener Länder zeigte, dass die glücklichste Menschen der Welt auf Costa Rica leben. Deutschland befand sich auf Platz 46, China auf Platz 60 seiner Rangliste. Überraschend war, dass die USA, die weltweit größte Volkswirtschaft der Gegenwart, nur auf dem 105. Platz der Liste stand.

Liangs Meinung nach bezahle die Kosten des BIP-Wachstums nicht der einzelne Bürger, sondern die gesamte Gesellschaft habe daran zu leiden. Jedoch könne ein Individuum alleine nicht viel zum Umweltschutz beitragen: "Die Chinesen haben den Ernst der Umweltverschmutzung noch nicht erkannt", behauptete Liang. Einer Umfrage aus dem Jahr 2008 zufolge hielten 70 bis 80 Prozent der Befragten die Umweltverschmutzung für "nicht schlimm". In den vergangen zwei Jahren sei dann von immer mehr Fällen der Luft- und Wasserverschmutzung berichtet worden, was zu einer langsamen Änderung beim Umweltbewusstsein der Öffentlichkeit geführt habe.

Liang schlug vor, dass die Wissenschaft die "glücksindexbezüglichen" Faktoren intensiv erforschen solle. Darüber hinaus müsse die Regierung die gesellschaftlichen Kosten des BIP-Zuwachses analysieren, um den Verbrauch der Ressourcen zu koordinieren. Der einzelne Bürger müsse sich stärker für die Gesellschaft verantwortlich fühlen. Außerdem betonte der Wissenschaftler, dass die internationale Zusammenarbeit eine wichtigere Rolle bei der Lösung wichtiger Fragen, beispielsweise des Klimawandels, spielen müsse.

Moderator Michael Kahn-Ackermann sagte zum Schluss der Runde: "Unsere Salons zielen darauf ab, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen und das öffentliche Bewusstsein zu verstärken. Wenn wir dies schaffen, sind wir erfolgreich."

Die Veranstaltungsreihe "Mercator Salon" der Stiftung Mercator in Beijing bietet eine interkulturelle und interdisziplinäre Diskussionsplattform für den Austausch zwischen Chinesen und Europäern. Dabei werden aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Fragen Chinas und Europas im direkten Dialog zwischen Experten und der interessierten Öffentlichkeit erörtert. Als Fortsetzung der Veranstaltung "Aufklärung im Dialog", die als wissenschaftliches Begleitprogramm zur Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" im Jahr 2011 und 2012 stattgefunden hat, sind bisher vier Salons organisiert worden.

Quelle: german.china.org.cn

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