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| 01. 03. 2010 | Druckversion | Artikel versenden| Kontakt |
von Huang Hung (China Daily)
Die Leute werfen mir vor, dass ich elitär sei. Der Grund dafür ist, dass ich mir nie Chunwan ansehe. Das ist der Name der Gala-Sendung des chinesischen Staatsfernsehens, die seit beinahe 30 Jahren zu jedem Frühlingsfest ausgestrahlt wird. Sie hat ausgesprochen hohe Zuschauerzahlen: Rund 70 Prozent der chinesischen Familien schauen sich die Sendung an.

Chunwan ist eine moderne chinesische Tradition – oder je nach Gesichtspunkt auch eine Sucht. Niemand schaut sich die ganze Sendung durchgehend an. Die Leute stellen um 19 Uhr die Flimmerkiste ein und machen dann etwas anderes. Sie kochen, plaudern, spucken Sonnenblumenkerne. Der Fernseher liefert jedoch die notwendigen Hintergrundgeräusche für eine "richtige" Neujahrsfeier im familiären Kreis.
Für den Fall, dass Sie Chunwan nicht kennen: Wenn man sich die Hintern und Brüste wegdenkt, gleicht die Show einer italienischen Fernsehsendung. Nur ist sie einflussreicher. Da es sich bei Chunwan um die Sendung mit den meisten Zuschauern weltweit handelt, verfügt sie über die Fähigkeit, einen unbekannten Entertainer in wenigen Minuten in einen Megastar zu verwandeln.
Der Grund, wieso ich die Sendung nicht schaue? Sie ist langweilig! Seit bald 30 Jahren hat sie ihr Format nie geändert, nicht einmal die Stars, die in der Show auftreten unterscheiden sich groß von Jahr zu Jahr. Immer loben gleich Dutzende von Folk-Sängerinnen, die wie eine chinesische Version von Barbie aussehen, das Mutterland sprichwörtlich in den höchsten Tönen. Begleitet werden sie dabei von Tanzgruppen, die Regenschirme und falsche Blumen durch die Luft wirbeln.
Humor auf Gymnasiastenniveau
Dann, kurz vor Mitternacht, kommt das, worauf alle gewartet haben: Der Chinesische Komiker des Jahrhunderts, Zhao Benshan, tritt auf. Er ist ein Stand-up-Komiker aus dem Nordosten, der vor 20 Jahren das erste Mal in der Show war. Inzwischen jettet er in seinem privaten Gulfstream 7 durch die Welt – was genau der Grund ist, wieso so viele Komiker in die Sendung wollen. Jedes Jahr bietet er einen kleinen Sketch, welcher denen ähnelt, die Gymnasiasten bei Schulaufführungen zeigen. Nichtsdestotrotz hatte er über die Jahre zweifellos ein paar Lacher auf seiner Seite. Und hätte er sich nicht entschlossen, im vergangenen Jahr die kanadische Nationalität anzunehmen, wäre er bestimmt zu einem nationalen Kulturgut erklärt worden.
Arroganz und Ideenklau
Während vieler Jahr wurde Chunwan als unfehlbar betrachtet. Ihre Stars wurden in der Unterhaltungsindustrie wie Könige behandelt. Doch dieses Jahr war alles ein bisschen anders. Es fing damit an, dass der Shanghaier Komiker Zhou Libo nicht auftreten wollte. Angeblich schickten die Produzenten daraufhin ein sechsköpfiges Team in die Stadt, um ihn doch noch umzustimmen. Er blieb bei seiner Haltung und erklärte später in einem Interview, dass er "Kunst" mache und nicht bloß "Unterhaltung". Für die Macher der Sendung, die sich jahrelang für unangreifbar gehalten haben, war dies eine klare Ohrfeige.
Gerade zehn Tage, bevor die Sendung ausgestrahlt werden sollte, gab es einen Skandal wegen einer Urheberrechtsverletzung. Ma Weidu, eine führende Persönlichkeit bei chinesischen Antiquitäten, entschloss sich Chunwan zu verklagen, weil diese eine seiner Kurzgeschichten in einen Sketch eingebaut hatten, ohne ihn dafür zu entschädigen. Zuerst wollte er ein Auge zudrücken. Doch dann kam eine junge Redakteurin der Sendung mit der Aufforderung zu ihm, einen Brief zu unterschreiben, indem er auf sein Urheberrecht verzichtet. Die Frau benahm sich allerdings derart unverschämt, dass Ma den Brief nicht unterschrieb. Vielmehr entschloss er sich, den überheblichen Produzenten eine Lektion zu erteilen. Die Redakteurin besuchte ihn deswegen ein zweites Mal. Sie kam natürlich zu spät zum Treffen und begann ihre Entschuldigung mit dem Satz: "Wenn ich gewusst hätte, dass Sie so berühmt sind, hätte ich Sie anders behandelt." Die Geschichte verbreitete sich weitläufig im Internet.
Kommerzialisierung, die verärgert
Dies war jedoch noch nicht das Ende der Schwierigkeiten. Nachdem Chunwan ausgestrahlt worden war, wurde die Show vorwiegend mit Enttäuschung aufgenommen. Hauptgrund war die extreme Kommerzialisierung. Die zahlreichen Product Placements haben die gewöhnlichen Leute geärgert. Und diese stellen den wichtigsten Teil der Zuschauer. Und um noch Salz in die Wunde zu streuen: Der Shanghaier Komiker Zhou sagte zu einem sechsteiligen Fernsehprogramm beim Shanghai TV zu, welches Chunwan bei den Zuschauerzahlen gar übertraf.
Dies alles zeigt, dass sich der Geschmack gewandelt hat. Wir sind alle ein bisschen mehr Mittelklasse geworden. Wir wollen kein römisches Spektakel mehr sehen. Stattdessen wollen wir ein Programm vom Volk für das Volk. Dies ist es, was die gewöhnlichen Leute wollen. Und dies noch am Ende zu meiner eigenen Verteidigung: Ich gehöre keiner Elite an. Ich bin einfach ein Teil der Mittelklasse.
Quelle: China Daily
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