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| 08. 09. 2010 | Druckversion | Artikel versenden| Kontakt |
Stellen Sie sich ein junges Paar vor, das zusammen in ein Restaurant zum Abendessen geht. Als sie die Tür zum Restaurant erreichen, will ein anderes Paar gerade hinaus. Der Mann von draußen quetscht sich an dem Paar vorbei, das gerade hinausgehen will, respektlos und ohne sich zu entschuldigen, um dann die sich schließende Schwingtür seiner Liebsten ins Gesicht knallen zu lassen, während er sich eine Zigarette anzündet und nach einem freien Tisch sucht.

Die Kellnerin erscheint. Sie fragt, wie viele Gäste kommen. Er sagt "Zwei" und scannt den Raum, ohne ihr einmal in die Augen zu sehen. Die Kellnerin führt ihn zu einem Tisch, den er nimmt. Er setzt sich zuerst hin, bietet seiner Freundin keinen Stuhl an, und vergisst selbst ein oberflächliches Dankeschön an die Kellnerin.
Ich habe mit eigenen Augen viele Variationen dieses Szenario hunderte Male hier in China gesehen. Ich sehe es immer öfter bei denen, die ich die "jüngere" Generation nenne, was locker jede Person meint, die jünger ist als ich – oder in der Regel zu jung, um eigene Kinder haben.
Aber eigentlich kommt es bei allen Altersgruppen vor und das bedrückt mich.
Ich kann nicht unbedingt sagen, dass ich in meinem Umgang mit anderen höflich erzogen wurde. Denn ich kann nicht kaum an mehr als ein paar Beispiele aus meiner Kindheit erinnern, wo ich in irgendeiner Weise auf die Feinheiten der guten Manieren und Etikette hingewiesen wurde.
Aber ich weiß, dass ich instinktiv und automatisch "Bitte" und "Danke" und "Entschuldigung" in nahezu allen gesellschaftlichen Situation sage, in der ich mit anderen interagiere. Egal, ob ich die betreffende Person nun kenne oder nicht.
Gesten wie diese sollen im Mittelpunkt dessen sein, was wir "Zivilisation“ nennen." Ich erinnere mich, dass es einmal eine Kolumne in den USA gab, die "Miss Manners" hieß, wo jede Woche ein Leser ein bestimmtes soziales Dilemma ansprach und Miss Manners dabei half, es in Ordnung zu bringen: Wie viele Geschenke bringt man für einen Kindergeburtstag? Was ist die höfliche Art, um ein Date mit einem Kollegen abzulehnen? Wenn sich ein Paar ist laut an einem öffentlichen Ort streitet, sollte man sich einmischen?
Einige der Feinheiten waren lustig und beinhalteten einen aufwendigen, fast legalistischen Rückgriff auf eine lange Liste von Protokollen, die sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt haben, aber die größere Anzahl war eigentlich recht ernst und sogar süß auf eine altmodische Weise.
Wie wir die anderen behandeln, ist wichtig, auch wenn sie Fremde sind und wir ihnen nie wieder begegnen werden. Wir müssen uns immer bemühen, höflich zu sein, respektvoll und sensibel in all den komplexen Situationen, denen wir im Leben ausgesetzt sind. Und wir sollten erwarten, dass wir in einer zivilisierten Welt auf die gleiche Weise behandelt werden.
Ich sehe nicht genug davon in meiner Welt. Die Menschen drängen und schieben sich vor mir in der Schlange, und tun so als exisitiere ich nicht. Ich wurde hier hundertmal geschubst, getreten und gestoßen, aber niemals mit einer Entschuldigung. In meiner Heimat wäre dies oft genug ein Anlass für Handgreiflichkeiten gewesen.
Die Leute hier sagen selten "Entschuldigung" oder "Mein Fehler", und ich frage mich, ob dies vielleicht mit dem flüchtigen Begriff des "Gesichtwahrens" in Verbindung stehen könnte, und sich zu entschuldigen als ein Eingeständnis irgendeiner Art von Minderwertigkeit gesehen werden könnte, obwohl natürlich genau das Gegenteil der Fall ist.
Gute Manieren helfen, das Leben glatter laufen zu lassen. Sie helfen den Menschen, miteinander auszukommen, Spannungen abzubauen, und es verlangt so wenig Aufwand. Ich bemerke, dass ich hier immer aggressiver und konfrontativer werde und leichter meine Geduld verliere.
Wenn ich in der Schlange stehe und darauf warte, an der Waage meine Sachen in der Gemüseabteilung gewogen zu bekommen, drängelt sich immer jemand vor und knallt seine Karotten auf das Tablett, als ob sie mich nicht sehen und nicht wissen, dass ich zuerst da war. Nun ja, ich muss sagen, dass die Karotten einige Male das Fliegen lernten. Eigentlich möchte ich das gar nicht tun müssen, aber manchmal sagt Miss Manners ‚Genug ist genug!’
Als ich in Asien vor 12 Jahren ankam, fuhr ich mit der MTR in Hong Kong. Die Menschenmassen bahnten sich ihren Weg auf der Rolltreppe, aber jeder für sich. Ich hielt sie für einen Moment auf und ließ eine alte Frau vor mir auf der Rolltreppe fahren, weil es sonst niemand getan hätte.
Als wir langsam nach unten fuhren, drehte sich um, schaute zu mir und beugte ihren Kopf lange und langsam mit einer Geste des Dankes, wobei sie wohltätig lächelte.
Sie war wie ein kleiner Buddha, der ein großes Geheimnis mitzuteilen hatte, aber es gibt zu viele Tage, wenn ich mich nicht an die Reinheit dieses Lächeln erinnern kann.
Der Autor ist ein in Guangdong lebender freier Schriftsteller, Redakteur und Marketingberater aus den USA. christopherw314@gmail.com
Quelle: Global Times
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