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Folklore in Shandong

In der letzen Ausgabe unseres Reisemagazins waren wir mit Ihnen in Weihai zu Gast bei einem jungen, aber dennoch erfahrenen Profi-Drachen-Sportler. Er ist stolz auf seine Heimatstadt Weihai. Denn für ihn bedeutet der Begriff Heimat ein anschauliches Bild: In der Morgen- und der Abenddämmerung halten jüngere und ältere Leute die lange Leine eines Drachens in der Hand. Und weit oben am Himmel schweben unzählige Papierdrachen. Und genau dieses Bild hat der 33-jährige Liu Weidong vor Augen, wenn er an seine Heimat denkt.

Aber auch für Wissenschaftler und Forscher ist der Drachenbau eher ein wertvoller folkloristischer Schatz der Provinz Shandong. Dabei gehören zur Folklore dieser ostchinesischen Küstenstadt nicht nur Drachen und Jahresbilder in Weifang. Die lange Geschichte und die diversen geographischen Gegebenheiten haben der Provinz Schandong eine Vielfalt an Folklore beschert. Und so ist diese vielfältige Folklore neben den vielen Kulturdenkmälern und der atemberaubenden Landschaft ein weiterer touristischer Magnet der Provinz.

In den folgenden Minuten begleiten wir Sie nun auf einer akustischen Erkundungstour durch Schandong. Diesmal schauen wir uns das bunte Kaleidoskop der Folklore etwas genauer an. Los geht´s also...

Wenn Chinesen, die nicht aus dieser Provinz stammen, den Namen Shandong hören, denken sie sehr wahrscheinlich sofort an farbenprächtige Stickereien, an die abstrakten und eindrucksvollen roten Scherenschnitte und die lauten und rhythmischen Yangko-Tänze aus dem Osten der Provinz.

Aber kaum jemand kennt die Rituale der Fischer, bevor sie hinaus fahren aufs Meer zum Fang. Doch gehören auch diese Rituale zur wertvollen und seltenen Folklore im Küstengebiet. Denn diese Rituale mit primitiv religiöser Prägung sind uralt - einige Jahrtausende. Die Ureinwohner der östlichen Küstengebiete lebten Generation für Generation vom Fischfang. Im Kampf ums Überleben mit dem launischen Meer glaubten sie an einer übermenschlichen Kraft, die die Fischer segnen konnte. Nach und nach entstand so dieses Ritual. Im Kern geht es um Gebete, dass das Meer den Fischern hold sein möge und sie mit prallen Netzen heimkehren.

Und dieses Ritual hat die Generationen fast unverändert überdauert. Der Tourismus- und Folklore-Forscher Professor Wang Degang von der Shandong Universität spricht von einer „See-Kultur“:

„Die Provinz Shandong hat eine 3000 Kilometer lange Küste und 299 Inseln. Die Inseln, die Meereslandschaft und die Strände plus Geschichte und Kulur sind das Wichtigste der See-Kultur in Shandong. Daher sprechen wir oft von den Goldenen Küsten der Provinz. Die Meereslandschaft und deren Kultur sowie die Folklore der Bewohner am Meer zählen zu dem wertvollen Schatz der touristischen Ressourcen in unserer Provinz.“

Und natürlich wissen die touristischen Behörden und die Reiseagenturen den Wert der Folklore als touristische Ressource zu schätzen.

Seit Jahren gibt es vielfältige Reiseangebote, um die Touristen mit Folklore und Festivals vertraut zu machen. Wie das Drachen-Fest in Weifang, das Berg-Steiger-Fest in Taian oder die Gedenkfeiern für den großen Denker Konfuzius in Qufu. Und in Zibo gibt es eine Laternenshow zum traditionellen chinesischen Laternenfest, und die dynamische junge Stadt Qingdao wartet mit einem Bierfest auf, in Yantai gibt es ein Weinfest, und ein Fischerei-Fest steht in Rongcheng auf dem Programm – die Liste ließe sich fortsetzen.

Jedes Jahr von 26. Sept. bis 10. Okt. findet in Qufu, der Heimat des großen chinesischen Philosophen Konfuzius, eine Gedenkfeier statt, und zwar seit 1984. Jedes Jahr kommen zu dieser Feier rund 5000 in- und ausländische Touristen nach Qufu.

Auf dem Programm der Gedenkfeier für Konfuzius stehen traditionelle Tanzaufführungen in ihrer unveränderten klassischen Überlieferung, die Opferzeremonie. Wer will, kann mit einer klassischen Kutsche gemächlich durch die Stadt Qufu fahren. Und Reisende können während der Feiertage Hochzeiten nach dem Brauch der Familie Kong miterleben. Natürlich werden auch die Gourmets während der Gedenkfeier in Qufu nicht enttäuscht. Denn die Nachfahren des Denkers haben den Lehrsatz des Konfuzius „für die Menschen sei das Essen der Himmel“ absolut verstanden. Dank ihrer fürstlichen Privilegien haben sie sich der feinen Esskultur verschrieben. Bis heute stehen auf der Speisekarte der Familie Kong viele interessante und verführerische Gerichte und Snacks.

Wenn Sie also zu den Feiertagen Ende Sept nach Qufu kommen, werden Sie sicher auch kulinarisch verwöhnt Wir wünschen Ihnen schon mal guten Appetit.

Der Leiter des Tourismusamts der Stadt Qufu, Kong Xiangjin, ist –wie sein Name bereits andeutet – selbst einer der Nachfahren des großen Meisters. Herr Kong erklärt uns die Feiertage in seiner Heimat.

„Die Kultur des Konfuzius ist für uns eine Bühne, und diese ist ein großes Magnet für Touristen. Durch die Veranstaltung der Feiertage versuchen wir, ein immer umfassendes Bild von unserer Stadt zu präsentieren. Während der Feiertage haben wir für die Touristen sehr bunte Programme vorbereitet. Ich bin sicher, dass sie unseren Gästen gefallen werden.“

So, und weiter geht’s mit unserem Reisemagazin „Unterwegs in China“, und wir sind weiter unterwegs in der Provinz Schandong, um uns das bunte Kaleidoskop der Sitten und Bräuche in der Provinz anzuschauen und interessanten Menschen zu begegnen. Und wenn es um die facettenreiche volkstümliche Kunst geht, dann sind die lokale Oper in Shandong und der Balladenvortrag unbedingt erwähnenswert.

Dabei hat die lokale Oper in Schandong natürlich Gemeinsamkeiten mit den anderen in China populären Opern. Von den Kostümen bis hin zu den Begleitinstrumenten gibt es unter den chinesischen Opern keine allzu großen Unterschiede. Variationen gibt es erst bei der Singweise. Denn sie ist von unterschiedlichen Dialekten geprägt, und damit unterscheiden sich die Singweisen der verschiedenen chinesischen Opern recht deutlich voneinander. Zweifelsohne ist die Singweise der lokalen Oper in Shandong vor allem durch den Akzent der Einheimischen charakterisiert. Diese Art Oper ist in Shandong, von der Hügellandschaft im Westen bis in die Küstengebiete im Osten populär. Für Chinesen ist außerdem neben der lokalen Oper der Balladenvortrag ein Symbol der Volkskunst in Shandong. Für deutsche Ohren klingt dieser Begriff sicher fremd – aber da wir nun schon unterwegs in Shandong sind, sollten wir die Gelegenheit nicht verpassen, diese Folklore kennenzulernen.

Sie hörten eben einen kleinen Abschnitt aus einem Shandong-Balladenvortrag. Da es hier um sprachliche Feinheiten und Nuancen geht, sind uns natürlich Grenzen gesetzt, Ihnen den Inhalt dieses humorvollen Vortrages adäquat zu vermitteln. Doch einen Überblick über dieses typische lokale Folklore kann ich Ihnen geben - denn uns steht hier ein erfahrener Balladenvortrags-Künstler aus Shandong zur Seite: Guo Qiulin.

Der 42-jährige Künstler aus Schandong gehört zur Chinesischen Balladentruppe für den Rundfunk, und er erklärt uns, was es mit der volkstümlichen Kunst des Shandong-Balladenvortrages auf sich hat:

„Der Shandong-Balladenvortrag hat eine Geschichte von über 100 Jahren. Er gehört zu einer der wichtigsten lokalen Volkskünste in Shandong, hat aber auch landesweit großen Einfluss.“

Wie uns Guo Qiulin erklärt, ist diese Kunst nicht nur in der ostchinesischen Provinz Shandong bekannt und populär, sondern hat auch einen großen Einfluss in einem größeren geographischen Umfeld, nämlich in ganz Nordchina.

In vielen dieser Balladenvorträge geht es um die legendäre Figur Wu Song. Wu Song, der Held vieler Balladenvorträge, stammt aus Schandong, und in seiner Heimat ist seit Jahrhunderten von seinen heldenhaften Legenden die Rede. Dabei fungiert er als Vorbild für die Kinder, kleine Jungen träumen davon, eines Tages so stramm und stark und vor allem unerschrocken und anständig wie Wu Song zu werden. Für die Erwachsenen ist dann Wu Song eher ein Symbol für Mut, Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit.

Guo Qiulin sagt uns:

„Am häufigsten tragen wir die Geschichte von Wu Song vor. Auch im Ausland ist der Held populär. Auf meiner Tournee durch Europa, Amerika und Japan wollten dort lebende Chinesen immer wieder von der Geschichte des Helden hören.“

Mit der Entwicklung sind neben Erzählungen von Wu Song auch Balladenvorträge über zeitgenössische und alltägliche Themen entstanden. Diese sind ebenso durch Humor und Rhythmus charakterisiert, aber dabei kurz und bündig – jeder Vortrag dauert 3 bis 4 Minuten.

Aber was macht nun den Reiz dieser Folklore aus? Die Antwort weiß Guo Qiulin:

„Jede Geschichte wird in Versform vorgetragen. Dadurch gerät der Vortrag stark rhythmisch, und der Inhalt ist immer humorvoll. Es gibt also viel zu lachen für die Zuhörer. Aber die Ausdruckskraft eines gelungenen Vortrages ist nicht nur auf die Witze allein angewiesen. Ein ausgezeichneter Künstler weiß genau, alle ihm vorhandenen künstlerischen Mittel zu benutzen, um die Geschichte lebendig vorzutragen.“

Lebendig kann ein Vortrag nur sein, wenn der Verfasser des Balladenvortrages die Handlung der Geschichte schlau in Verse verpackt. Aber ein gut verfasster Vortrag ist nicht alles. Für den Erfolg des Vortrages ist das Talent des Schauspielers entscheidend, wie Guo Qiulin erklärt:

„Da in der Geschichte mehrere Figuren erscheinen, muss der Erzähler in seinem Vortrag alle dieser Figuren anschaulich imitieren. Sein Talent ist dabei sehr wichtig.“

Aber auch die Begabung ist nur eine Seite eines ausgezeineten Schauspielers. Viel Übung darf auf Weg zu künstlerischer Meisterschaft nicht fehlen. Herr Guo sagt uns, ein Balladenerzähler muss voher viel Zungenspiel, Körpersprache und viel viel mehr üben, bevor er weiß, wie er auf der Bühne richtig steht, die Geschichte lebendig darstellt und die Zuschauer fest in seinen Bann zieht.

Guo Qiulin selbst war 12, als er begann, diese Volkskunst zu lernen. Inzwischen hat er 30 Jahre einer künstlerischen Karriere hinter sich. Er sagt:

„Ein Künstler ist vielseitig gefordert. Er muss es verstehen, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel zur Geltung zu bringen, dabei ist seine Koordinationsfähigkeit und darstellende Kraft wichtig. Er muss quasi ein Multitalent sein. Auf der Bühne muss ein guter Künstler sein Multitalent voll entfalten. Nur so können die Zuschauer beeindruckt werden.“

Und dabei spielt dann eine Bronzeklapper eine Rolle. Jeder Balladenvortrag wird vom Scheppern dieser Bronzeklapper begleitet, und Herr Guo weiß, wovon er redet:

„Ein Balladenvortrag ist durch den starken Rhythmus charakterisiert. Er wird während der Aufführung durch die Klappern begleitet. Der Takt der Klappern hilft dabei, die Stimmung darzustellen. Beim Klappern gibt es mehrere Variationen: Der Takt wird zum Beispiel hektisch, wenn die Handlung der Geschichte spannend wird. Für viele Menschen sind die Klappern das Symbol des Balladenvortrages aus Shandong“

Wie uns Guo Qiulin weiter erzählt, sind sowohl eine spannende Geschichte als auch das Klappern unentbehrliche Elemente eines gelungenen Balladenvortrages. Klappern gehört zu Handwerk, könnte man hier sagen.

Und Herr Guo verriet uns noch ein Geheimnis: Die besten Klappern werden nämlich aus Bronze gemacht, und nicht etwa aus Eisen oder Stahl. Denn Stahl-Klappern würden einfach zu grell klingen und nicht den satten Ton einer Bronzeklapper ergeben.

Vielen Dank also an den Balladenerzähler Guo Quilin für die ausführlichen Erklärungen.

Und damit setzen wir unsere Folklore-Reise fort, unsere nächste Station ist Qingdao. Die junge Stadt hat zwar keine glänzende lange Geschichte vorzuweisen. Doch die Dynamik ist der wichtigste Schatz der jungen Küstenstadt. Wie leben die Bewohner heute? Eine interessante Frage für alle, die zum ersten Mal in diese anmutige Stadt kommen. Erwähnenswert ist das Bierfestival, das es seit 1991 gibt.

Das Bierfestival in Qingdao findet jedes Jahr statt, und es dauert zwei Wochen. Den Auftakt bildet immer eine festliche Gala am 8. Juli. In dieser Nacht schläft fast niemand in Qingdao: Ein buntes Feuerwerk erstrahlt am Himmel, Blumenkorsos ziehen durch die Straßen der Küstenstadt, begleitet durch volkstümliche und moderne Musik.

Natürlich spielt das Qingdao-Bier die Hauptrolle bei dem Festival. Gäste und Gastgeber begießen zusammen die feierliche Zeit. Vergleichen kann man das Ganze vielleicht mit dem Münchner Oktoberfest. Im Rahmen des Bierfestes finden in Qingdao noch viele andere Veranstaltungen statt. Die Stadt zeigt alle ihre vielseitigen Reize.

Die Folklore ist seit Jahren ein sehr wichtiger Bestandteil der Tourismusbranche geworden. In diesem April zum Beispiel arbeiteten 19 Reisestädte in der Provinz zusammen, um den Reisenden ein kompaktes Reiseangebot anzubieten. Der stellvertretende Leiter des Tourismusamts der Provinz Shandong, Yu Fenggui erzählt uns:

„In diesem April haben 19 Städte unserer Provinz ein kompaktes Reiseangebot zum Folklore-Tourismus angeboten. Dazu gehörten das Drachen-Steigen-Fest, ein Berg-Steiger-Fest, die Garten-Expo und viele andere. Es war viel los, sehr interessant und erfolgreich.“

Wie spannend eine kompakte Reise zur Erkundung der Folklore in Schandong sein kann. Und dazu gibt es jetzt hier gleich noch unsere Quiz-Frage: Nennen Sie bitte zwei oder drei Folklore-Feste in Schandong.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Antworten und drücken Ihnen natürlich die Daumen.