Kommentar

Deutsch-chinesische Beziehungen 2016: Hohe Chancen bei fairem Spiel Exklusiv

21.12.2016

Von Elke Lütke-Entrup, Beijing

Die deutsch-chinesischen Beziehungen im Jahr 2016 waren geprägt von einer engen und freundschaftlichen Zusammenarbeit auf politischer, wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Ebene. Doch wer den aktuellen öffentlichen Diskurs betrachtet, erhält den Eindruck, als seien die wirtschaftlichen Beziehungen der jüngsten Zeit der Auftakt zu einem Wirtschaftskrieg. Es ist höchste Zeit, der Vernunft wieder mehr Gehör zu verschaffen.

Eines der deutsch-chinesischen Hauptthemen dieses Jahres waren wieder einmal die möglichen Übernahmen deutscher Unternehmen durch chinesische Investoren. Es waren in Deutschland Stimmen zu hören, die vor einer Übernahmewelle aus China und dem Verlust heimischer Schlüsseltechnologien warnten. „China greift Deutschland an“ und „Angst vor dem Ausverkauf“ titelte eine führende deutsche Tageszeitung nach dem Chinabesuch von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und seinem Treffen mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang im November.

Tatsächlich war das Jahr 2016 geprägt von ersten milliardenschweren Übernahmen deutscher Unternehmen durch chinesische Investoren, wie das Beispiel des Roboterherstellers Kuka zeigt. Die Investoren kauften zuletzt vor allem deutsche Mittelständler und Technologieunternehmen. Deutsche Firmen gehören in den Bereichen Maschinenbau, Automatisierung und digitale Fertigung weltweit zu den führenden. Das Interesse chinesischer Investoren an deutschen Firmen überrascht daher nicht. China wiederum wird berechtigterweise als die Fabrik der Welt bezeichnet, denn ein Viertel aller weltweiten Fertigungsaktivitäten findet in China statt. Während die deutschen Investitionen in China im vergangenen Jahr stabil blieben, haben chinesische Investitionen in Deutschland – und dazu gehören auch Übernahmen – im ersten Halbjahr 2016 im Vergleich zum Jahr 2015 um das 20-Fache zugenommen.

Erhebliche Investitionen in Forschung und Entwicklung auf beiden Seiten

Ingenieurskunst und damit verbundene Technologien und Innovationen sind ein Markenzeichen Deutschlands, auf welche das Land mit Recht stolz ist. Deutsche Unternehmen haben im vergangenen Jahr so viel für Forschung und Entwicklung ausgegeben wie nie zuvor. Einer Erhebung des deutschen Stifterverbands zufolge sind es insgesamt rund 62,4 Milliarden Euro – im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von rund 9,5 Prozent.

Längst vorbei sind allerdings die Zeiten, in denen der technologische Austausch vor allem eine Einbahnstraße von Deutschland nach China war. Auch die chinesischen Investitionen in Forschung und Entwicklung sind in den vergangenen Jahrzehnten so beträchtlich gewachsen, dass China zumindest aus dieser Perspektive kaum noch als Schwellenland gelten kann. Bei vielen digitalen Technologien – man denke zum Beispiel an WeChat – ist China nicht nur Europa weit voraus, sondern lehrt mittlerweile auch die USA das Fürchten. Daraus ergeben sich gewaltige Kooperationspotenziale, nicht zuletzt bei der Umsetzung von „Industrie 4.0“, der deutschen Initiative für die Digitalisierung der Produktion.

Raus aus der Opferrolle, rein in die Partnerschaft auf Augenhöhe

Natürlich hat jede Regierung die Pflicht, Übernahmen von Unternehmen sorgfältig zu prüfen. Gefährdet die Akquisition Arbeitsplätze? Entstehen Marktmonopole, die für den Wettbewerb und damit für die Kunden nachteilig sind? Hat der Investor ein tragfähiges Zukunftskonzept für die akquirierte Firma? Welche Rolle spielt die Verlagerung von Wertschöpfung darin? Dies alles sind legitime Fragen, die beantwortet werden müssen – unabhängig davon, ob der Investor aus Deutschland, China oder Saudi-Arabien kommt.

Eine defensive Haltung ist jedoch unangebracht. Deutschland und China sind beide große Länder der verarbeitenden Industrie, und als Handelsgroßmächte stark vom Export abhängig. Deshalb waren beide Länder schon immer auf technologische Kooperation angewiesen, und werden dies im Rahmen von „Made in China 2025“ beziehungsweise „Industrie 4.0“ noch in viel stärkerem Maße als je zuvor sein.

1   2     


Diesen Artikel DruckenMerkenSendenFeedback

Quelle: german.china.org.cn

Schlagworte: Die deutsch-chinesischen Beziehungen ,Übernahmen,China,Deutschland,Investitionen