Tschernobyl als neueste Touristenattraktion

Für eine wachsende Zahl von Menschen, die den Nervenkitzel suchen, dient beim Besuch der atomar verseuchten Landschaft um Tschernobyl der Geigerzähler als Kompass. Das unbewohnte Sperrgebiet im Umkreis von dreißig Kilometern rund um den ehemaligen Atommeiler hat in den letzten Jahen einen wahren Touristenansturm erlebt. Nahezu 50.000 Menschen haben letztes Jahr den Ort des bislang größten AKW-Unfalls besucht, eine Steigerung um 35 Prozent gegenüber dem Jahre 2016. Ungefähr siebzig Prozent der Besucher stammen aus dem Ausland. Die Katastrophe, die radioaktiven Fallout über weite Regionen Europas regnen ließ, hatte sich mit der Explosion des vierten Reaktors am 26. April 1986 ereignet.
Ein Kiosk am Haupteingang zur Sperrzone verkauft T-Shirts und Kühlschrankmagneten mit dem schwarz-gelben Symbol, das vor radioaktiver Strahlung warnt, aber auch Gasmasken aus der Zeit der Sowjetunion.
Es gibt sogar Übernachtungsmöglichkeiten in einem einfachen Hotel oder in einer von zwei Herbergen, die sich in der Nähe des ehemaligen Kraftwerks befinden.
Viktor Kharschenko, dessen Reiseunternehmen Go2chernobyl.com seit 2012 Reisen an den Ort der Katastrophe organisiert, sagt, dass nach dem 30. Jahrestag des Unglücks 2016 und dem Bau einer riesigen Stahlkuppel über dem beschädigten Reaktor, welche die Strahlenbelastung erheblich reduzierte, die Touristenzahlen ständig anstiegen.
Diese Entwicklungen fanden in internationalen Medien weite Verbreitung, was dazu beigetragen haben dürfte, die Befürchtungen der Leute zu verringern, die bislang vor einem Besuch Tschernobyls zurückgeschreckt waren, meint Kharschenko. Die Risiken für Touristen seien minimal.
"Die Strahlenmenge, die man bei einem Tagesaufenthalt in Tschernobyl abbekommt, entspricht ungefähr derjenigen, der man bei einem zweistündigen Transatlantikflug ausgesetzt ist," sagt der Tourenorganisator.
Aber einer in der Reisegruppe, der 28-jährige Joel Alvaretto, Student aus Argentinien, bekennt, dass er die Strahlung “schon etwas fürchtet”, da er gehört habe, dass man die "Auswirkungen erst später, erst sehr viel später bemerkt".

Bei der Abreise aus Tschernobyl muss sich jeder einer Strahlenmessung unterziehen. Sie stehen Schlange vor einem großen Messgerät und alle erfahren das Ergebnis, dass sie "unkontamniert" sind.
Einige ukrainische Touristikunternehmen bieten Touren nach Tschernobyl an, von einem Tag bis zu sieben Tagen. Das Preisspektrum reicht von 30 US-Dollar bis zu 790 US-Dollar.
Die Aktivitäten, die auf diesen Touren geboten werden, reichen von der Besichtigung des neuen Stahlmantels des havarierten Reaktors über die Fütterung riesiger Fische in den Kühlbecken, die mit radioaktiv verseuchtem Wasser gefüllt sind, bis zur Fahrt durch den "Roten Wald", wo Kiefernadeln ihre Farbe von Grün auf Rot wechselten – Folge der Aufnahme riesiger Strahlungsmengen zum Zeitpunkt der Explosion des Reaktors.
Die Bäume wurden gefällt und während der Aufräumarbeiten vergraben, aber selbst heute, wenn der Bus ohne anzuhalten durch das Gebiet fährt, beginnen die Geigerzähler an wie wild zu ticken und zeigen so eine hohe radioaktive Strahlung an.

Den Höhepunkt des Ausflugs bildet der Besuch von Pripyat, der Geisterstadt, die für die Mitarbeiter des Kraftwerks einige Kilometer von den Reaktoren entfernt gebaut worden war. Die nahezu 50.000 Bewohner der Siedlung wurden am Tag der Katastrophe evakuiert und sind nie mehr zurückgekehrt.
Häuserblocks und Schulgebäude, wo Spielsachen, Bücher und beschriebene Schulhefte immer noch herumliegen und ein Riesenrad, das sich noch immer über einem Vergnügungspark am Hauptplatz des Ortes erhebt.
Adam Ridemar, ein Student aus Schweden, der mit seinem Vater angereist ist, um diesen "ikonischen Ort" zu besuchen, sagt, dass es "sehr cool ist, all das zu sehen, zu sehen wie eine ganze Stadt nurmehr noch ein Relikt dessen ist, was sie früher einmal gewesen war". Er zeigte sich erstaunt über die üppige Vegetation, denn er hätte eigentlich einen “Beton-Dschungel” erwartet.
Die Natur holt sich das aufgegebene Land zurück: löchrige Straßen werden nach und nach von Unkraut überwuchert und Apartmentblocks verschwinden hinter grünen Blätterwänden. Dieser Anblick hat für viele Besucher etwas Faszinierendes.












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