Metropolregion Jing-Jin-Ji: Chancen und Herausforderungen für deutsche Unternehmen Exklusiv

11.05.2018

Von Elke Lütke-Entrup, Beijing

 

Das im Jahr 2015 von Staats- und Parteichef Xi Jinping angekündigte Projekt „Jing-Jin-Ji“ – von Beijing, Tianjin und dem Kurznamen der Provinz Hebei (Ji) – soll zu einer Neugliederung der wirtschaftlichen und administrativen Zuständigkeitsbereiche im Großraum Beijing führen. Tianjin soll sich auf Produktion und Handel, Hebei auf Landwirtschaft und Wohnraum und Beijing auf Forschung und Kultur konzentrieren. Durch ein weit verzweigtes Netz von Hochgeschwindigkeitszügen soll sich die Fahrtzeit zwischen den einzelnen Subzentren auf unter eine Stunde verkürzen. Im Gespräch mit China.org.cn spricht Sabine Dietlmeier, Geschäftsführerin der German Industry and Commerce Greater China GmbH, des deutschen Verbindungsbüros zu den Außenhandelskammern in China, über Hintergründe und Perspektiven des Projekts.



Beijing soll künftig Zentrum für Forschung und Kultur der Metropolregion Jing-Jin-Ji werden.

 

China.org.cn: Frau Dietlmeier, was müssen deutsche Unternehmen über Jing-Jin-Ji (JJJ) wissen?


Sabine Dietlmeier:Chinas Urbanisierung entwickelt sich seit den 1980er Jahren vom Süden in Richtung Nordosten. Die erste Megametropolregion entstand am Perlflussdelta um das Fischerdorf Shenzhen, gefolgt von der Wirtschaftsmetropole Shanghai am Jangtse. Dort entwickelte sich in den vergangenen 30 Jahren im Bezirk Pudong Chinas Finanzzentrum.

 

Das Bevölkerungswachstum in Chinas Städten ging dort mit einer wirtschaftlich guten Entwicklung einher. Im Jahr 1950 lebten ca. 11 Prozent der chinesischen Bevölkerung in Städten, aktuell sind es 56 Prozent. Prognostiziert wird ein Anstieg auf bis zu 67 Prozent im Jahr 2025.


Städte sind Knotenpunkte für wirtschaftliche und technologische Entwicklungen sowie den kulturellen Austausch. Dort können aber auch soziale Widersprüche wachsen und Umweltbedingungen sich verschlechtern. Die chinesische Regierung fördert die Urbanisierung deshalb mit einem langfristigen „eco-cities”-Konzept. Hierzu gehört die Megametropolregion JJJ. Ziele sind die Schaffung einer verbundenen Metropolregion nach modernsten Standards, die Entlastung der Kernstadt Beijing, die Verteilung qualifizierter Arbeitsplätze in umliegende Regionen sowie die Reduzierung der Umweltbelastung. Die ersten Bauprojekte starteten 2015, vor allem im Ausbau der Infrastruktur.

 

Der neue Beijinger Hauptstadtflughafen liegt mit vier Start- und Landebahnen in Daxing, einem Vorortbezirk an der Grenze zur Provinz Hebei rund 50 Kilometer südlich der Beijinger Innenstadt. Er soll über eine eigens angelegte Autobahn sowie per U-Bahn und Schnellzug zügig erreichbar sein. Die Eröffnung ist für Ende 2019 geplant und es werden bis zu 100 Millionen Passagiere abgefertigt werden können – fast doppelt so viele wie am größten deutschen Flughafen in Frankfurt/Main. Die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke von Beijing nach Tianjin sowie die Häfen am Meer sind gut erreichbar. Insgesamt soll JJJ rund 130 Millionen Menschen beherbergen.



Sabine Dietlmeier, Geschäftsführerin der German Industry and Commerce Greater China GmbH

 

Welche Auswirkung hat JJJ für die dort ansässigen deutschen Unternehmen?


Die rapide Urbanisierung ist eine der großen Herausforderungen. Die Städte kommen an ihre Grenzen, strapazieren die Ressourcen des Landes und führen zu schlechteren Umweltbedingungen. Im Norden Chinas zeigt sich das durch den manchmal smogverhangenen Himmel. Der Norden, traditionell eine Basis für die Schwerindustrie, hat Nachholbedarf beim Einsatz neuer Technologien für eine umweltfreundliche Produktion. Besonders Unternehmen, welche die Umwelt durch Kohlenstoffausstoß sowie hohen Wasser- und Stromverbrauch belasten, sind betroffen. Bei Neuansiedlungen erhalten nicht-gewollte Branchen keine Gründungsgenehmigung mehr. Die metallverarbeitende Industrie kann sich zum Beispiel nicht mehr in Beijing ansiedeln. Mehr Standortverlagerungen sind die Folge. In den vergangenen Jahren gab es mindestens drei deutsche Unternehmen, die wegen der neuen JJJ-Politik ihre Standorte von Beijing nach Tianjin oder Hebei verlagern mussten.

 

Welche Vorteile hat die Verlagerung von Firmenstandorten innerhalb von JJJ für die Unternehmen?

Die Auslandshandelskammer Nordchina hat rund 570 Mitglieder, davon mehr als 80 Prozent in der Region JJJ. Einige haben ihre Standorte in Langfang, auf halber Strecke zwischen Beijing und Tianjin. Sie berichten uns von guten Bedingungen, vor allem was die Verkehrsinfrastruktur betrifft und die geringeren Kosten außerhalb der Tier-1-Städte wie Beijing. Außerdem bestehen Geschäftschancen im Hinblick auf Infrastruktur, energieeffiziente Gebäude, Gesundheitsversorgung, Aus- und Weiterbildung sowie Handel. Geringere Faktorkosten im Vergleich zu Beijing und verbesserte Lebensbedingungen für Mitarbeiter können sich profitabel auswirken.

 

In der künftigen Sonderwirtschaftszone „Xiongan“ in der Region, die eine Fläche von zunächst 100 Quadratkilometern umfassen wird, sollen die öffentliche Verwaltung Beijings, Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und Bildungsinstitutionen Platz finden. In Wissenschafts- und Technologieparks sollen sich Unternehmen der „Green“- und Hightech-Branchen ansiedeln. Für deutsche Unternehmen ergeben sich dort zum Beispiel im Bereich der Energieeffizienz und nachhaltigen Bautechnik Geschäftsmöglichkeiten.

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Quelle: german.china.org.cn

Schlagworte: Beijing,Hebei,Tianjin