Wetten, dass ...
Wie das Wettgeschäft dem Fußball schadet Exklusiv
von Ole Engelhardt, Beijing
Die WM ist im vollen Gange. Im Vorfeld haben Millionen Fans in ihren Freundeskreisen kleine Tippspiele organisiert, bei denen sie neben dem Spaß am Fußball auch noch ein paar Euro dazu verdienen wollen. Dabei kann eine andere Form des Wettens den Fußball in seinen Grundsätzen erschüttern.
Viele kennen solche Spiele vielleicht noch aus ihrer Kindheit. Zum Beispiel wenn es auf verstopften Autobahnen in den Sommerurlaub geht und die Kinder auf der Rückbank vor lauter Langeweile die abwegigsten Spiele erfinden. „Wetten, dass das nächste Auto, das uns überholt, rot ist?“ „Glaub ich nicht.“ Das Spiel mit dem Zufall diente als launiger Zeitvertreib, als Überbrückung für den Weg zum eigentlich Ziel, ohne Selbstzweck. Der moderne kommerzialisierte Fußball tickt da anders. Hier hat alles einen Preis. Zwar spielen Autofarben keine Rolle, dafür kann aber auf aller Hand vergleichbar Beliebiges gewettet werden: „Wer wirft den nächsten Einwurf?“ zum Beispiel oder „Wer bekommt die nächste gelbe Karte?“ Machen nur genug Menschen mit bei diesem Spiel, kommen absurde Summen zusammen. Sport und Wetten, dieses Paar geht schon lange einher, doch speziell seit den Neunzigern und dem Aufkommen des Internets zeigen sich immer mehr die parasitären Eigenschaften dieses Verhältnisses.
Von Hoyzer bis Italien – der Mensch ist anfällig
Das Jahr 2005 – ein aus der Fußballperspektive gesehen langweiliges Jahr ohne WM, EM oder andere Turniere. Doch dann dringt zum Jahresbeginn eine Nachricht an die Öffentlichkeit, die bis heute Auswirkungen hat. Der 25-jährige Robert Hoyzer wird beschuldigt, mehrere Profifußballspiele geschoben zu haben. Nach und nach gestand er, mithilfe der kroatischen Wettmafia etliche Spiele der 2. Bundesliga, der Regionalliga sowie des DFB-Pokals beeinflusst zu haben, um somit vorher platzierte Wetten realisieren zu können. Er wurde im November 2005 zu 2,5 Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Sein Name ist in Deutschland bis heute ein Synonym für Betrug im Fußball.
Oder 2013 als die europäische Polizei-Behörde Europol den weltweit größten Wettskandal aufdeckte- 380 manipulierte Spiele weltweit zwischen 2008 und 2011, 425 beteiligte Spieler, Funktionäre, Schiedsrichter, Kriminelle. 8 Millionen Euro Wettgewinn. 2 Millionen Euro Bestechungsgelder.

Der Sündenfall in Deutschland: Robert Hoyzer verpfeift 2004 das DFB-Pokalspiel zwischen dem Hamburger SV und dem Drittligisten aus Paderborn (DPA-Foto)
In Italien wurde 2006 sogar ein von Vereinsbossen über Jahre organisierter Wettskandal aufgedeckt, in dessen Folge der Serienmeister Juventus Turin in die zweite Liga verbannt wurde und der Strippenzieher lebenslang vom Fußball gesperrt wurde.
Nach dem ersten großen Wettskandal 1971 hatte Deutschland im neuen Jahrtausend wieder Folgefälle, die die Bundesrepublik erschütterten und die Glaubwürdigkeit des Volkssports infrage stellten. Da der deutsche Fußball nach dem Sündenfall aus den 1970ern relativ skandallos ablief, führte der Fall Hoyzer einer neuen Generation die schiere Möglichkeit vor Augen, dass es auch hier illegale Geschäfte gibt. In der Leichtathletik waren Skandale wie die zahlreihen Dopingfälle im Radsport längst keine Überraschung mehr. Fußball jedoch galt noch als sauberer Sport.
Die Durchführung eines Betrugs ist relativ simpel. In vielen Ländern sind Sportwetten erlaubt und sehr beliebt. Einige möchten sich mit ihrem Hobby, in dem sie vermeintlich Fachleute sind und deshalb glauben, Ergebnisse korrekt prognostizieren zu können, noch ein wenig Geld dazu verdienen. Einige reizt der Nervenkitzel. Einige möchten durch Wetten auf solche Banalitäten wie Einwürfe oder gelbe Karten auch eher ereignislose Spiele für sich spannend machen. Die Gründe Wetten zu platzieren sind vielfältig. Und der Übergang zur Kriminalität ist leicht und der Gedanke verlockend. Ein Spiel so zu beeinflussen, dass das getippte Ergebnis tatsächlich eintritt – eine wahre Gelddruckmaschine. Es muss lediglich ein schwaches, anfälliges Glied in der Fußballwertschöpfungskette ausgemacht werden und dies dann mit entsprechender Belohnung gelockt werden. Wahlweise handelt es sich dabei um jene mit dem größten Einfluss auf das Spielergebnis – also Spieler oder Schiedsrichter – oder jene, die eher in der zweiten Reihe stehen, wie zum Beispiel Funktionäre oder Manager. Durch das Internet werden geografische Grenzen aufgehoben. Ein Deutscher aus Niedersachsen kann so ohne Weiteres und ohne große zeitliche Verzögerung auf Spiele aus der zweiten irländischen Liga wetten. Auf Ergebnisse, auf die Zahl der gelben Karte, auf den nächsten Elfmeter und so weiter. Weil die unterklassigen Ligen im Vergleich zu den ersten Ligen oder gar internationalen Turnieren wie einer WM natürlich wesentlich weniger überwacht werden, machen sich Kriminelle hauptsächlich in diesen Bereichen ans Werk. Die Geldmengen sind unabhängig von der Qualität des Spiels, allein die Quote zählt. Egal ob Bayern München gegen Real Madrid spielt oder zwei drittklassige Teams, in jedem Spiel mit zwei Gegnern gibt es zwei Gewinnerquoten, auf die gesetzt werden kann und mit denen entsprechend viel Geld gewonnen werden kann.
Omnipräsenter Zweifel
Das Problem an Wetten und Betrügereien ist nicht nur der direkte Effekt, die Aushöhlung des sportlichen Wettbewerbs. Darüber hinaus haben sie auch ernste langfristige Auswirkungen: sie sähen Zweifel. Kurz nach der Hoyzer-Affäre wurde jede nur leicht abstruse Aktion auf dem Spielfeld schon als mögliches Anzeichen für einen Betrug gedeutet. Dabei kommt es auf einem Fußballfeld ganz natürlich immer wieder zu den kuriosesten Szenen. Doch da dem Zuschauer durch den Skandal vor Augen geführt wurde, dass ihr geliebter Sport grundsätzlich anfällig für Tricksereien ist, stellten sich einige die Frage: Wie kann ich wissen, was echt ist und wo nachgeholfen wurde? Muss jeder Spielausgang, der nicht der Erwartung entspricht, angezweifelt werden? Kann ein Zweitligist den FC Bayern zum Beispiel auch auf ganz normalem Weg aus dem Pokal werfen?
Die FIFA, UEFA und einzelne nationale Verbände wie der DFB haben deshalb große Anstrengungen unternommen, gegen die Betrüger vorzugehen. Frühwarnsysteme wie das „FIFA Early Warning System“ sollen einen Wettbetrug schon vor seiner Entstehung erkennen und einer Manipulation somit vorbeugen. Besonders hohe oder sich häufende kleine Einsätze sowie Wettmuster werden an Wettanbieter und Sportverbände gemeldet. Nach genauer Prüfung dieser Unregelmäßigkeiten besteht dann die Möglichkeit, solche Wetten zu schließen oder sogar die entsprechenden Spiele abzusagen. Viele Wetten – vor allem besagte Wetten auf Einwürfe et cetera - werden aber live während des Spiels gesetzt, was eine vorzeitige Warnung fast unmöglich macht.

Freude und Trauer dicht beieinander: Spaniens Kapitän Sergio Ramos ist fassungslos, während die russischen Spieler ihren Überraschungserfolg feiern.
Ein komplettes Verhindern von illegalen Wetten, von Absprachen und Schiebungen ist unmöglich. Dafür sind die involvierten Personen zu viele, die menschliche Natur zu anfällig und der heute durch das Internet ermöglichte grenzenlose Aktionskreis zu riesig. In den letzten Jahren gab es zumindest in Deutschland weniger Nachrichten über Skandale, was nicht heißt, dass sie verschwunden sind. Noch ist das Grundvertrauen in die Sauberkeit des Fußballs bei den meisten Zuschauern intakt. Bei Deutschlands historischem Ausscheiden in der WM-Vorrunde vergangene Woche kam wohl keinem der Gedanke, dass sich Kroos und Co. haben bestechen lassen. Ebenso wenig bei Spaniens überraschendem gestrigen Aus gegen Russland. Dafür verdienen die Profis sicherlich auch zu viel Geld, was ihre Anfälligkeit sinken lässt. Der Fußball lebt von seiner Unvorhersehbarkeit, von seinen skurrilen Aktionen und seinen authentischen Momenten, die es ins kollektive Gedächtnis ganzer Generationen schaffen. Das entscheidende WM-Tor wäre nicht halb so schön, wenn herauskäme, dass der Gegner oder der Schiedsrichter maßgeblich dabei nachgeholfen hatte. Die Hoffnung ist, dass diese Authentizität auch so bestehen bleiben wird.










