40 Jahre Reform und Öffnung: Die Fashion-Story der jungen Chinesen Exklusiv
In diesem Jahr existiert die Reform- und Öffnungspolitik seit exakt 40 Jahren. 40 Jahre, in denen sich die chinesische Wirtschaft rasend schnell entwickelt hat und in denen die chinesische Modeindustrie zur vollen Blüte gekommen ist. Reform und Öffnung haben nicht nur die Taschen der Chinesen prall gefüllt, sie haben auch ihren Blickwinkel erweitert. Modetrends zu folgen, Persönlichkeit zu zeigen und Vielfalt zu schätzen sind Trends, die im Mainstream der chinesischen Gesellschaft angekommen sind.
Heute erzählen wir die Geschichte von zwei chinesischen Millennials, deren Erlebnisse die Entwicklung der Modetrends in den letzten Jahrzehnten widerspiegeln.
Shi Lan: Ein Gefühl für Schönheit muss von klein auf entwickelt werden
Gesangslehrerin Shi Lan ist 1989 geboren und betreibt eine Einrichtung zur künstlerischen Bildung in Beijing. Im südchinesischen Suzhou aufgewachsen verfügt sie über die typische Grazie eines Mädchens aus dem Süden. Ihre Mutter stammt aus Shanghai und mochte es schon immer, ihre Tochter hübsch herauszuputzen. Als Kind waren Shi Lans Mitschülerinnen oft schlicht gekleidet, während sie diesen Rock hatte, auf den alle neidisch waren.

2002 kam sie nach Beijing, als sie von der Mittelschule der National Academy of Chinese Theatre Arts aufgenommen wurde. Als Kunstschülerinnen waren sie und Mitschülerinnen gegenüber den meisten Gleichaltrigen schon immer Modepioniere. Als Schülerin experimentierte sie mit Ohrlöchern und gefärbten Haaren und in der Oberstufe begann sie Modezeitschriften zu abonnieren. Damals waren Bekleidungs-Großhandelsmärkte in Beijing noch sehr beliebt und Shi Lan fuhr oft zum Xidan Mingzhu Market um sich dort das ein oder andere trendige Stück zu angeln. Im Einkaufszentrum wurden die dänischen Märkte Only und Very Moda zu Lieblingen der Schülerinnen. Allerdings war die damalige Mode aus heutiger Sicht weit weniger modern und vielfältig.
Inzwischen ist Ochirly aus dem chinesischen Wenzhou Shi Lans Lieblingsmarke. Wegen ihrer vielen Arbeit hat sie allerdings nicht mehr so viel Zeit, im Einkaufszentrum zu shoppen. Und auch ihr ehemaliges Shoppingparadies Xidan Mingzhu Market musste sich durch die wachsende Optimierung des Handels im Stadtbezirk Xicheng anpassen. Deshalb kauft sie inzwischen ihre Kleidung meist Online. Durch die Erziehung ihrer Mutter und ihre eigene langjährige Auseinandersetzung hat Shi Lan ihren ganz eigenen Blick für Mode entwickelt und ihren eigenen Stil gefunden. Sie bevorzugt Kleidung, die Weiblichkeit betont und strebt nach Individualität. "Ich finde ein Gefühl für Schönheit muss von klein auf entwickelt werden, nur so kann sich eine schöne und feine Frau entwickeln", fasst Shi Lan zusammen.
Xu Wen: Die Kombination von Tradition und Trend schafft eine besondere Schönheit
Der 1986 geborene Xu Wen führt einen Shop auf der Onlineplattform Taobao und streamt im Internet, wo er nicht wenige Fans hat. Hauptsächlich kauft er für seine Kunden in Japan modische Accessoires und Lebensmittel wie Tee ein.

Im Jahr 2002 besuchte er gerade die Mittelstufe in Jinan in der ostchinesischen Provinz Shandong. Von der damaligen Mode hat er den Eindruck, dass alle Jungen Schlaghosen getragen haben. Als er in die Oberstufe kam wechselte der Trend dann zu Kleidung im südkoreanischen Stil. Unter den Jungen waren Boots von Timberland und für den südkoreanischen Stil typische weite Hosen. Da in der Schule Einheitskleidung vorgeschrieben war, hatten sich die Jugendlichen in den Kopf gesetzt ihre Schulkleidung zu modifizieren. Mal änderten sie die Hosenbeine, mal den Saum der Oberbekleidung, in jedem Fall ließen sie keine Methode aus, um etwas Neues zu schaffen. In der Oberstufe begann Xu Wen sich für Markensneaker zu interessieren. Damals kosteten bessere Marken wie Nike oder Adidas oft mehr als 1000 Yuan (ca. 125 Euro), für einen Schüler kein geringer Preis. Xu Wen musste sein Taschengeld oft lange sparen um sich das nächste Paar leisten zu können.
Auch nachdem er seine Arbeit aufgenommen hat ist er ein Fashionista geblieben und sammelt immer noch weiter Markensneaker. Vor drei Jahren fand er eine neue Leidenschaft in Trendspielzeugen. Inzwischen hat sich um seinen Onlineshop eine Fangemeinde mit ähnlichem Geschmack geschart. Das Alter der Fans liegt im Schnitt um die 30 Jahre und ihr Einkommen oberhalb von 10 000 Yuan. Die meisten stammen aus den Metropolen und stehen auf Trendobjekte sowie handgearbeitete Dekogegenstände. Xu Wens Livestreams unterscheiden sich von den auf Taobao häufigen Streams über Makeup oder Styling. Er streamt häufig aus kleinen japanischen Geschäften mit besonderem Charakter und lässt die Fans live ihre Produkte auswählen.
Da er fast die Hälfte jeden Monats in Japan verbringt, nutzt er die Zeit auch, um in den dortigen Markengeschäften seinen eigenen Kleiderschrank aufzufüllen. Aber wenn er in Beijing ist, besucht er immer noch am liebsten die verschiedenen offiziellen Geschäfte der Einkaufsmeile Sanlitun. Darüber hinaus hat er auch einige chinesische Designermarken ins Auge gefasst, z.B. die traditionelle Mode von Husenji. Über diese sagt er: "Die Kombination von Tradition und Trend schafft eine besondere Schönheit".
Als modebewusster Millennial hat Xu Wen die wechselnde Mode von etwa 20 Jahren miterlebt. Zu den Trends dieser Jahre sagt er: "Zuerst gab es die 'Südkoreawelle', dann die 'Japanflut', danach den 'US-Style', inzwischen haben wir eine große Vielfalt erreicht".












