Chinas Haustierwirtschaft boomt

23.07.2020



Jeden Tag nach dem Feierabend verbringt Sun Minghao, Jahrgang 1995, etwa eine Stunde damit, sich um seine Haustiere zu kümmern. Sun hat zwei Katzen, sechs Schildkröten – und rund ein Dutzend Baum- und Hornfrösche. 


In den letzten Jahren sind in China verschiedene neue Haustierarten immer beliebter geworden. Neben gewöhnlichen Haustieren wie Katzen und Hunden sind inzwischen vor allem Tiere wie holländische Schweine, Alpakas, Zwergenten, Gänse, Schildkröten, Eidechsen und Murmeltiere unter jungen Leuten populär. 


Laut dem Weißbuch über Chinas Haustierindustrie im Jahr 2019 erreichte die Zahl der Hunde und Katzen, die in chinesischen Städten und Gemeinden als Haustiere gehalten werden, etwa 99,2 Millionen, was einem Anstieg von 7,7 Millionen im Vergleich zu 2018 entspricht. Junge Leute, die nach 1990 geboren sind, stellen den größten Anteil unter den Haustierbesitzern in China. Daten zufolge machen Haustierbesitzer in den erstrangigen Städten wie Beijing, Shanghai, Shenzhen und Guangzhou 38,8 Prozent aus, während deren Anteil in den drittrangigen Städten und darunter bei 34,4 Prozent liegt. 


Für viele junge Leute sind Haustiere vor allem für das seelische Wohlbefinden wichtig. 


Kleintiere mochte Sun Zhihao schon immer. Mit der Schildkrötenzucht begann er schon in der Oberschule. „Damals wollte ich mich nicht mit meinen Eltern unterhalten. Dank meiner Haustiere kam keine Langweilige auf.“ Seit Sun mit seinem Studium begonnen hat, hat auch die Zahl seiner Haustiere zugenommen. „Wenn ich nur ein Haustier habe, wird es sich doch auch einsam fühlen.“ Da er so viele niedliche Haustiere hat, fühlt er sich nicht mehr einsam – selbst wenn er mal Probleme hat. 


Zhao Li, die aus Huai'an in der Provinz Jiangsu kommt, hat eine Zwergente namens Dudu. Wegen ihres speziellen Ausscheidungssystems machen Hühner, Enten und Vögel „überall groß“, so dass der Umgang mit Tierkot die Besitzerin der Tiere mitunter Kopfschmerzen bereitet. Aus diesem Grund hat Zhao auch viele exklusive Windeln für Hühner und Enten im Internet gekauft. 


Tiernahrung, Hygieneartikel, Toilettenartikel oder Kleidung, Spielzeug, essbare Utensilien... für Haustiere gibt es inzwischen alles, was man sich nur vorstellen kann. Auf der Online-Shoppingplattform Taobao wurden 2018 mehr als 3.000 intelligente Haustier-Toiletten zu einem Stückpreis von rund 5.000 Yuan (ca. 625 Euro) verkauft. Während des Frühlingsfestes des Jahres 2019 stieg der Absatz von Heimtierbekleidung im Supermarket des Kaufportals Tmall im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent, der Verkauf von Tierarzneimitteln um 66 Prozent und die Verkaufsmenge an Tierfutter um fast 106 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 


Da immer mehr junge Menschen Haustiere halten, entwickelt sich der Markt für entsprechende Produkte immer schneller. Laut einem von Cyanhill Capital veröffentlichten Bericht über die frühen Investitionsmöglichkeiten in chinesische schnelllebige Konsumgüter 2020 hat der Markt für Haustierprodukte die 200 Milliarden Yuan (ca. 30 Mrd. Euro) überschritten. Insgesamt herrscht auf dem riesigen Markt dabei aber immer noch ein großer Modernisierungsbedarf. 


Nach dem Ende ihres Studiums im Jahr 2008 begann Tong Meng, eine Tierhandlung zu gründen. Inzwischen hat sie sieben Tierhandlungen in Beijing. Trotzdem findet sie das Geschäft nicht einfach. „Es schließen tatsächlich jedes Jahr mehr Läden, als neue aufmachen“, sagte Tong, aber es kämen weiterhin viele junge Leute neu dazu. 


Tongs Meinung nach helfen Enthusiasmus und Tierliebe alleine nicht, in dieser schwierigen Branche erfolgreich Fuß zu fassen. Konfrontiert mit der Tatsache, dass die Marken meist unbekannt sind, der Markt aufgrund seiner schieren Größe völlig unübersichtlich ist und es keine einheitlichen Branchen-Standards gibt, sind die Gewinne relativ gering, so dass es schwierig ist, ein großes Unternehmen aufzubauen.

    

Zurzeit machen inländische Marken etwa 60 Prozent des chinesischen Haustiermarktes aus, während fast 40 Prozent des Marktes von ausländischen High-End-Marken erobert werden. Es gibt nur sieben börsennotierte Konzerne im heimischen Haustiermarkt, und die meisten anderen Unternehmen befinden sich noch in der Anfangsphase. Aktuellen Daten zufolge konzentrieren sich chinesische Unternehmen hauptsächlich auf mittlere und untere Marktsegmente, während der überwiegende Anteil der ausländischen Marken in den Luxus-Marktsegmenten aktiv ist. 


Pan Helin, Direktor des Instituts für digitale Wirtschaftswissenschaften der Zhongnan-Universität für Finanzen und Recht, erklärte, dass die Heimtierindustrie in China vor allem das Geschäftsmodell „Originalausrüstungshersteller“ anwende, das am unteren Ende der entsprechenden internationalen Wertschöpfungskette liege. Die meisten inländischen Tierproduktunternehmen mit öffentlichen Finanzberichten hätten immer noch eine geringe Produktpositionierung und verfügten nicht über eine unabhängige Forschung und Entwicklung sowie ausreichende Innovationsfähigkeit.


Hinzu kommt, dass es vielen tierbezogenen Dienstleistern oft an den nötigen Industrie- und Managementstandards fehle. Sobald es zu Streitigkeiten komme, stünden keine gezielten Managementvorschriften zur Verfügung.


Ein Beispiel sind die populär gewordenen „Haustiercafés“. Bereits im Juli 2018 wurde in dem von der staatlichen Marktaufsichtsbehörde herausgegebenen Verhaltenskodex für Lebensmittelsicherheit bei Catering-Dienstleistungen klar festgelegt, dass „Tiere wie Geflügel und Vieh nicht in Gastronomie-Servicestellen aufgezogen werden dürfen“. Es ist oft schwierig zu definieren, ob Tiere in Tiercafés in die Rubrik „Haustiere“ oder „Nutztiere“ gehören.


Laut Pan könnte die Haustierwirtschaft eine der aufstrebenden Industrien werden – vorausgesetzt, dass Probleme wie unregelmäßiger Betrieb und der Mangel an Fachleuten gelöst würden. Seiner Ansicht nach sei die Verbesserung der eigenen Handlungsfähigkeit der Schlüssel für heimische Unternehmen, um dem Wettbewerb standzuhalten – und auch von großer Bedeutung für die boomende Entwicklung der chinesischen Haustierwirtschaft.

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Quelle: Beijing Rundschau

Schlagworte: Haustierwirtschaft,China,Schildkröte,Katzen