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13. 08. 2012 Druckversion | Artikel versenden| Kontakt

Lokale Kräfte bevorzugt

Schlagwörter: China,Wirtschaftsprüfungsgesellschaften KPMG Deloitte

Die vier weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften setzen auf Lokalisierung ihrer Unternehmen. Erwünscht sind mehr Chinesen in Führungspositionen.

Das Wort Lokalisierung kreist momentan in den Köpfen von Chinas Wirtschaftsprüfern und Consultants. Die aktuelle Zielvorgabe in den sogenannten Big-Four-Wirtschaftsprüfungsgesellschaften KPMG, Deloitte Touche Tohmatsu, Ernst & Young und PricewaterhouseCoopers lautet: Mehr Einheimische in verantwortliche Positionen. Diese neue Marschrichtung entspringt weniger einer Einsicht der Firmen selbst als einer Forderung der chinesischen Regierung. Entsprechende amtliche Vorgaben traten im Mai School of Management der Peking Universität. "Wenn man sich die Big Four im weltweiten Vergleich ansieht, so fällt auf, dass China von der Norm abweicht, weil dort Ausländer das operative Geschäft leiten. Im Rest der Welt setzen die Big Four nahezu ausschließlich auf lokale Kräfte."

Die Unternehmensberater stehen nun vor kniffligen Herausforderungen, da es gilt, ausländisches Personal zu reduzieren, um chinesische Mitarbeiter in Führungspositionen zu befördern, ohne dabei jedoch die Marktpräsenz zu gefährden.

Von der Kooperation zur offenen Handelsgesellschaft

Am 2. Mai 2012 legte das chinesische Finanzministerium und mit ihm verbundene politische Abteilungen den Plan für die Lokalisierung der bislang auf der Grundlage von Joint-Ventures operierenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaften vor, der zum 10. Mai in Kraft trat und für die Big Four gilt.

Der Plan besagt, dass die Big Four mit Ablauf der aktuellen Geschäftslizenzen dazu verpflichtet sind, ihre Organisationsstruktur von einer chinesisch-ausländischen Kooperation zu einer speziellen offenen Handelsgesellschaft umzubauen.

Unter den neuen Richtlinien soll jedes Unternehmen mindestens 25 so genannte chinesische Partner in Leitungsfunktionen haben, mehr als hundert amtlich zugelassene chinesische Wirtschaftsprüfer (CPAs) beschäftigen und über 10 Millionen RMB (1,27 Millionen Euro) an registrierten Einlagen vorweisen.

Die Aufsichtsbehörden gewähren den Unternehmen eine fünfjährige Übergangsfrist. Grundsätzlich müssen die ausgewiesenen Partner der reorganisierten Prüfungsunternehmen im Besitz einer in China ausgestellte Lizenz für Wirtschaftsprüfer, Gutachter, Steueragenten oder Cost-Engineer verfügen. Innerhalb der Übergangsperiode (bis zum 31. Dezember 2017) ist es Personen mit Wohnsitz in Hongkong, Macao, Taiwan sowie Ausländern, die zwar nicht über die erforderliche Lizenz verfügen, ansonsten aber qualifiziert sind, gestattet, Partner zu werden. Sie dürfen jedoch nicht mehr als 40 Prozent des Personals eines Unternehmens stellen und bis zum Ende der Übergangsfrist muss ihr Anteil auf unter 20 Prozent gesenkt werden.

Der Plan schreibt weiter vor, dass ausschließlich chinesische Staatsbürger berechtigt sind, die Position des Hauptgesellschafters in den reorganisierten Wirtschaftsprüfungsfirmen einzunehmen. Die derzeitigen ausländischen Hauptgesellschafter in den vier großen Unternehmen dürfen ihre Stellung nur noch drei Jahre lang innehaben.

Dass eine chinesische Lizenz zum amtlich zugelassenen CPA zur Vorraussetzung gemacht wird, um eine Beteiligung in einer lokalen amtlich zugelassenen Wirtschaftsprüfungsfirma zu erlangen, wirft die Frage auf, ob die neuen Regelungen vor allem der Verdrängung ausländischer Partner dienen soll.

Das Finanzministerium widerspricht. Nach Darstellung von Yang Min, Direktorin der Abteilung für Wirtschaftsprüfung am chinesischen Finanzministerium, befänden sich die neuen Bestimmungen im Einklang mit internationaler Praxis und seien der Qualität der Wirtschaftsprüfung nicht abträglich.

"China hat ein geeignetes Übergangsmodell für die Big-Four- Prüfungsgesellschaften erstellt und dabei die Interessen sowohl der chinesischen als auch der ausländischen Partner berücksichtigt", sagt Yang im Interview mit Xinhua. Topmanager aus China und dem Ausland hätten das Lokalisierungsprogramm unterzeichnet und akzeptiert, fügt sie hinzu.

Laut Liu Guangzhong, dem Vizedirektor der Wirtschaftsprüfungsabteilung im Finanzministerium, erfordern die neuen Regeln keine sofortige Auswechslung des Personals, obwohl die Big Four anderswo von lokalen Partnern geleitet und gemanagt werden.

"Es ist international unter Wirtschaftsprüfungsgesellschaften üblich, mehrheitlich Inhaber lokaler Zertifikate zu beschäftigen. China ist nach wie vor der einzige Markt, auf dem ausländische Partner das operative Geschäft leiten, während es in anderen Regionen die lokalen Partner sind", so der unabhängige Steuerexperte Ma Jinghao.

Daten des Finanzministeriums zufolge haben beinahe die Hälfte aller ausländischen Partner in den vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in China Zertifikate in anderen Ländern erworben. Der Großteil dieser Partner sind Personen mit Wohnsitz Hongkong.

Yang legt Wert auf die Feststellung, dass trotz Lokalisierung der Branche die Qualität der Rechnungsprüfer gesichert sei: "Die neuen lokalisierten Wirtschaftsprüfungsbüros werden nicht nur der Aufsicht der chinesischen Regierung und des chinesischen Industrieverbands unterstellt, sie kommen auch unter die Führung der Mutterunternehmen der Big Four."

Liu hebt hervor, dass die Qualität der Wirtschaftsprüfung trotz der Neuerungen aufrechterhalten bleibe. Veränderungen im Kerngerüst der Führungsstruktur würden graduell stattfinden und sich nicht negativ auf die Managementmethoden auswirken.

David Wu, federführender Partner von PwC, sagt, das neue Geschäftsmodell werde einen geordneten Wirtschaftsprüfungsmarkt schaffen.

"Es ist im Grunde eine Umwandlung in eine neue Rechtsform. Die Big Four und lokale Wirtschaftsprüfungsunternehmen werden fortan auf einer Stufe behandelt. Das bedeutet, alle Unternehmen arbeiten mehr oder weniger innerhalb derselben Rechtsstruktur", erklärt Wu. "Unter der neuen Verordnung wird der Druck auf jene wachsen, die Rechnungen abzeichnen und Due Diligence durchführen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden."

"Wenn die Veränderungen verantwortlich und maßvoll umgesetzt werden, gehe ich davon aus, dass die neuen Bestimmungen keine nachteiligen Auswirkungen auf die Qualität der Wirtschaftsprüfung haben werden", meint Paul Gillis von der Peking Universität. Gillis erwartet für die chinesische Wirtschaftsprüfung sogar eine Qualitätssteigerung, schließlich könnten die Unternehmen auf einen großen Talentpool zurückgreifen. Die neuen lokalen Wirtschaftsprüfungspartner würden zudem ein viel tiefgehenderes Verständnis der Kultur und der Geschäftspraktiken Festlandchinas haben, was sie effektiver machen würde als Ausländer, die in China Wirtschaftsprüfungen durchführten, so Paul Gillis.

"Das gesamte Personal wird aktiv auf die Erfordernisse des von der Regierung aufgestellten Programms eingehen und um eine stetige und reibungslose Transformation des chinesisch-ausländischen Joint Ventures in spezielle offene Handelsgesellschaften bemüht sein", heißt es in einer Stellungnahme von KPMG's Geschäftsbereich China.

PwC und Ernst & Young unterstützen das Programm ebenfalls. "Das Unternehmen hat seine China-Geschäfte aktiv lokalisiert, indem es die letzten Jahre über intensiv in die Entwicklung lokaler Talente und Förderung lokaler Partner investiert hat", ließ PwC in einer E-Mail an die Global Times verlauten.

"Unser Unternehmen hat sich gut auf diesen Übergang eingestellt", teilte Ernst & Young in einer Presseaussendung mit.

Späte Lokalisierung

Am 13. Juli war KMPG das erste der Big-Four- Unternehmen, das seine geschäftlichen Aktivitäten lokalisierte. Es erhielt die Zustimmung des Finanzministeriums, sich als spezielle offene Handelsgesellschaft eines chinesisch-ausländischen Joint Ventures neu zu gründen - mit einem eingetragenen Kapital von 10 Millionen RMB (1,27 Millionen Euro).

1992 starteten die vier Prüfungsunternehmen auf dem chinesischen Markt und bildeten Joint Ventures mit lokalen Wirtschaftsprüfungsfirmen. Die chinesisch-ausländischen Kooperationsverträge, die KPMG, Deloitte und Ernst & Young vor zwanzig Jahren unterzeichneten, laufen im August 2012 aus, das Joint Venture von PricewaterhouseCooper im Jahr 2017.

Als die vier in die Märkte anderer Länder eintraten, übernahmen sie dort üblicherweise führende lokale Unternehmen, um sich Marktpräsenz zu verschaffen. Nicht so in China, wo chinesisch-ausländische Joint Ventures errichtet wurden, weil die Wirtschaftsprüfung noch in Kinderschuhen steckte und sich nicht nur keine vergleichbaren Übernahmemöglichkeiten boten, sondern die Gründung von Firmen mit 100-Prozent-Anteil ausländischen Kapitals nicht zugelassen war.

Die Kooperation chinesischer und ausländischer Prüfungsfirmen war eine einzigartige Konstellation, die auf die besonderen historischen Umstände Chinas zurückgeht", sagt Ma.

Gegenwärtig findet Lokalisierung auch ohne Druck von Seiten der Regierung statt. In den Big Four in China beträgt laut dem führenden Wirtschaftsmagazin Caijing der Anteil lokaler Angestellter inzwischen 90 Prozent.

Die Lokalisierung begann eigentlich mit dem Tag, an dem die großen Wirtschaftsprüfungsfirmen nach China kamen", sagt KPMG Partner Sherry Hao.

Seit Anbahnung des China-Geschäfts im Jahr 1992 ist der aus lokalen Universitätsabsolventen bestehende Mitarbeiterstab von KPMG in die Reihen des Vorstands und der Hauptentscheidungsträger vorgerückt. Mit dem Aufstieg lokaler Mitarbeiter sei der Anteil ausländischer Mitarbeiter zurückgegangen, so Hao.

Laut Caijing sind die ausländischen Mitarbeiter heute mehrheitlich so genannte Senior Partner zwischen 45 und 50 Jahren.

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Quelle: Beijing Rundschau

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