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| 23. 03. 2009 | Druckversion | Artikel versenden| Kontakt |
Ich bin sicher, dass die erste Gruppe die "verlorene Moral" heutzutage anprangern würde. Doch der wahre Übeltäter ist meiner Ansicht nach das Essen. Durch das, was wir essen, hat ein 14-Jähriger heutzutage die körperliche Reife eines 19-Jährigen eine oder zwei Generationen zuvor. Lebten wir immer noch in harten Zeiten, ohne Supermärkte oder Diätpillen, wären die Studenten immer noch wie Oberschüler.
Wem es aufgefallen sein sollte: Ja, auch ich vermeide zugegebenermaßen das Wort mit "S". Es ist nicht leicht für einen Chinesen, die Frage aufzuwerfen: Sollten Studenten Sex haben? Ich erinnere mich an die Zeit, in der sogar das Wort “Date" ein schmutziges Wort auf dem Campus war. Für mich ist es etwas, das weder für Studenten verboten sein sollte, noch etwas, zu dem Studenten ermuntert werden sollten. Stattdessen bedarf es besonderer Aufklärung, denn Studenten sollten sich der möglichen Konsequenzen bewusst sein.
Nein, ich bin nicht der Ansicht, dass Sex unbedingt zu schlechten Noten führt. Da könnten eher Seifenopern einen negativen Einfluss haben. Und es ist lächerlich, Sex mit einem unmoralischen Charakter zu assoziieren. Jemand kann einen anderen viel eher mit Worten verletzen. Generell gesagt ist an Studentenromanzen nichts auszusetzen, doch sie führen meistens nicht zu einem glücklichen Ende, besser gesagt, zu einer Ehe.
Bei einer Analyse des Briefes bemerkt man, dass der Verfasser es sehr ernst meinte, wenn er auch herablassende Worte benutzte. Seine fundamentale Aussage ist: Sex entwürdigt eine Person, insbesondere eine Frau. Dies ist tief in der chinesischen Ansicht über Jungfräulichkeit verankert, die Vorteile bei einer Ehe oder sogar bei Prostitution bringen kann.
Hier würden der Verfasser und seine Befürworter fragen: "Hätte man es als Elternteil gerne, dass die eigene Tochter im Studentenalter Sex hat?" Zufälligerweise habe ich zwei minderjährige Töchter. Insofern ist diese Frage für mich alles andere als hypothetisch. Ich würde zwei Dinge tun: Erstens würde ich so weit ich kann sicherstellen, dass die Freunde meine Töchter wirklich lieben. Zweitens würde ich sie eingehend aufklären, so dass sie ausreichend über Schutz vor Krankheiten und ungewollter Schwangerschaft bescheid wissen. Das wird sie vor einigen Überraschungen ihrer Freunde bewahren, und wird die Wahrscheinlichkeit von wahrlich üblen Konsequenzen reduzieren.
Und was am wichtigsten von allem ist: Ich würde ihnen versichern, dass sie, für was immer sie auch tun, die Verantwortung tragen müssen. Wenn sie sich des Sex enthalten möchten, dann werde ich sie unterstützen. Wenn sie Sex haben möchten, dann sollte es eine schöne Erfahrung sein, und nicht etwas, was sie bereuen. Sie sollten nicht zur einen oder anderen Seite geschoben werden. Sex oder kein Sex, es sollte natürlich sein.
Die Debatte ist nicht polarisierend, sondern irreführend. Man mag glauben, es sei ein ernstes Problem, doch Forschungen belegen, dass im Jahr 2001 nur fünf Prozent der Studenten in China Sex hatten. Angesichts dieser Zahl wage ich zu behaupten, dass chinesische Studenten weit davon entfernt sind, notgeil zu sein.
Wenn man sich mal in den Verfasser des Briefes hineinversetzt, muss man sagen, dass dieser zwar nicht sehen kann, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt, doch dass er sich in der Öffentlichkeit äußernde Zuneigung zwischen jungen Leuten bemerkt, beispielsweise Küsse und Händchenhalten. Das missfällt ihm, denn es lässt ihn sich ausmalen, was sich außerhalb seiner Reichweite abspielt. Wenn die Studenten diskret sind und das Zimmer separat betreten – das werden sie tun, wenn sie genügend Spionage-Thriller gesehen haben, durch die man lernt, wie man ungewünschte Aufmerksamkeit vermeidet – werden nur wenige Leute sie bemerken.
Damit wären wir bei dem sozialen Stigma, dass die chinesische Gesellschaft der Leidenschaft und ihrer Erscheinungsformen auferlegt. Die konfuzianische Tradition veranschaulicht die eheliche Glückseligkeit, bei der die Ehefrau nicht direkt dem Ehemann in die Augen schaut. Nun ja, wenn ein Mann sich verhält wie Michael Douglas in Eine verhängnisvolle Affäre, und eine junge Frau wie Sharon Stone in Basic Instinct, ist es leicht nachzuvollziehen, dass dies der älteren Generation Kopfzerbrechen bereitet.
Anschließende Berichte besagten, dass die Studentinnen, die sich in die Nanjinger Nachbarschaft wagen, nun "ihre Köpfe senken und ihr Gesicht verstecken". Ich habe schon Ladendiebe gesehen, die sich weniger geschämt haben. Naja, ich denke, es ist angemessen, sein Verhalten an die Umwelt anzupassen. Wenn man in einer konservativen Gemeinschaft lebt, sollte man die ungeschriebenen Regeln respektieren.
In Bezug auf die Beschwerde über "zu wenig Eingriffe durch Behörden" bin ich erstaunt, dass es nach allem, was China durchlebt hat, immer noch Stimmen gibt, die die Regierung um Intervention in absolut private Angelegenheiten bitten. Lassen wir die Büchse der Pandora doch einfach geschlossen. Leute, die erstmal die Erlaubnis ihrer Vorgesetzten haben möchten, bevor sie eine Verabredung zusagen, sollten lieber zuhause bleiben und ihre Nachbarn bitten, keine Zimmer an laute Jugendliche zu vermieten.
Quelle: China Daily
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