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30. 08. 2013 Druckversion | Artikel versenden| Kontakt

Christian Y. Schmidt

Der Briefschreiber von drüben Exklusiv

Schlagwörter: Im Jahr des Hasendrachen Christian Y. Schmidt Aha-Erlebnis

Sie schildern in Ihren Kommentaren und Büchern gerne absurde Situation. Wenn es davon eine Hitliste gäbe – was war in acht Jahren China das Merkwürdigste, dass Sie bis jetzt erlebt haben?

Ich finde die Situationen ja meist gar nicht so absurd. Absurd und ärgerlich fand ich es aber immer, wenn ich in Provinzstädten als Ausländer in bestimmten Hotels nicht übernachten durfte. In der innermongolischen Stadt Ordos haben deshalb meine Frau und ich einmal die Polizei gerufen. Die erklärte dann, dass ich nicht in dem Hotel übernachten dürfe, dies geschähe zu meinem eigenen Schutz. Unter anderem sei das Essen in dem Hotel nicht "sicher". Während der Diskussion mit der Polizei versammelten sich auch eine Reihe chinesischer Hotelgäste an der Hotelrezeption. Denen habe ich dann versucht zu erklären, dass sie sich am Essen im Hotel den Magen verderben könnten. Als die sich daraufhin auf meine Seite zu schlagen begannen, wurden sie von der Polizei auf ihre Zimmer geschickt.

Ich durfte dann am Ende der Diskussion doch nicht in dem Hotel übernachten. Kein Argument konnte dagegen etwas ausrichten. In Ordos gab es damals (oder gibt es vielleicht noch) eine Bestimmung, dass Ausländer nur in vier oder fünf Sterne Hotels übernachten dürfen. Da geht es dann nicht um Logik, sondern nur ums Prinzip. In dieser Hinsicht ähnelt sich die deutsche und die chinesische Obrigkeit. So etwas macht mich rasend, auch weil es in China keine Institutionen gibt, bei denen man gegen solche willkürlichen Bestimmungen mit auch nur einer klitzekleinen Aussicht auf Erfolg Beschwerde einlegen kann.

Eine Frage an Sie als Punk-Experte: Welche chinesischen Punk- oder Rockbands würden Sie einem interessierten Publikum derzeit empfehlen?

Schwierig, schwierig. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich inzwischen aus dieser Szene ein bisschen raus bin. Die letzte Band, die ich wirklich toll fand, war Joyside aus Beijing. Aber die haben sich ja 2009 aufgelöst. Und auch sonst habe ich den Eindruck, dass die Punk- und Rockszene in China stagniert. Dafür tut sich inzwischen viel mehr auf dem elektronischen Sektor. B6 (Lou Nanli) aus Shanghai ist super. Pancake Lee aus Beijing auch. Nova Heart mit Helen Feng machen sehr gute Sachen. Ich glaube, dass inzwischen in Elektro-Clubs wie dem Haze in Beijing die interessantere Musik läuft. Ich komme da aber nur sehr selten hin, weil es immer erst um Mitternacht losgeht. Und ich bin ja inzwischen ein alter Mann. Ich denke, man sollte mehr Technoclubs für Rentner einrichten, auch in China. Das wäre eine Marktlücke. Hm, aber vielleicht wäre ich dann auch nur der einzige Gast.

Letzte Frage: Werden Sie in China bleiben – und was waren dafür die wichtigsten Argumente?

Ah, noch eine Fangfrage, denn dafür habe ich ja auch schon ein ganzes Gründebündel in "Im Jahr des Hasendrachen" geliefert. Der wichtigste Grund ist aber wohl die Perspektive. Ich glaube, wer in China wohnt, begreift viel besser, dass die Probleme, die auf die Menschheit zukommen, nicht dadurch zu lösen sind, dass man noch eine verkehrsberuhigte Zone einrichtet oder statt beim Discounter im Bio-Supermarkt einkauft. Diese Probleme sind nur global zu lösen. Letztlich schützt man sich also durch einen Wohnsitz in China davor, vorzeitig zu verkalken. Ich hoffe sehr, dass das auch bei mir der Fall sein wird.

ZUR PERSON

Schmidt war von 1989 bis 1995 Redakteur der Satire-Zeitschrift Titanic. Er arbeitet als freier Autor, u.a. für die Berliner Zeitung, konkret, taz und die Jungle World und schreibt für das Blog Riesenmaschine. Er hat mehrere humoristische und satirische Bücher zusammen mit anderen Titanic-Autoren veröffentlicht und daneben Texte über linke Politik und über Ostasien. Seit 2003 lebt Christian Y. Schmidt zusammen mit seiner aus Beijing stammenden Frau vor allem in Ostasien, anfangs in Singapur und seit 2005 in Beijing.

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Quelle: german.china.org.cn

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