Interview mit BMW-Brilliance-Chef

15-jähriges Jubiläum: „Wir wollen in China weiter wachsen“ Exklusiv

28.10.2018

von Ren Bin und Felix Lehmann, Beijing


Seit 15 Jahren kooperiert der deutsche Autobauer BMW mit seinem Partner Brilliance in Shenyang. Für dessen CEO Johann Wieland eine Erfolgsgeschichte. Mit China.org.cn sprach er über den Standort in Shenyang, die Zukunft des Elektroautos und Corporate Social Responsibility (CSR).

 

Johann Wieland, Präsident und CEO von BMW Brilliance Automobile, in Beijing (Foto von BMW)

 

Das Joint Venture BMW Brilliance ist bereits 15 Jahre alt. Warum hat BMW im Jahr 2003 Shenyang als Standort gewählt und zu einem Produktions- und Forschungszentrum weiterentwickelt?


Johann Wieland: Die letzten 15 Jahre waren ein großer Erfolg, weil wir den richtigen Partner haben. Das ist entscheidend für unseren Erfolg. Es hat sich herausgestellt, dass Brilliance in der Stadt Shenyang die beste Alternative war. Man sollte nicht unterschätzen, dass in der Autobranche viel talentiertes und qualifiziertes Personal benötigt wird. In Shenyang gab es dieses Angebot an Arbeitskräften. Brilliance bot uns die Einrichtung und auch von der Stadt Shenyang haben wir viel Unterstützung erfahren.

 

BMW Brilliance hat viele Lieferanten großgezogen, vor allem in Shenyang. Welche Rolle spielt das bei der Entwicklung der Industriekette? Arbeiten diese Lieferanten auch für Ihre Wettbewerber?


Der Geist von BMW ist, dass wir den Wettbewerb begrüßen. Und es ist der falsche Ansatz zu glauben, wir sollten Lieferanten haben, die nur für uns arbeiten. 

Man muss sich bewusst sein, dass der meiste Added Value von den Lieferanten kommt. Der Wettbewerb macht das Unternehmen stärker und besser. So kann dem Kunden das beste Preis-Leistungs-Verhältnis geboten werden. Bei den Lieferanten ist es genauso. Wir müssen den Wettbewerb nutzen, um der Beste zu sein und die Innovationen der Lieferanten als erste zu bekommen.

Wir sehen das als eine Partnerschaft, als eine Win-win-Situation. Wir arbeiten eng zusammen, um diese Kooperation noch besser zu machen. Es gibt immer etwas, das wir verbessern können, und das passt natürlich perfekt zu den Zielen in diesem Land, denn die Regierung will, dass Unternehmen und Zulieferer einen Weltklassestandard entwickeln.

 

Können Sie Lieferanten nennen, die Sie am meisten beeindrucken?


Wir haben ein paar tolle Geschichten, aber die beste ist die Geschichte über CATL, eine chinesische Firma. Sie produzierten die Batterien für Apple, also dachten wir, sie können auch Batterien für unsere elektrischen Autos und Hybridfahrzeuge liefern. Daraufhin haben wir CATL dabei geholfen, die Anforderungen des Autogeschäfts zu erfüllen. In diesem Jahr wurde das Unternehmen die Nummer Eins der Welt, im April ist es an die Börse gegangen. Diese Geschichte ist ein hervorragendes Beispiel für Win-win-Situationen und unseren Versuch, an der Spitze zu bleiben. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir weiter wachsen.

 

Was halten Sie von der Optimierung des chinesischen Marktes und des Geschäftsumfeldes in Shenyang? Gibt es konkrete Beispiele dafür, dass BMW Brillance Automobile (BBA) auch von diesen Maßnahmen profitiert? Und wo besteht noch weiterer Optimierungsbedarf?


Da möchte ich insbesondere die Regierung von Shenyang erwähnen. Wir haben die volle Unterstützung von Bürgermeister Jiang Youwei, zum Beispiel, wenn es darum geht, Infrastruktur zu schaffen, uns dabei zu helfen, Dinge voranzutreiben. Die Kooperation ist hervorragend und das ist auf jeden Fall ein Erfolgsfaktor.

Es gibt jedoch auch einige Probleme, mit denen wir in Nordostchina konfrontiert sind. Die jungen Leute gehen lieber in den Süden, nach Shanghai, Hangzhou und Guangzhou. Für den Nordosten ist das eine große Herausforderung. Die Automobilindustrie wird immer digitaler und auch die Entwicklung eines Autos erfordert immer mehr Fähigkeiten in der Digitalisierung, Programmierkenntnisse und Verständnis für die Chancen und Anforderungen an den technischen Wandel. Der Nordosten muss daran arbeiten, die jungen Talente zu halten. In diesem Punkt arbeiten wir mit den Universitäten zusammen und bieten zum Beispiel Stipendien, gemeinsame Projekte und PhD-Programme an. Wir müssen die Absolventen begeistern und in unser Unternehmen ziehen.

Wir arbeiten also schon mit Berufsbildungsprogrammen. Im Hinblick auf die Vermittlung von Fachkenntnissen ist dieser Ansatz, den wir in Deutschland haben, wirklich herausragend. Berufsausbildung hilft, die Qualifikation im Unternehmen zu verwirklichen. Wir setzen das zusammen mit der Stadt Shenyang um. Das ist notwendig, um die jungen Talente im Nordosten zu halten.

Deswegen bin ich froh, dass Staatspräsident Xi Jinping Ende September Shenyang besucht und deutlich gemacht hat, dass die Stadt, die Provinz und die Unternehmen alles daran setzen müssen, die jungen Fachkräfte im Nordosten zu halten.

 

Vor Kurzem wurde im neuen Werk von BBA der Spatenstich vollzogen. Welche Highlights oder Vorteile bietet das neue Werk in Sachen High-End-Fertigung?


Der wichtigste Aspekt für unsere Produktion ist, dass sie vollständig flexibel ist. Wir haben eine Produktionslinie, auf der Autos mit Verbrennungsmotor, Hybrid- und Elektrofahrzeuge hergestellt werden können. Wenn nötig, könnten wir 100 Prozent batteriebetriebene Fahrzeuge herstellen.

Industrie 4.0 ist ein weiterer Aspekt. Die Strategie von BMW ist, führend in der Produktionstechnologie zu sein. Wir nutzen die Digitalisierung, um höchste Produktivität in höchster Qualität zu erreichen. Den gesamten physikalischen Prozess gibt es auch digital, er heißt digitaler Zwilling. So können wir den physischen Produktionsprozess vollständig digitalisiert simulieren und verbessern.

Wir sind auch der Nachhaltigkeit verpflichtet. Wir verwenden Technologien, die die Umwelt möglichst wenig belasten. Wir versuchen also, den Wasserverbrauch, die Emissionen und den Energieverbrauch zu minimieren. Wir wollen Vorbild sein, wenn es um intelligente, grüne Fertigung geht, und damit erfüllen wir auch die Erwartungen des Staatsrates.

In diesem Jahr haben die Vereinigten Staaten sehr hohe Strafzölle auf chinesische Produkte verhängt. Warum hat sich BMW vor diesem Hintergrund dazu entschieden, die Exportmodelle iX3 in China produzieren zu lassen?


Ein Kennzeichen der Strategie von BMW ist langfristiges Denken. Wir versuchen, unsere Entscheidungen unabhängig von aktuellen Handelskonflikten zu treffen. Wir bauen Strukturen auf, die wir jahrzehntelang nutzen wollen. Deswegen ist es nicht empfehlenswert, kurzfristige Handelskonflikte in Produktionsstrukturen zu übersetzen. Was uns treibt, ist ein ganz einfacher Grundsatz: Produktion folgt dem Markt. Der chinesische Markt ist der wichtigste und größte Markt für New Energy Vehicles und insbesondere für Elektrofahrzeuge. Deswegen haben wir nur einen Produktionsstandort, und der steht in China. Von Shenyang exportieren wir in die ganze Welt.

 

Chinas Staatspräsident Xi Jinping hat auf dem diesjährigen Boao-Forum auf Hainan gefordert, die Begrenzung der ausländischen Beteiligung an Joint Ventures so bald wie möglich zu lockern, vor allem in der Autoindustrie. Ministerpräsident Li Keqiang hat BMW als den ersten Nutznießer dieser Regeln bezeichnet. Wie betrachten Sie die neue Haltung von China gegenüber ausländischen Investitionen und welche Rolle wird Chinas Haltung für den Welthandel spielen?


Dass BMW der erste Hersteller in China ist, der jetzt eine Mehrheit mit seinem Joint-Venture-Partner verhandeln konnte, wurde von Ministerpräsident Li Keqiang und Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich unterstützt. Es ist für uns eine große Ehre, dass wir diese Unterstützung erfahren haben. China hat sich ganz klar der weiteren Liberalisierung verschrieben und wir sehen, dass die Regierung in China die Politik der Reform und Öffnung systematisch fortführen möchte. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die Welt eng zusammenarbeiten muss. Zum Beispiel beziehen wir bei BBA Teile aus der ganzen Welt. Die heutigen Lieferketten sind international und es wäre schade, wenn dieser Handelskonflikt dazu führen würde, dass diese internationalen Lieferketten massiv gestört würden. Deshalb sehen wir die Unterstützung der chinesischen Regierung und das große Ziel der Liberalisierung als etwas, das BMW fördern und dazu beitragen möchte.

 

Wie bewerten Sie die Entwicklung von chinesischen Autobauern, insbesondere in Bezug auf Elektroautos und autonomes Fahren? Welche Vorteile und Nachteile hat BMW hier im Vergleich zu den amerikanischen und chinesischen Konkurrenten?


Wir sehen die Entwicklung vieler chinesischer Wettbewerber mit großem Respekt. Ich glaube, dass viele chinesische Marken in der Technologie sehr stark aufgeholt haben, gerade auch was Elektromobilität und den Nutzen von Künstlicher Intelligenz anbelangt. Dort zeigt sich die Stärke von Hightech-Firmen wie Alibaba, Tencent und Baidu. Die Kooperation zwischen Automobilherstellern und Hightech-Firmen wird immer wichtiger. Doch wir glauben nach wie vor, dass wir noch bessere Substanz bieten können. Am Ende ist die Integrationsleistung maßgeblich, also die Frage, wie man verschiedene Komponenten zu einem großartigen Fahrgefühl verbindet. Wir sind führend, was die Verbindung von Steifigkeit eines Fahrzeugs mit Akustik und Crashtauglichkeit anbelangt, also die Integration von Leichtbau und Kraftstoffeffizienz. Als Premiummarke bieten wir dem Kunden immer noch genügend Added Value und das werden wir auch in Zukunft tun können.

 

Gibt es schon Kooperationen zwischen BBA und chinesischen Internetfirmen oder haben sie etwas in dieser Richtung geplant?


Die BMW Group in München kooperiert mit einer Reihe von chinesischen Technikunternehmen, wie zum Beispiel Tencent, Baidu, Huawei und China Unicom. Es ist Teil unserer Innovationsstrategie, immer mit den besten zusammenzuarbeiten, auch in China.

 

Sie waren schon immer neugierig auf China und die chinesische Kultur und Sie wollen auch die Werte Chinas mit den Werten von BMW kombinieren. Was ist der Grund? Gibt es Beispiele für erfolgreiche Integration der chinesischen Kultur in ihr Unternehmen?

 

Ich habe immer darauf hingewiesen, dass nachhaltiger Erfolg von vielen Jahren der Win-win-Kooperation abhängt. Darum geht es auch in der chinesischen Kultur. Mein Eindruck und mein Verständnis in China sind, es gibt wenige Länder und wenige Kulturen, die so langfristig denken und regieren wie hier in China. Das kommt auch durch das politische System, weil in der westlichen Welt viele Regierungen immer nur bis zur nächsten Wahl denken. Das kommt aber auch aus der jahrtausendealten Kultur. Das ist der Grund, warum der Geist von BMW und die chinesische Kultur so gut zusammenpassen. Jeder muss einen Beitrag leisten, um langfristige Beziehungen aufzubauen und nicht nur einen kurzfristigen Deal zu machen. Wenn wir Expats nach China schicken, bekommen sie deswegen eine gründliche Vorbereitung, damit sie das Land und die Menschen besser verstehen.

Wer die chinesische Kultur versteht, der weiß, dass soziale Bedürfnisse der Menschen im Land Teil des Geschäfts sind. Es geht nicht nur darum, Produkte zu verkaufen, sondern den Kunden auch einige immaterielle Werte zu geben. Wir sehen uns als führendes CSR-Unternehmen in China. Dazu nutzen wir unsere Ressourcen und Netzwerke: die Kunden, die Händler, die Angestellten und unsere Partner. Wir haben ein Programm, um zurückgelassenen Kindern zu helfen. Es geht auch darum, die Umwelt zu verbessern, und das ist auch ein großes Ziel in diesem Land: den Umweltschutz nachhaltiger zu machen und das richtige Bewusstsein zu erzeugen. Wir machen das mit sehr innovativen Ansätzen. Wir wollen nicht einfach Geld verschenken, sondern die Menschen befähigen, sich selbst zu helfen. Damit leisten wir einen Beitrag dazu, unserer Vorbildfunktion in China gerecht zu werden.

 

Vielen Dank.


* Die Fragen wurden von Ren Bin, Zhang Shasha, Nan Beibao und Li Jiaming gestellt.

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Quelle: german.china.org.cn

Schlagworte: BMW,Brilliance,Shenyang,Wieland,China