Chinesischer Botschafter in Deutschland

Wir werden unsere Innovationspartnerschaft upgraden Exklusiv

05.07.2017


Shi Mingde, chinesischer Botschafter in Deutschland (Archivfoto)


2016 wurde China zum größten Handelspartner Deutschlands. Auf welche Bereiche konzentriert sich die Handelskooperation der beiden Länder vor allem? Derzeit herrscht in der Weltwirtschaft weiterhin Konjunkturflaute und protektionistische Tendenzen kommen auf. Großbritannien hat den Austrittsprozess offiziell begonnen, Trumps Devise lautet "America first"... eine Reihe solcher Faktoren beeinflusst die Marschrichtung der Weltwirtschaft. Welchen Einfluss haben Ihrer Meinung nach globalisierungsfeindliche Trends auf die Beziehungen zwischen China und Deutschland oder sogar China und Europa?

Shi Mingde: Die Handelskooperation ist auf lange Sicht der Stabilisator der chinesisch-deutschen Beziehungen. China und Deutschland sind wichtige Handels- und Investitionspartner füreinander. Nach den deutschen Statistiken hat China im Jahr 2016 die USA und Frankreich überholt und war erstmals Deutschlands größter Handelspartner. Derzeit gibt es 8200 deutsche Unternehmen in China und die tatsächlichen Investitionen belaufen sich auf über 70 Milliarden US-Dollar. Die chinesische Investitionsaktivität in Deutschland nimmt stetig zu. Es gibt jetzt etwa 2000 chinesische Unternehmen in Deutschland mit kumulativen Investitionen von etwa acht Milliarden US-Dollar. Die gegenseitigen Investitionen sind keine Einbahnstraße mehr. Das ist ein Zeichen dafür, dass unser Kooperationsniveau eine neue Stufe erreicht hat. Außerdem entwickelt sich unsere Zusammenarbeit in den Bereichen Intelligent Manufacturing, Energiesparen und Umweltschutz sowie kleinere und mittlere Unternehmen stetig. Die Formen der Zusammenarbeit werden immer vielfältiger und die Interessen verschmelzen immer stärker miteinander. Unsere Handelskooperation ist umfassend, breit aufgestellt und auf einem hohen Niveau; das wird immer deutlicher.

Derzeit trifft die Globalisierung der Wirtschaft auf Gegenwind und der Handelsprotektionismus erfährt ein Comeback . China und Deutschland sind beide große Realwirtschafts- und Handelsnationen, die von der Globalisierung profitieren und diese fest unterstützen. Angesichts der gegenwärtigen Lage müssen wir gemeinsam die Globalisierung voranbringen und gemeinsam die Liberalisierung des Welthandels und die Erleichterung von Investitionen fördern. Wir müssen jede Form von Protektionismus klar ablehnen. Beide Länder stehen für eine schnelle Unterzeichnung des chinesisch-europäischen Investitionsabkommens und der Machbarkeitsstudie für eine chinesisch-europäische Freihandelszone, um mit der Stabilität beider Länder den globalen Unwägbarkeiten entgegenzuwirken.

 

Wie sieht es mit der Beteiligung Deutschlands an der die Seidenstraßeninitiative "One Belt, One Road" aus? Welche Ergebnisse liegen bereits vor? Uns ist bekannt, dass die Kooperation auf Drittmärkten ein wichtiger Inhalt des gemeinsamen Aufbaus der Seidenstraßeninitiative ist und im Juni 2016 in die gemeinsame Erklärung anlässlich der Chinesisch-Deutschen Regierungskonsultationen aufgenommen wurde. Welche konkreten bilateralen Kooperationsprojekte wurden bisher in diesem Rahmen umgesetzt?

Shi Mingde: In den drei Jahren, seit es die Seidenstraßeninitiative gibt, haben wir sie reibungslos ins Rollen gebracht. Sie ist zu einem breiten Konsens für internationale Zusammenarbeit geworden und hat eine Reihe früher Erfolge erzielt. Inzwischen sind diese zu wichtigen gemeinsamen internationalen Produkten geworden. In dieser Zeit hat sich auch die deutsche Position deutlich sichtbar gewandelt von einer abwartenden Haltung zu aktiver Unterstützung und Teilnahme. Deutschland war eines der ersten westlichen Länder, die der Initiative ihre Unterstützung ausgesprochen haben und ist außerhalb des asiatischen Raumes der größte Geldgeber für die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB). Deutsche aus allen Schichten blicken gespannt auf die Seidenstraßeninitiative. Beim im Mai veranstalteten internationalen Kooperationsgipfel von „One Belt, One Road “ entsandte Deutschland die Ministerin für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, als besondere Vertreterin der Bundesregierung und von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Damit setzte Deutschland ein Zeichen für seine aktive Teilnehme an der Initiative.

Die Kooperation mit Deutschland hat in diesem Kontext einiges an Fortschritten gemacht. Deutschland verfügt über High-End-Technologien und Ausrüstung , wir können durchaus miteinander kooperieren, um das Produkt mit einem noch besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis und noch besserer Wettbewerbsfähigkeit auszustatten. In Regionen wie Asien, Zentralasien und Osteuropa können wir beim Ausbau der Infrastruktur zusammenarbeiten. Als wichtige Mitglieder der AIIB arbeiten China und Deutschland gemeinsam daran, diese zu einer modellhaften, effizienten, gut geführten, transparenten und offenen multilateralen Finanzinstitution zu machen. Der China Railway Express ist das erfolgreichste chinesisch-deutsche Projekt der Seidenstraßeninitiative. Im Jahr 2016 fuhren 1702 Züge zwischen Europa und China, 1034 davon zwischen Deutschland und China. Duisburg ist ein wichtiges Drehkreuz für die Initiative, fast täglich kommt hier ein Güterzug aus China an. China ist das einzige Land, dessen Eisenbahntechnik mit der deutschen kompatibel und vernetzt ist. Die China Railway Group und die Deutsche Bahn haben letztes Jahr eine gemeinsame Absichtserklärung über Dienstleistungen wie Projektberatung und technischer Wartung in Drittländern unterzeichnet. Weiterhin kooperieren China und Deutschland in Afghanistan bei der Ausbildung im Bergbau sowie beim Katastrophenschutz und der Katastrophenhilfe. Darin zeigt sich auch die Unterstützung beider Länder für einen friedlichen Wiederaufbau und eine friedliche Entwicklung in Afghanistan. Mit Sicherheit werden die bilateralen Kooperationsprojekte und deren Ergebnisse in Zukunft weiter zunehmen.

 

In Deutschland gibt es sehr unterschiedliche Ansichten zu "Made in China 2025" und "Industrie 4.0". Manche sind der Meinung, dass die beiden zusammen eine starke Kombination seien, doch es gibt auch deutsche Medienberichte, die sagen, dass „Made in China 2025" als Vorstoß in die High-End-Produktion deutsche Marktanteile gefährden würde und eine Bedrohung für die deutsche Industrie darstelle. Wie bewerten Sie diese Ansätze? Welche Kooperationsmöglichkeiten bestehen im Rahmen dieser beiden Strategien?

Shi Mingde: Das grundlegende Ziel der Verbindung von "Made in China 2025" und "Industrie 4.0" ist, eine Win-win-Situation zu schaffen. Beide Länder haben ihre Stärken und Vorteile im industriellen Bereich und ergänzen sich in hohem Maße. Deutschland verfügt über fortschrittliche Technik, China über einen gigantischen Produktionsmarkt und breit angelegte Produktionsgrundlagen. Außerdem haben wir viel Personal in Forschung und Entwicklung bei relativ niedrigen Kosten. Die enge Zusammenarbeit und der positive Wettbewerb zwischen China und Deutschland sind kein Nullsummenspiel mit einem Gewinner und einem Verlierer, sondern ein weiser Schachzug, um den Markt und den "Kuchen" der gemeinsamen Interessen zu vergrößern und eine starke Kombination zu schaffen. Die besorgten Stimmen in Deutschland fußen vor allem auf einem mangelnden Verständnis der tatsächlichen Situation. Zudem herrschen gegenüber China recht große Vorurteile.

Die Verbindung von "Made in China 2025" und der deutschen "Industrie 4.0" ist eine wichtige Initiative für die Umsetzung der deutsch-chinesischen strategischen Kooperation in der Fertigungsindustrie. Derzeit haben wir für Intelligent Manufacturing und Industrie 4.0 bereits einen Kooperationsmechanismus auf Ebene der Vizeminister ins Leben gerufen und arbeiten an einer umfassenden Kooperationsplattform, welche Industrie und Wissenschaft verbindet, die Unternehmen in den Mittelpunkt stellt und von den Regierungen unterstützt wird. Auf einigen Ebenen, wie der gemeinsamen Festlegung von Standards für die "Industrie 4.0", gibt es schon einige Fortschritte und Pilotprojekte. Dazu zählen der Deutsch-Chinesische Industriepark für Maschinen- und Anlagenbau (in Shenyang), das Sino-German Intelligent Manufacturing Research Institute (in der Provinz Jiangsu) und der chinesisch-deutsche Kooperationsstandort Jiangsu (in Taicang).

Zukünftig sollten wir direkte Unternehmenskontakte weiter vorantreiben und die Unternehmen weiter in den Vordergrund rücken, damit diese ihre Leitfunktion entfalten können. Zweitens sollten wir fortfahren, unsere Kooperation im Bereich der Standardisierung weiterzuentwickeln und die bereits bestehenden Pilotprojekte zu "Flaggschiffen" unserer Kooperation machen, damit diese ihren Modelleffekt entfalten können. Drittens sollten wir den Austausch bei der Ausbildung von Forschungspersonal und Industriemanagern weiter voranbringen. Die Verbindung von "Made in China 2025" und "Industrie 4.0" ist eine neue Aufgabe, bei der wir uns nicht auf vergangene Beispiele oder gegenwärtige Erfahrungen berufen können. Das erfordert von beiden Regierungen, dass von Anfang an langfristig gedacht wird, wir traditionelle Kooperationskonzepte überdenken und mit Unternehmungslust und Offenheit gemeinsam nach Schnittpunkten für die Kooperation suchen.

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Quelle: german.china.org.cn

Schlagworte: Botschafter,Deutschland,Innovation,China