Chinesisch hat keine falschen Freunde

13.10.2016

Die Leichenschau der Vaterlandsliebe

Während es die Mutterlandsliebe erst gar nicht gibt, kommt einem die Vaterlandsliebe als Deutscher schon gefühlt komisch vor. Obwohl sie sich aus unschuldigen Wörtern wie Vater, Land und Liebe zusammensetzt und Landliebe den meisten Deutschen gern über die Zunge geht, hört beim Vaterland für viele schon der Spaß auf. Seit 1943 verliert die Nutzung von „Vaterlandsliebe“ in deutschsprachigen Veröffentlichungen gegenüber dem „Patriotismus“ an Boden. Sowohl Patriotismus als auch die Public Viewings haben vor allem im Zuge einer sommermärchenhaften Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vermehrt Beachtung gefunden.

Darf man – wieder – stolz auf Deutschland sein? Darf man die schwarz-rot-goldene Fahne schwenken? Selbst wenn man – wie wahrscheinlich viele – noch nie eine Deutschland-Fahne geschwenkt hat, wird dieses „wieder“ benutzt, als ob man das Gefühl des Stolzes und das Bedürfnis ein Stofftuch zu wedeln jahrelang unterdrücken musste. Dürfen wir wieder stolz auf unser Land sein? Geht denn das? Und wer ist genau mit „wir“ gemeint?

Das bisschen Fahneschwenken zur WM führte jedoch weder dazu, dass Menschen als Vaterlandsverräter verdammt wurden, falls es ihnen an -liebe fehlte, noch bezeichneten sich ihre Pendants auf dem Spektrum als Vaterlandsliebhaber. Auch Patriot wollte man nicht wirklich sein. Es hatte eher etwas Vorübergehendes. Eine Sommerliebe eben. Man adjektivierte sich zu begeistert, mitgerissen oder einfach ein bisschen stolz. Das geht auch wieder weg.

Auch wenn die wörtliche Bedeutung von Vaterlandsliebe und Patriotismus sich sehr ähneln, bildet das lateinische Fremdwort einen Ausweg aus dem oft so unentspannten Verhältnis zum Heimatland, denn Patrioten und Patriotismus gibt es auch in anderen Staaten, nicht nur als Personen und Verbundenheit, sondern ganz wörtlich in den Sprachen.

Public Viewing stellt einen weiteren Teil des Umgangs mit dem Wir-Gefühl in Deutschland dar. Es ist ein falscher Freund, den sich die Deutschen zu Eigen gemacht haben, um ein Ereignis zu benennen, welches sie sich eigentlich nicht erlauben möchten. Das Rudelgucken begünstigt die Formung einer Massenidentität und ist daher schon per se suspekt. So hat man vielleicht nicht nur aus cool-hippen Marketingzwecken, sondern eher entschuldigend zur englischen Sprache gegriffen, um jene identitätsstiftenden Versammlungen zu bezeichnen. Spätestens seit den Olympischen Spielen in München 1936 erfreute sich das gemeinsame Schauen und Mitfiebern enormer Beliebtheit in Deutschland, damals noch in sogenannten Fernsehstuben.

Während das Englische mit Public Viewing also die öffentliche Aufbahrung einer Leiche beschreibt, könnte man dies für Deutschland dahingehend umdeuten, dass man immer mal wieder den Leichnam der Vaterlandsliebe ausstellt. Zu diesem Anlass kann man sich dann auch mal emotional zeigen, mit Feuerzeug als Grablichtersatz.

Die ausgelassene Trauerfeier zum Public Viewing.

      1   2   3   4   5   6     


Diesen Artikel DruckenMerkenSendenFeedback

Quelle: people.cn

Schlagworte: Sprache,Chinesisch,Internationalismen