Chinesisch hat keine falschen Freunde

13.10.2016

 

Die Xenokratie der Fremdwörter

Demokratie setzt sich aus den griechischen Wörtern „demos“ und „kratia“ zusammen. Demos bezeichnete ursprünglich nur eine Gemeinde in der Gliederung unter der Polis, der Stadt, deren Verwaltung schließlich zur Politik wurde. Mit ihr wurde eine Form der selbstbestimmten Verwaltung der Einwohner (oder Vertretern von ihnen) eines Gebiets umschrieben.

Was bedeutet nun aber Demokratie für Menschen in Deutschland und China heutzutage? Eine wichtige Eigenschaft des Menschseins ist es, sich in andere hineinversetzen zu können. Diese Art der Empathie bedeutet in den meisten Fällen jedoch genau das: man versetzt sich selbst in andere hinein und denkt sich zweimal. Diese Eigenschaft führt beispielsweise auch dazu, dass Kinder und Tiere, die einen niedlichen Eindruck machen, weltweit ungefragt und unüberlegt durchgeknuddelt werden, da andere das eigene Verlangen nach körperlicher Nähe in sie hineinprojizieren, ohne dabei auf etwaige Ängste oder Befindlichkeiten zu achten.

Was hat das mit dem Demokratieverständnis zu tun? Jene Länder die sich als Demokratien verstehen und sich buchstäblich auch so beschreiben, projizieren ihr Verständnis in andere Länder hinein. Eine Demokratie besitzt daher Wahlen, Volksvertreter und Parteien. Sobald sich andere Länder als Demokratien bezeichnen, rechnet man mit gewissen Eigenschaften, die man aus seiner eigenen Regierungsform kennt. Das Selbstbild wird damit zum Fremdbild.

Mit der Zeit entwickelt sich das Gefühl, dass die scheinbar universelle Verständlichkeit der Wörter auch eine Art universelle Norm umfasst. Man selbst und andere haben demokratisch zu sein. Was bedeutet diese „Herrschaft des Volkes“ dann aber letztlich ganz konkret? Einen Zettel in eine Urne werfen, wenn man denn will?

Das Drumherum besteht unter anderem aus Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, Grundrechten und sozialer Absicherung, was aber für viele Menschen den eigentlichen Charakter einer Demokratie ausmacht. Dem Wort Demokratie wird daher viel mehr Bedeutung beigemessen als der deutschen Entsprechung Volksherrschaft. Diese wird in der Regel nur als Argument herangeführt, wenn eine größere Partizipation gewünscht wird, was in den meisten Fällen jedoch der Umsetzung der eigenen Partikularinteressen entspricht.

Was versteht man in China unter dem Wort Demokratie? Westliche Demokratie. China ist seinem Selbstverständnis nach ein demokratisches Land und nutzt diesen Begriff auch in Übersetzungen. Doch eigentlich gibt es in China eben民主 (gesprochen: Mínzhǔ) und das ist ein chinesisches Wort und wird von China definiert.

Die grünen Staaten bezeichnen sich selbst als demokratisch.

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Quelle: people.cn

Schlagworte: Sprache,Chinesisch,Internationalismen