Kulturelle Werte
Debatte über „Muttersöhnchen“ tobt in Chinas sozialen Medien
Ein viel beachteter Auftritt einer chinesischen Komikerin hat zu intensiven Debatten über „Muttersöhnchen“ in China geführt. Allgemein werden darunter Männer verstanden, die aufgrund ihres Alters bereits selbstständig sein sollten, aber dennoch weiterhin stark von ihren Eltern kontrolliert werden. Auch wissenschaftliche Studien versuchen die Ursachen für dieses Phänomen herauszufinden.

Als die chinesische Stand-up-Komikerin Niao Niao kürzlich als Kandidatin in der beliebten Online-Comedy-Show „Rock & Roast“ auftrat, erntete sie viele Lacher für ihre Ansichten über „Muttersöhnchen" und amüsierte das Publikum mit ihrer entwaffnenden Aufrichtigkeit zu diesem Thema.
„Wie kommt ein Mann zustande, der den ganzen Tag ständig über seine Mutter spricht? Liegt es vielleicht daran, dass seine Mutter ihm sagt, es würde ihm helfen, wenn er sie in Zukunft öfter erwähnte", fragte sie rhetorisch.Ihre Worte lösten bei den Juroren der Sendung und dem Live-Publikum Gelächter aus, und der Ausschnitt wurde seitdem mehr als 3,23 Millionen Mal auf „Tencent Video“ angesehen.
Eine bereits am 23. Januar in der Zeitschrift „Critical Discourse Studies“ veröffentlichte Analyse bietet eine akademische Antwort auf den Begriff „Muttersöhnchen" bzw. „Mommy's boy” auf Englisch.Der Begriff bezieht sich auf einen Mann, der von einer überfürsorglichen Mutter aufgezogen wird und in einem Alter, in dem von ihm bereits Selbstständigkeit erwartet wird, immer noch in ungesunder Weise von ihr abhängig ist. In den chinesischen sozialen Medien ist der Begriff mittlerweile zu einem Modewort geworden.
Der vergleichbare Begriff „Baby-Mann", der auf eine unbeschwerte Art und Weise verwendet wird, verändert den Experten zufolge die Art und Weise, wie sich die beiden Geschlechter gegenseitig betrachten, da er Männer beschreibt, die von den Beschäftigungsmöglichkeiten und den Prioritäten im Bereich des Kinderkriegens in der modernen chinesischen Gesellschaft verwöhnt werden. Den Wissenschaftlern zufolge ist dieser unbeschwerte Ansatz ein bewusster Versuch, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern anzusprechen.
Der Begriff „Baby-Mann" sei nicht auf einen bestimmten Familienstand beschränkt. Vielmehr stelle er Männer im Allgemeinen als egozentrische Erwachsene dar, die von der Gesellschaft ständig verwöhnt werden und ihrerseits große Aufmerksamkeit von ihr verlangen.
Kulturelle Werte
2013 untersuchte Florrie Fei-Yin Ng, außerordentliche Professorin an der Abteilung für pädagogische Psychologie der Chinesischen Universität Hongkong, zusammen mit zwei weiteren Experten in zwei Mittelschulen an der chinesischen Ostküste, ob chinesische Mütter mehr Kontrolle über ihre Kinder haben als solche, die in einem kleinen städtischen Gebiet im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten leben.
Die Studie ergab, dass Kinder in den USA stärker dazu ermutigt werden, ihre Gedanken und Meinungen offen zu äußern, auch wenn dies eventuell zur Folge hat, dass sie mit anderen nicht einverstanden sind.
Ng erklärte: „Die Kultur in China legt großen Wert auf Fleiß und harte Arbeit, und es wird von den Kindern erwartet, dass sie jeden Tag lernen, wenn sie von der Schule nach Hause kommen. Die Emotionen der Kinder werden leicht unterdrückt, da ihre schulischen Leistungen Vorrang vor ihrem persönlichen Wohlbefinden haben. Auch wenn die Kinder gute Noten erzielen, bleibt ein Gefühl des Unbehagens oder der Unzufriedenheit bestehen, was mit einem hohen Preis verbunden ist.“
Weiter führte die Expertin aus: „Wir suchen ständig nach Möglichkeiten, wie wir uns verbessern können, anstatt unsere Stärken anzuerkennen.“
In den USA sei dies nicht so stark der Fall, dort hätten die Kinder mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Sie fügte hinzu, dass dieser Mangel an Selbstvertrauen bei chinesischen Kindern oft dazu führe, dass sie sich auf andere verlassen, was einer der Gründe dafür sein könnte, dass es heute mehr „Muttersöhnchen" gibt.
Im Jahr 2017 ergab eine Umfrage der China Youth Daily, dass 61 Prozent von 2.002 Befragten angaben, dass es in ihrem näheren persönlichen Umfeld mindestens ein „Muttersöhnchen" geben würde. 66,5 Prozent der Befragten erklärten, dass solche Jungen diesen Charakterzug aufgrund der übermäßigen Kontrolle der Eltern entwickelt hätten.










