Stadtentwicklung in Beijing
Alte Hutongs werden „neu geboren“ Exklusiv
von Wang Xuemei, Beijing
Beijing ist nicht nur bekannt für die Verbotene Stadt oder seine imposanten modernen Hochhäuser. Auch die als „Hutongs“ bezeichneten traditionellen kleinen Gassen sind äußerst beliebt bei Touristen, da sie eine Vorstellung davon geben, wie das Leben in der Hauptstadt früher aussah. In den letzten Jahren wurde das Leben in diesen Hutongs mithilfe der Stadtentwicklungspläne deutlich verbessert, während gleichzeitig der traditionelle Charme und kulturelle Wert bewahrt wurde.

An einem Tag im April dieses Jahres spaziert die 65-jährige Ding Shufeng in Beijing durch die Hutong mit dem Namen Caochang Sitiao. Die Straßen des Hutongs sind sauber und eben, und zwischen den grauen Mauern ist sehr viel Grün zu sehen. Während sie spaziert, kann sie mit fast jedem, dem sie begegnet, ein kurzes Gespräch führen, und selbst die kleinen durch die Gassen laufenden Hunde kennt sie alle beim Namen. Wie sie so von einem Ende zum anderen schlendert, ist es fast so, als würde sie durch ein Bild streifen, das ein glückliches und gemütliches Leben zeigt.
Ding ist eine gebürtige Beijingerin, die in den Hutongs geboren und aufgewachsen ist. Wenn sie jetzt an die Zeit vor etwa 10 Jahren zurückdenkt, stellt sie ganz klar fest, dass das Leben in den Hutongs damals noch nicht so komfortabel und gemütlich war wie heute.
„Großer Abriss und große Renovierung“
Im letzten Jahrhundert waren die Hutongs und die ebenfalls traditionellen „Siheyuans“ (ein Wohnhof, der an allen vier Himmelsrichtungen von Häusern umgeben ist) noch von schlechten Verkehrsverbindungen, rückständigen Wohneinrichtungen und mangelhaften öffentlichen Dienstleistungen geplagt.
Von 1990 bis 1998 wurden in Beijing groß angelegte Renovierungsarbeiten in der Altstadt durchgeführt, bei denen insgesamt 4,2 Millionen Quadratmeter alter Häuser abgerissen wurden - die meisten von ihnen waren Siheyuan-Wohnhöfe. Statistiken zufolge waren von den mehr als 3.000 Hutongs in der Altstadt, die zu Beginn der 1980er Jahre noch fast intakt waren, in den 1990er Jahren nur noch 1.200 übrig. Die Renovierung der Hutongs zielte damals vor allem darauf ab, neue Touristenattraktionen mit großem historischen und kulturellen Wert zu schaffen, und in der Folge stieg der kommerzielle Wert der Hutongs und Siheyuans signifikant an. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist die Einkaufsstraße „Nanluoguxiang“, der heute ein modischer und beliebter Touristenort in Beijing ist.
Die groß angelegte Umsiedlung der ursprünglichen Bewohner und der vollständige Abriss und Wiederaufbau aller Gebäude führte jedoch unweigerlich zu einem gewissen Grad auch zum Verlust des historischen und kulturellen Wertes der Stadt und zur Zerstörung der natürlichen ökologischen Umwelt. Immer mehr Menschen beklagten sich deshalb: „Wenn alle Hutongs in Beijing verschwinden und zu Hochhäusern werden, wie können wir dann noch unsere nostalgischen Erinnerungen an das Leben von früher bewahren?“
„Schöner Wohnhof“
Im Jahr 2017 änderte sich die Situation dann aber grundlegend. Unter der Anleitung des neuen Beijinger Stadtentwicklungsplans steht die Erhaltung und Erneuerung des städtischen Erbes seitdem im Vordergrund. Beijings Stadtregierung stellte klar, dass die Altstadt nicht mehr abgerissen werden könne und dass sie stattdessen durch Räumung und Wiederaufbau so weit wie möglich erhalten werden sollte.
Die Priorität bei der Restaurierung und beim Schutz der Hutongs hat sich vom einfachen Bau von neuen Touristenattraktionen hin zur Bewahrung des historischen Erbes und zur Stadterneuerung verlagert. Als oberste Vorgabe wurde dafür ausgegeben, dass die traditionellen Merkmale der Hutongs erhalten bleiben und gleichzeitig das Lebensumfeld der Hutongs verbessert werden müssen.
In diesem Kontext rief der Bezirk Dongcheng im Jahr 2020 das innovative Projekt „Schöner Wohnhof“ ins Leben. Mit diesem Projekt sollten die Lebensbedingungen der Bewohner verbessert werden, zum Beispiel durch die Beseitigung von Wasserlecks in Abflussrohren, das Vorgehen gegen Wasseransammlungen in tief gelegenen Höfen oder die Installation von Toiletten in den Häusern. Bei all diesen Bemühungen sollte gleichzeitig sichergestellt werden, dass das Erscheinungsbild und die Geschichte der Hutongs erhalten bleiben und die Wünsche der Bewohner stets berücksichtigt werden.
Dank solcher Bemühungen ist Dings einfacher Lebenswunsch mittlerweile in Erfüllung gegangen: Über den langen Innenhof erstreckt sich eine Reihe von kleinen hölzernen Pergolen mit Weinstöcken, die von den grauen Kacheln aus nach außen ragen. Unter den Reben befindet sich ein kleines Gemüsebeet, neben dem die Fliederbäume bereits neue Knospen zeigen. Die Tische und Bänke aus Granit und eine kleine Freifläche bilden einen viel genutzten Gemeinschaftsraum, der die Freundschaft zwischen der Familie Ding und ihren Hutong-Nachbarn so innig macht: „Wann immer wir Zeit haben, laden wir unsere Freunde aus der Nachbarschaft in den Hof ein, um zu grillen und zu essen. Die Kinder können derweil hier Seil springen oder Federball spielen.“
Anwohner gestalten aktiv mit
Bei der Renovierung der Hutongs gehen mittlerweile immer mehr Anwohner vom „Zuschauen“ zum „Mitmachen“ über, d.h. sie melden sich zu Wort und arbeiten zusammen, um ihre eigenen Ideen und Vorschläge einzubringen.
Vertreter der Nachbarschaftskomitees beteiligten sich aktiv an Diskussionen darüber, wie die Umgebung der Hutongs weiter verbessert werden könnte. Dabei geht es zum Beispiel um Fragen, mit welchem Material die Straßen gepflastert werden sollen, welche Blumen wo gepflanzt werden sollen, wie die Mülltrennung gefördert werden kann und wie traditionelle Feste gefeiert werden können.
„Früher waren wir es, die bei Problemen der Anwohner entschieden haben, wie diese zu lösen sind. Heute dagegen diskutieren die Anwohner wenn es ein Problem gibt“, sagt Li Zheng, Parteisekretär der Gemeinde Caochang, mit voller Stolz. „Die Verwaltung der Gemeinde wurde verbessert, so dass die Bewohner nun ein sorgenfreies und glückliches Leben führen können.“
Die Atmosphäre eines solch glücklichen Lebens der Menschen ist heute überall in den Hutongs zu spüren. Beijings Regierung hat somit tatsächlich geschafft, ein „modernes Leben in den alten Hutongs“ zu ermöglichen.
Staatspräsident und Generalsekretär Xi Jinping betont: „Es gilt, die Stadtsanierung und Stadtentwicklung mit dem Schutz und der Nutzung des historischen und kulturellen Erbes in Einklang zu bringen. Auf diese Weise kann man im Prozess der Entwicklung effektiv den Schutz [des kulturellen Erbes] sicherstellen und gleichzeitig im Prozess des Schutzes weiterhin Entwicklung ermöglichen.“
Bei der Renovierung und Entwicklung der Hutongs in Beijing geht es weder lediglich um Abriss und Neubau, noch darum, die Dinge einfach so zu belassen, wie sie sind. Stattdessen geht es darum, die Integration von Geschichte, Kultur und modernem Leben zu fördern, die Bedürfnisse der Menschen stets in den Mittelpunkt zu stellen und sich dazu zu verpflichten, neue Ideen der Stadtentwicklung mit der traditionellen Kultur der alten Hauptstadt zu verbinden.
Auf diese Weise möchte Beijing eine lebenswerte Gemeinschaft schaffen, in der die Menschen mit der Umwelt in Harmonie koexistieren. Die Praxis hat bewiesen, dass diese organische Integration von „Alt“ und „Neu“ den Menschen Glück bringen und ihr Leben bereichern kann.










