Vermeintlicher neuer Trend
Pädophobie in China nimmt zu
Abneigung gegenüber Kindern kann keine Lösung für den Umgang mit Fertilitätsfragen sein.
In einem der Terminals des Flughafens Shanghai Hongqiao stellt sich Betty Yu, auf ihre bevorstehende Reise ein. Die junge Mutter, mit dem Ticket in der einen und ihrer vierjährigen Tochter an der anderen Hand, betet, dass ihr Kind während des gesamten Fluges ruhig bleiben möge.
Nachdem sie die ihnen zugewiesenen Plätze im Flugzeug gefunden haben, holt Yu gekonnt mehrere kleine Tüten mit Keksen und Schokolade aus ihrem Rucksack und verteilt sie an die Passagiere, die neben den beiden sitzen. „Bitte verzeihen Sie mir, wenn meine Tochter während des Fluges etwas laut ist“, sagt sie mit einem entschuldigenden Lächeln.
Yu ist eine von vielen chinesischen Eltern, die angesichts der wachsenden Abneigung in der chinesischen Gesellschaft gegenüber Kindern Angst vor Reisen mit ihren minderjährigen Kindern haben. Das Thema „nervige, laute Kinder im Zug“ hat auf chinesischen Social-Media-Plattformen heftige Debatten ausgelöst.
In letzter Zeit haben die in Südkorea weit verbreiteten „No Kids Zone“-Schilder bei chinesischen Internetnutzern überraschend großen Anklang gefunden. Ähnliche Schilder sind in einigen touristischen Städten Chinas in Hotels und anderen Einrichtungen aufgetaucht und haben erneut eine Welle von Online-Debatten darüber ausgelöst, ob diese Schilder eine Überreaktion darstellen.
Medienberichten zufolge gibt es in Südkorea bereits mehr als 500 Cafés und Restaurants, die kinderfreie Zonen eingerichtet haben und Kindern unter 12 Jahren den Zutritt verwehren. Eine lokale Umfrage ergab außerdem, dass 73 Prozent der koreanischen Erwachsenen der Einrichtung einer „No Kids Zone“ zustimmten. Nur 18 Prozent lehnten sie ab.
Während die Anprangerung „ungezogener Kinder“ zu einem Paradigma der öffentlichen Meinung geworden ist, machen sich immer mehr Menschen Sorgen, dass hinter der Abneigung ein Element der Pädophobie steckt.
Chinesische Experten haben vor dem gefährlichen Trend gewarnt, dass Einzelpersonen, vor allem Online-Prominente und Influencer, versuchen, mit einem Trick online Klicks zu erzielen. Unter dem Deckmantel der „öffentlichen Moral“ verbreiten sie Geschichten über eine kaum verhüllte Wut auf Kinder und eine Geringschätzung der Fruchtbarkeit.
Indem sie Konflikte im öffentlichen Meinungsfeld übertreiben und absichtlich einen „Karneval des Hasses“ veranstalten, reißen diese Personen die Gesellschaft auseinander, sagten die Experten. Sie riefen die Öffentlichkeit dazu auf, wachsam gegenüber solchen Behauptungen zu sein. Eine kinder- und geburtenfreundlichere Gesellschaft sei der richtige Weg.
Die Abneigung mancher junger Menschen gegen Kinder spiegelt in Wirklichkeit ihre Vermeidung und Ablehnung von Fertilitätsfragen wider, die eine der größten Herausforderungen der gegenwärtigen Geburtenkrise darstellen. Dies sagte der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Hua Hua, Forscher an der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften.
Hua glaubt, dass die Menschen, die einen Hass auf Kinder zum Ausdruck bringen, nur einen sehr kleinen Teil der Öffentlichkeit ausmachen. Die Liebe und Fürsorge für Kinder seien immer noch die vorherrschenden sozialen Neigungen in der chinesischen Gesellschaft.
Analysten zufolge bedarf es eines zivilisierteren Ansatzes, um die Schaffung von Räumen zu fördern, in denen Kinder sich frei entfalten und natürlich ausdrücken können. Auf diese Weise können verschiedene soziale Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen harmonisch zusammenleben.










