Wolfram Elsner

China meint es ernst mit dem Aufbau einer ökologischen Zivilisation Exklusiv

11.03.2022

Wie sieht Chinas Strategie für mehr Nachhaltigkeit und weniger CO2-Emissionen aus und wo liegen die Unterschiede zu westlichen Ländern?

 

China geht „multidimensional“ vor, verfolgt eine komplexe Strategie, die der Komplexität der natürlichen Umwelt und der Klimakrise entspricht. Im 14. Fünfjahresplan werden neue Wälder in der Größenordnung von elf Millionen Hektar – der Fläche Südkoreas – gepflanzt, die Technologieführerschaft bei allen Umwelttechnologien errungen sowie der Energiemix deutlich verändert.

 

China investiert im 14. Fünfjahresplan 45 Prozent aller weltweiten Ausgaben für erneuerbare Energien. Es bezieht die gesellschaftlichen Strukturen und die menschlichen Verhaltensdimensionen ein, ohne die es keine ökologische Zivilisation geben kann. Diese gehören zu den größten Tabus im Westen, wo man Lebensstil und Konsummuster nicht anzurühren wagt.

 

China ändert nicht nur Technologien und Industriestrukturen, sondern auch Sozialstrukturen (z.B. die Einkommensverteilung), Konsumstile und Verhaltensweisen. Beispiele sind der neue Umgang mit Lebensmitteln und Lebensmittelverschwendung, aber auch die Anti-Monopol- und Datenschutz-Maßnahmen in der IT-Industrie. Die vielen verschiedenen und originellen lokalen und regionalen Experimente mit Sozialkreditpunkte-Systemen spielen eine positive unterstützende Rolle.

 

Im Westen sind in vier Jahrzenten „Neoliberalismus“ (der ja weder „neo“ noch „liberal“ ist), nicht nur die Verhaltensweisen degeneriert zugunsten eines Hyper-Individualismus und leerer „Freiheits“-Floskeln. Die minimale Kollektivität, ohne die keine Gesellschaft überleben kann, ist zerstört und der Staat als gestaltendes, zukunftsorientiertes Instrument der Gesellschaft ist handlungsunfähig. Die Dominanz des Finanzsektors hat alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen und zerstört. Eine Plutokratie beherrscht die Politik und verhindert jegliche gesellschaftliche Veränderung zum Besseren.


China baut seit Jahren sogenannte „grüne Städte“. Wie sehen diese aus und wie funktionieren sie? Welche Erfahrungen ergeben sich daraus, auch für andere Länder?

 

Der Kontrast chinesischer Multimillionen-Städte zu den Millionenstädten im Westen oder gar denen in vielen anderen Entwicklungsländern könnte nicht größer sein. Die ostasiatische Philosophie ist hier generell eine andere. Die Städte sind nicht nur sauber, sie sind auch wohlorganisiert. Die Verkehrsüberwachung und -lenkung sorgt dafür, dass die Megastaus, die in den westlichen Millionenstädten nahezu ganztägig zu erleben sind, fast nicht mehr vorkommen.


Die Stadt Guangzhou aus der Vogelperspektive (Archivbild von Xinhua)


Neue Grünanlagen überall, stets wohl gepflegt und jeden Quadratmeter ausnutzend. So kann man sich auch in Millionenstädten wohlfühlen. Welche Ideenlosigkeit und Vernachlässigung dagegen oft in unseren Städten! Am meisten haben mich aber neue Wohngebiete beeindruckt, bei denen die neuen Hochhäuser quasi in neue Wälder hineingebaut wurden. Neue Stadtviertel mit Hochhäusern sind also nicht nur architektonisch und optisch ansprechend und hochwertig gebaut, und sie haben nicht nur eben ein bisschen Rasen um die Häuser, sondern man hat den Eindruck, in einen Wald zu gehen und trifft dann auf das Wohnhaus. Das Grün dominiert die Neubauten.

 

Im chinesischen „Netzwerk der 300 Grünen Städte“ wird mit Null-Emissions-Konzepten städtebaulich und architektonisch experimentiert. Sogar der ökologische Rückbau von Städten findet statt. Ein weltweit führender ökologisch orientierter Architekt aus Barcelona berichtete im Jahr 2019 auf einer chinesischen Innovationskonferenz, dass er die meisten seiner Ideen für ökologische Stadt-Transformation in China realisieren könne und zeigte Beispiele. Die ökologisch führenden westlichen Länder (Deutschland, Finnland, Niederlande etc.) betreiben bei Shanghai jeweils bilaterale Entwicklungsparks, in denen an Null-Emissions-Technologien gearbeitet wird, etwa dem 3-D- und Null-Emissions-Haus aus recycelbaren Materialien.

 

Ich selbst bin in den letzten sieben Jahren von einem „Aha-Erlebnis“ ins andere gefallen, weil ich als Ökonom gesehen habe, wieviel man verändern kann, wenn man die Menschen mitnimmt, während wir hier im Westen in Unfähigkeit erstarren. Die angeblichen „Sachzwänge des Marktes“ verhindern, dass der Westen seine Klimaziele auch nur ansatzweise erreichen wird. Im Westen wird lamentiert, heiße ideologische Luft produziert, wir werden in Nebel „eingewuselt“ … und das Klimaziel wird verfehlt.

 

Inwiefern unterstützt die chinesische Regierung Unternehmen beim Aufbau einer Green Economy? Wie könnte dies im Westen möglich sein?


Chinas „Geheimnis“ ist, dass es echte wettbewerblich organisierte und entsprechend regulierte Märkte hat, die wirklich leistungsfähig sind und die chinesischen Unternehmen leistungsfähig machen. Der Präsident der EU-Handelskammer in China, Jörg Wuttke, hat jüngst gesagt, China sei ein Fitness-Zentrum für die EU-Unternehmen dort. Die Firma Bosch hat die meisten Innovationen des globalen Konzerns erklärtermaßen in China. Der frühere Siemens-Chef Kaeser sagte, China brauche uns nicht, aber wir bräuchten China. Recht hat er. Das ist das „Geheimnis“ eines Systems, in dem die menschlichen Ziele und die Zukunft im Vordergrund stehen und nicht sogenannte „freie Märkte“, die seit langem in engen Oligopolen und Vermachtungen versteinert sind. In China gibt es ein Geben und Nehmen zwischen Unternehmen und Gesellschaft. Die Unternehmen müssen erheblich höhere Sozialleistungen beitragen und Beiträge zur nationalen Entwicklung leisten, Infrastrukturen mit aufbauen, an Pilotentwicklungen teilnehmen und ihre Gewinne produktiv verwenden, statt in sinnfreie Spekulation zu überführen.

 

Ich muss heute feststellen, dass der neoliberale finanzialisierte und plutokratische Kapitalismus des Westens inzwischen Lichtjahre entfernt ist von der Möglichkeit, eine staatliche Handlungsfähigkeit und die Gesellschaftstheorie und -praxis für das notwendige minimale kollektive Handeln wiederzugewinnen. Für einen Konsens, für die Wissenschaftlichkeit und die Solidarität, die nötig sind, um noch einen Beitrag zur Lösung seiner eigenen Probleme und der Probleme der Erde leisten zu können.


*Die Meinung des Artikels spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.

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Quelle: german.china.org.cn

Schlagworte: ökologische Zivilisation,China,Westen,Umwelt,Klima